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Technik

Im Rausch der Digitalisierung

Die Hausgeräte der Zukunft plaudern in allen Lebenslagen. Auf der Messe CES in Las Vegas bestaunen die Besucher, wie Computer in immer mehr Bereichen des Alltagslebens Einzug halten. Manches davon ist Spielzeug, manches Luxus – und manches ist sogar

12.01.2019

Von THOMAS VEITINGER (mit dpa)

Messebesucher in Las Vegas, so wie sie eine hochauflösende Infrarot-Kamera sieht. Foto: David McNew/afp

Las Vegas. Der Mensch hat statt seines Kopfes einen Bildschirm. Und das im wahrsten Sinn des Wortes. Auf den Schultern des Besuchers im weißen Hemd und grauen Anzug der Technikmesse CES befindet sich eine Art alter Röhrenbildschirm mit großen, traurig blickenden Augen. Was als Witz gemeint ist, ist auch ein Symbol: Computer und Internet durchdringen unser Leben weiter – und ersetzen mehr und mehr menschliche Funktionen. Luniis My-fabulous-Storyteller für 70 Dollar etwa erzählt Kindern 48 Geschichten, die je drei bis sieben Minuten lang sind. Sprachassistenten geben Tipps zum richtigen Waschen, nehmen Befehle entgegen, plaudern aber auch. „Alexa“ steckt heute in Waschmaschinen, Staubsaugern und Öfen, wird auf der Messe geworben. Googles Sprachassistent hört sich am Telefon so menschlich an, dass ernsthaft überlegt wird, Gesprächspartnern mitzuteilen, dass sie nicht mit einem Menschen reden.

Wann werden die ersten Menschen mit Stimmen aus dem Internet länger reden als mit ihren Partnern? Vielleicht braucht es den Lebensgefährten auch gar nicht mehr: Angekuschelt an den Schlafroboter Somnox soll sich dieser wie ein Lebewesen anfühlen, sein „Atmen“ und die simulierten Herztöne ein schnelleres Einschlafen garantieren und mehr Ruhe bringen. Auf Bildern ist eine Frau mit dem kissenähnlichen Somnox zu sehen, im Hintergrund sitzt der Ehemann auf dem Bett und liest.

Der Somnox Schlafroboter soll sich wie ein Lebewesen anfühlen und schnelle Entspannung bringen. Foto: Justin Sullivan/Getty Images/AFP

Die Toilette spricht

Überhaupt: Gesundheit und Schlaf ist ein wichtiges Thema der Messe in Las Vegas. Gerade so, als würde es den Computer-Freaks nicht passen, dass sich die Ruhephase nicht besser regeln lässt. Ausbleibenden Schlaf bekämpft die Schlafbrille „Dreamlight“ mit grünem Licht und leiser Musik. In einer Kabine wird der unruhige Geist gar in 15 bis 30 Minuten schlaffertig gemacht. Wer es wagt zu schnarchen, bekommt vom Kissen Smart Motion Pillow, das sich in verschiedenen Teilen aufbläst, eine Nicht-Schnarch-Position des Kopfes verpasst. Der Kopfbügel Urgonight nutzt Elektroenzephalografie (EEG), um Hirnströme zu messen und schlägt individuell passende Übungen vor, die den Schlaf des Nutzers verbessern sollen. Die Empfehlungen reichen von einem Spaziergang in der Mittagspause bis zu Atemübungen direkt vor dem Schlafengehen.

Absurde Szenen sind auf der Technik-Messe CES in Las Vegas zu sehen, die einen an „Verstehen Sie Spaß?“ erinnern. Etwa die Toilette Numi 2.0 für 7000 Dollar mit Sprachassistent Alexa und Internetanschluss. In Werbetexten ist von „vollumfassender Erfahrung“ die Rede, von Licht- und Soundeffekten. Meinen die US-Hersteller das ernst? Über was soll ich auf der Toilette mit Alexa reden?

Bei manchen Produkten kann man dagegen zumindest die Frage stellen, ob sie sinnvoll sind. Etwa bei Monit‘s Bluetooth-Sensor, der außerhalb von Baby-Windeln anzeigt, ob es innen Flüssigkeiten oder Solideres gibt und eine Nachricht an die glückliche Person schickt, die dies regeln darf. Oder Miracle Twelve, das für 300 Dollar Schluss machen will mit ewig vertrockneten Pflanzen und Nachrichten aufs Handy schickt, wenn es Zeit ist zum Gießen ist oder andere Sachen, die für grünes Wachstum nötig sind.

