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Die unversöhnliche Ebstein

Im Sudhaus wollte sie nicht mehr an Wunder glauben

Irgendwie ist Katja Ebstein ja schon immer da. Seit den frühen 70er Jahren mal mehr, mal weniger. Am Freitagabend war sie auch mal wieder richtig in Tübingen. Nicht als Schlagersängerin allerdings. Die Ebstein kam als Belehrende und Unversöhnliche.

08.10.2012
  • Matthias Stelzer

Das sieht man auch nicht alle Tage vor dem Sudhaus. In einer langen Schlange warten rund hundert Leute auf Einlass. Meist reife Gesichter schauen gebannt in Richtung des Eingangs. Einige Studentinnen, die die Anstehenden passieren, haben jenes Jetzt-kommen-sie-schon-zum-Sterben-hier-her-Lächeln auf den Lippen, das nur wenig Spielraum für Interpretationen lässt.

Es ist nicht das gewohnte Publikum des sozikulturellen Zentrums, das hier ansteht. Es sind Leute, die wegen Katja Ebstein kommen. Und zuerst Mal warten müssen. Noch als das Konzert laut Ankündigung schon laufen sollte, geht an der Tür nichts. Verhaltene Empörung macht sich breit, vereinzelt gibt es Pfiffe. „Ich wusste gar nicht, dass du durch die Finger pfeifen kannst“, sagt eine Frau – augenscheinlich Anfang 60 – zu ihrem Mann. Ein Ehepaar in ähnlichem Alter etwas weiter hinten in der Schlange rätselt derweil noch, welches Programm gegeben wird. Sie haben zufällig erfahren, dass die Katja in Tübingen ist.

Oberlippenbart und Abendgarderobe lassen allerdings darauf schließen, dass diese Besucher mit der Schlagersängerin groß geworden sind. „Sie sieht auf dem Plakat sehr jung aus“, sagt der Mann und weist in Richtung Tür. „Ja mit dem Alter hat die Ebstein Probleme. Das weiß man ja“, entgegnet seine Frau fast schon etwas spitz.

Aber vielleicht gehört sich das ja auch für Frauen, die es zur Ehrenbezeichnung „die“ gebracht haben. Die Dietrich, die Knef, die Ebstein. Letztere lässt ihr Publikum auch im großen Saal des Sudhauses nochmal warten. Bis stimulierender Beifall aufkommt, und Sudhaus-Geschäftsführer Adalbert Sedlmeier an die Tür eilen muss, um Gäste zu beruhigen, die schon wieder gehen wollen.

Rund 200 Besucher/innen sind wenig genug. Da hatte man sich auf Veranstalterseite mehr erhofft. Zumal der Ebstein in Tübingen mit ihrem Polit-Programm „Na und . . . wir leben noch“ auch mehr jüngeres Publikum zugetraut wurde. „Ein Online-Anbieter hat fälschlicherweise das Schlager-Programm angekündigt“, klagt Sedlmeier.

Dann ist sie plötzlich da. Schlicht in grau und mit einer Aids-Schleife gekleidet, tritt die Frau, die eigentlich Karin Wietkiewicz heißt, auf die Bühne. Die Deutsche Bahn sei für die Verzögerungen verantwortlich. „Das war fast wie loofen“, berlinert sie die Erklärung. Und nutzt die Verspätung gleich, um den Baden-Württembergern ihre Verehrung auszusprechen. Für den friedlichen Bürgerprotest auf der Straße gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 lobt sie „das eher schwermütige Volk“. Und beeilt sich nach einem Raunen im Publikum zu präzisieren: „Schwermütig heißt auch tief.“

Womit man auch schon tief drin ist in der Botschaft der Ebstein. Mit ihrem lyrischen Chanson-Programm, das Bert Brecht, Hans-Dieter Hüsch, Kurt Tucholsky, Heinrich Heine, Mascha Kaleko oder auch Hannes Wader und „Konny“ Wecker zu Wort kommen lässt, will die 67-Jährige aufrütteln. Eine politische Mission, die ihr während des Abends dann aber allzu oft zu sendungsbewusst gerät. Wenn zwischen den teilweise bezaubernden Gesangspassagen, plötzlich alle Politiker „nur unsere Angestellten sind“, wenn die Banker an der Wall Street „alle einen Schuss haben“ und wir uns besser „alle um unser heiles Herz kümmern“ sollten, dann klingt die Ebstein wie ein wütendes und politisch pubertierendes Teenager-Mädchen.

Gepaart mit ihren mütterlich unnachgiebigen Einlassungen zur Lebenserfahrung („Mein politischer Lehrer war Willy Brandt“) und der berlinerischen Publikums-Ansprache „Kinners“ gerät Katja Ebsteins Gastspiel zu einer Art Gemeinschaftskunde-Stunde für gemeinsam Altgewordene.

Zu viel pauschale Ebsteinsche Message – das nimmt dem Programm mit den vielen anregenden Botschaften anerkannter aufgeklärter Dichter und Denker fast den ganzen Charme. Dagegen hilft auch ein kurzer und folgenloser Moment der Erkenntnis nichts mehr. Katja Ebsteins, um 21.16 Uhr gesprochener Satz „Ich möchte nicht, dass Sie sich belehrt vorkommen“ klingt ohnehin zu eingeübt. Erschreckend halbherzig.

Dabei gelingt es der Ebstein mit ihrer warmen, leicht rauen und enorm vollen Stimme doch noch immer spielerisch, das ganze Herz des Publikums zu erobern. Als Sängerin bezaubert die Berlinerin wie eh und je. Als lautstark lamentierende Weltverbesserungs-Künstlerin ist sie so selbstgefällig und politisch korrekt unterwegs, dass sich am Ende ihres Programms nicht nur notorische Schlagerfans ein paar einfache Harmonien wünschen – à la „Wunder gibt es immer wieder“.

Im Sudhaus wollte sie nicht mehr an Wunder glauben
Katja Ebstein steht seit über 40 Jahren auf der Bühne und wird offenbar auch nicht müde, von dort aus ihre Sicht auf die Welt zu predigen. Bild: Faden

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08.10.2012, 12:00 Uhr

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