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Aus der Komfortzone holen

Im Rotlichtviertel: Petra Volpe mit „Traumland“ bei den Frauenwelten

Heiligabend in Zürich. Die Straßenhure Mia freut sich auf Weihnachten mit ihrem Kind in Bulgarien. Eine Handvoll Menschen aus dem bürgerlichen Milieu werden dagegen von Ängsten geplagt. Im Verlauf des Tages überkreuzen sich ihre Wege auf verhängnisvolle Art. „Traumland“ heißt der Short-Cuts-artige Spielfilm von Petra Volpe, den sie beim Filmfest Frauenwelten präsentiert.

21.11.2014

TAGBLATT: Frau Volpe, Ihr Film handelt von der Straßenprostituierten Mia, die zunächst ganz zufrieden mit ihrem Job zu sein scheint, dann aber mit den üblen Seiten des Gewerbes konfrontiert wird. Gab es dafür ein konkretes Vorbild?

Petra Volpe: Die Figur setzt sich aus vielen Beobachtungen und Begegnungen zusammen. Ich habe ein Jahr lang intensiv im Zürcher Rotlichtmilieu recherchiert, war auf dem Straßenstrich, in den Wärmestuben der Prostituierten und bei Polizei-Razzien in Bordellen. Mias Schicksal ist typisch. Viele Frauen aus Osteuropa denken, wenn sie in die Schweiz kommen: ich ziehe das mal drei Monate durch und danach kann ich ein Jahr lang meine Familie ernähren. Diese Rechnung geht aber in den meisten Fällen nicht auf. Die Frauen unterschätzen vollkommen die Gewalt und die Gemeinheit in dieser Szene – von den Zuhältern, aber auch von vielen Freiern.

Anders als die meisten Filme zum Thema Prostitution betten Sie die Geschichte in einen größeren gesellschaftlichen Kontext. . .

Je tiefer ich bei meinen Recherchen vorgedrungen bin, desto mehr Fragen haben sich mir an die Gesellschaft außerhalb der Szene aufgedrängt. Das Rotlichtmilieu ist keine abgetrennte Welt von Verbrechern und Perversen, sondern zeigt wie durch ein Brennglas die sozialen, politischen und ökonomischen Machtverhältnisse unserer Gesellschaft. Ich wollte vermeiden, dass das Publikum Mitleid mit der armen Prostituierten hat, am Ende aber von jeder Verantwortung entlastet ist. Deswegen drehe ich den Scheinwerfer immer wieder in Richtung der bürgerlichen Gesellschaft, um die Zuschauer aus der Komfortzone zu holen.

Mehrere Menschen wären im Verlauf der Geschichte in der Lage, Mia zu helfen, aber alle versagen, als es darauf ankommt. Leben wir wirklich in einer so unbarmherzigen Welt?

Ich habe in der Tat das Gefühl, dass Empathie im Verhalten der Menschen, aber auch in der Politik, keine große Rolle mehr spielt. Das sieht man auch an unserem Umgang mit Flüchtlingen.

Woran liegt das?

In meinem Film wurde allen Figuren Schmerzen zugefügt. Sie sind aber unfähig, irgendwie damit umzugehen und suchen ein Ventil. Am Ende laden sie ihre Frustration bei den Schwächsten der Gesellschaft ab – und das sind nun mal die Prostituierten.

Terre des Femmes, der Veranstalter des Filmfests Frauenwelten, fordert ein generelles Sexkauf-Verbot in Deutschland nach skandinavischem Vorbild. Ihr Film scheint dafür gute Gründe zu liefern, oder?

Sicher ist, dass die Liberalisierung der Prostitution in Deutschland und in der Schweiz nicht dazu beigetragen hat, dass die betroffenen Frauen mehr Rechte haben und weniger stigmatisiert werden. Im Gegenteil: Frauenhandel und Zwangsprostitution florieren mehr denn je. Ich hoffe, dass mein Film dazu beiträgt, dass die Frage, was eine Gesellschaft ihren Schwächsten zumutet, nochmals neu diskutiert wird.

Interview: Klaus-Peter Eichele

Im Rotlichtviertel: Petra Volpe mit „Traumland“ bei den Frauenwelten
Scheinwerfer auf die Gesellschaft: Regisseurin Petra Volpe.Bild: Agentur

Im Spielfilm „Traumland“ kreuzen sich an Heiligabend auf dem Zürcher Straßenstrich die Lebenswege der osteuropäischen Prostituierten Mia und einer Handvoll gut bürgerlicher Menschen: eine spießige Ehefrau, die hinter das Rotlicht-Faible ihres Gatten kommt; eine Sozialarbeiterin, die sich in der Wärmestube abrackert; eine einsame Nachbarin, die sich an Weihnachten nach Liebe seht; ein Freier, der sich aus Eigennutz als barmherziger Samariter aufspielt. Sie alle sind am Ende in das traurige Schicksal der jungen Hure verwickelt. Die fein gearbeitete Milieustudie, die zugleich Gesellschaftspanorama und Anti-Weihnachtsmärchen ist, läuft am Freitag (20.30 Uhr, Museum) und am Samstag (20 Uhr, Waldhorn) beim Filmfest Frauenwelten. Neben Regisseurin Petra Volpe kommt auch Hauptdarstellerin Luna Mijovic zu den Vorstellungen. Von Montag bis Mittwoch wird "Traumland" im Kino Atelier gezeigt.

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21.11.2014, 12:00 Uhr

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