Der aufrollbare Fernseher LG Signature OLED TV R. Der Preis ist noch nicht bekannt. Foto: Andrea Warnecke/dpa

Bei Fernsehern sind Verbesserungen deutlich sichtbar. Scharf, schärfer, 8K heißt die Devise. Die Bildauflösung in 8000 Spalten sieht fantastisch aus etwa bei Geräten von Sharp und LG. Da Filme in so hoher Auflösung rar sind, setzen die Hersteller auf viel künstliche Intelligenz für bessere Bilder. Ausgefeilte Technik rechnet Bilder in die höhere Auflösung um. Sie analysiert, was sich auf dem Bildschirm befindet, passt Farbdarstellung und Helligkeit an, glättet Kanten oder erschafft Zwischenbilder für eine rundere Darstellung. Das meiste von dem, was die Hersteller als künstliche Intelligenz verkaufen, ist allerdings ein neuer Name für bereits bestehende Funktionen, sagt Klaus Böhm, Leiter Media and Entertainment beim Unternehmensberater Deloitte. Für ihn liegt die Innovation im Bereich der natürlichen Sprachverarbeitung, also dass die Geräte auf normale Sprache hören, statt wie bisher auf relativ starre Kommandos.

Samsung zeigt auf dem Fernseher klassische Gemälde, etwa von Parmigianino. Ist das Gerät The Frame ausgeschaltet, wird sein Porträt von Pier Maria Rossi di San Secondo gezeigt. Der LG Signature OLED TV R verschwindet nach dem Ausschalten sogar gleich ganz. Der 65-Zoll-Schirm lässt sich aufrollen und zieht sich auf Knopfdruck in ein kniehohes Gehäuse zurück. Der Hersteller Seecube wagt es, 3D-Effekte auf einen 8K-Bildschirm zu bringen, die ohne 3D-Brille zu sehen sind. Und dann gibt es noch die Superlative, wie Samsungs The Wall mit 5,56 Meter Diagonale. Preis? Unbezahlbar.

Der Roboter „Lovot“ soll mit 50 Sensoren und 10 Prozessoren Herzen erwärmen und glücklich machen. Foto: Tomohiro Ohsumi/Getty Images

Neuer Name für alte Funktionen

Genauso wie der vollautomatische Brotautomat für 100 000 Dollar, der wohl eher im professionellen Bereich eingesetzt werden dürfte. Bezahlbar ist Foldimate für knapp 1000 Euro, ein Automat, der Wäsche faltet. Aber braucht man das wirklich, vor allem weil der Automat wohl mit Socken und Unterwäsche überfordert ist? Oder eine ähnlich teure Bierbrauanlage: Mit einem Satz von Einweg-Kapseln – die Malz, Hefe und Aroma-Hopfenöl enthalten – können Benutzer den Brauprozess per Tastendruck starten. Je nach Biersorte braucht die LG Homebrew etwa zwei Wochen für bis zu fünf Liter Bier. Schneller geht es mit Y-Brush. Die neue Zahnbürste nimmt sich fürs Schrubben zehn Sekunden Zeit – für alle Zähne. Unten sitzt ein Motor, oben reinigen feine Lamellen die Zähne in einem Winkel von 45 Grad. Auch ein Sprühgerät wird vorgestellt, das uns mit Sonnenmilch einsprüht. Lumini führt in zehn Sekunden einen Test durch, welches die beste Lösung für Sonnenschutz ist.

Das Internet dringt vor und vermischt sich mit der Realität, etwa bei einer Brille von Nreal, die Videobilder in die reale Welt projiziert. Der Hersteller Groove X will sogar eine „neue Beziehung zwischen Menschen und Robotern beginnen“. Der Roboter Lovot, eine Wortmischung aus Love (Liebe) und Roboter ist dazu mit mehr als 50 Sensoren und 10 Prozessoren ausgestattet.

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Erstellt:
12. Januar 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
12. Januar 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. Januar 2019, 06:00 Uhr

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