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Im Namen des TV-Volkes
Schuldig oder unschuldig? Eurofighter-Pilot Lars Koch (Florian David Fitz) hat eine entführte Passagiermaschine abgeschossen, um ein Attentat auf die Allianz-Arena zu verhindern. Eine Szene aus dem TV-Fernsehspiel „Terror Ihr Urteil“. Foto: dpa

Im Namen des TV-Volkes

Die ARD zeigt „Terror – Ihr Urteil“ nach dem Theaterstück Ferdinand von Schirachs. Der Zuschauer stimmt ab: schuldig oder unschuldig?

15.10.2016
  • JÜRGEN KANOLD

Ulm. Selbstmordattentäter haben ein Flugzeug entführt und nehmen Kurs auf die Münchner Allianz-Arena, wo gerade ein Fußball-Länderspiel läuft. Seit den Anschlägen auf das World Trade Center weiß man, was passieren kann. Was aber jetzt tun in dieser Notlage? Befehlsketten laufen ab, die Verteidigungsministerin untersagt schließlich, nach der gültigen Rechtslage, den Abschuss. Doch der Bundeswehr-Pilot Lars Koch, der in seinem Eurofighter die Passagiermaschine verfolgt, fühlt sich seinem Gewissen verpflichtet und handelt: Er schießt die Boeing ab und rettet 70 000 Menschenleben. Jetzt steht er vor Gericht, angeklagt des Mordes an 164 Menschen, die in dem Flugzeug saßen. Ist Koch kein Held, sondern ein Verbrecher?

Schuldig oder unschuldig? Wer darüber entscheiden darf, das ist am Montag das TV-Publikum in Deutschland (ARD), Österreich (ORF) und der Schweiz (SRF). „Terror – Ihr Urteil“ heißt das sehenswerte Fernsehspiel nach dem Theaterstück Ferdinand von Schirachs. Keine Justiz-Soap aus einer Sat-1-Produktion wie „Richter Alexander Hold“, das ist teures Qualitätsfernsehen in der Regie von Lars Kraume und mit prominenter Besetzung: Florian David Fitz (Angeklagter), Martina Gedeck (Staatsanwältin), Lars Edinger (Verteidiger).

Und das ist die Auferstehung des guten alten dokumentarischen Theaters der 60er Jahre eines Heinar Kipphardt („In der Sache J. Robert Oppenheimer“) und Peter Weiss' („Die Ermittlung“) im Medienzeitalter. Eine Debatte auf der Bühne, aber jetzt interaktiv: Nach der Verhandlung folgt die Abstimmung per Telefon oder online, dann verkündet der Vorsitzende Richter das Urteil, und schließlich läuft in der Talk-Show „Hart aber fair“ eine Diskussion.

Im Vorspann fliegt eine Boeing in den blauen Himmel, lärmen ein paar Sekunden lang Funk-Fetzen, ehe Breaking News sich überschlagen. Schon füllt sich ein modern grauer Gerichtssaal, der Blick aus dem Panoramafenster zeigt den Berliner Reichstag – also es geht um eine Sache von nationaler Bedeutung. Dann wendet sich der Vorsitzende Richter, mit sympathisch verlässlicher Autorität gespielt von Burghart Klaußner, zur Kamera und an uns alle: „Meine Damen und Herrn, Sie sind heute aufgerufen, Schöffen eines deutschen Gerichts zu sein. Als Schöffen sind Sie Laienrichter, und das Gesetz stattet Sie mit der Macht aus, über das Schicksal eines Menschen zu entscheiden. Bitte nehmen Sie die Verantwortung ernst. Sie werden ausschließlich über das urteilen, was Sie hier in der Verhandlung hören, deshalb vergessen Sie heute alles, was Sie über den Fall gelesen oder gehört haben . . .“

Die Würde des Menschen

Das ist schön gesagt. Der Strafverteidiger und Bestsellerautor von Schirach (52) aber hat über dieses Thema viel geschrieben: einen „Spiegel“-Essay, der dann dem Sammelband „Die Würde des Menschen ist antastbar“ den Titel gab. Er ging auf theatralische Lesereise, vergangenes Jahr kam „Terror“ als Theaterstück heraus, wurde in Frankfurt und Berlin uraufgeführt und avancierte zum vielerorts inszenierten „Stück des Jahres“. Jetzt das TV-Event; bereits gestern lief der Film „Terror – Ihr Urteil“ auch in 100 deutschen Kinos.

Und dass nun die ganz Bevölkerung aufgerufen ist, über das Schicksal eines Angeklagten zu entscheiden? Ein Urteil per Volksabstimmung? Solchen Populismus vermutet man eher bei Pegida- und AfD-Politikern. „Im Namen des Volkes“ heißt die Formel, gleichwohl sollte das Urteil nicht tribunalartig stimmungsabhängig sein. Da vertraut man lieber der gediegenen deutschen Justiz.

Aber auch das gehört zum Spiel, ja zur Versuchsanordnung und dem selbstgesteckten Bildungsauftrag von Schirachs, der in seinem Stück eine komplexe Rechtslage verhandelt und dem Zuschauer abfordert, Stellung zu beziehen, ihn auch moralisch unter Druck setzt.

Darf man 164 Menschen opfern, um 70 000 zu retten? Das ist die Kernfrage. In Deutschland wurde 2005 ein Luftsicherheitsgesetz erlassen, das als äußerste Maßnahme den Abschuss eines Flugzeugs erlaubte. 2006 aber erklärte das Bundesverfassungsgericht den Passus für verfassungswidrig, weil er gegen die Garantie der uneingeschränkten Menschenwürde verstoße.

Darf Leben mit Leben verrechnet werden? Ist ein Mensch mehr wert als der andere? Hängt das von der Zahl der möglichen Opfer ab? Wer entscheidet das? Hat der Luftwaffen-Pilot die Menschen zu Objekten gemacht? Hätte der Pilot auch die Boeing abgeschossen, wenn seine Familie zu den Passagieren gehört hätte? Hätte man nicht das Stadion räumen können, um den Notstand zu vermeiden? Fragen über Fragen.

Bei der Uraufführung am Schauspiel Frankfurt war das Urteil knapp ausgefallen: 240 Zuschauer für unschuldig, 230 für schuldig. Man frage sich, ob die Abstimmung ähnlich ausgegangen wäre, wenn als Beispiel nicht die Allianz-Arena gedient hätte, sondern Frankfurt, wo am Premierentag, am Tag der deutschen Einheit 2015, Hunderttausende in der Innenstadt und am Mainufer feierten?

Der IS-Terror geht weiter, die Fragen nach den legitimen Mitteln staatlicher Gewalt sind aktueller denn je. Zivilcourage, Moral – wie halten wir's damit? Zweifel kommen auf, ob wir auf solche Situation, wie sie Ferdinand von Schirachs Stück in der Hypothese schildert, wirklich gut vorbereitet sind.

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15.10.2016, 06:00 Uhr

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