Horb · Vierbeinerhilfe

Im Tierheim gibt es keine Ferien

Carola Greiner und ihr Team konnten im vergangenen Jahr zwar weniger Hunde vermitteln. Der Zukunft schaut die Leiterin der Talheimer Einrichtung dennoch hoffnungsvoll entgegen.

04.01.2021

Von Benjamin Breitmaier

Buelita tut sich schwer mit dem Laufen. Für Streicheleinheiten von Carola Greiner strengt sie sich aber an.

Betriebsferien gibt es auf der Anhöhe in der Nähe von Talheim nicht, genauso wenig wie die Möglichkeit zum Homeoffice. Es muss immer jemand da sein in dem Gebäude mit der melodiösen Adresse „Käppele am Hochsträß 1“. 365 Tage im Jahr muss sich jemand um die Bewohner kümmern.

Die haben oft traumatische Erfahrungen hinter sich. Sie sind die besten Freunde des Menschen, sagt man, doch manchmal ist diese Freundschaft eine Einbahnstraße. Davon könnte Buelita berichten, wenn sie denn eine Stimme hätte.

Die kleine Mischlingshündin freut sich, wie sich nur Hunde freuen können, als jemand in ihr Zimmer kommt. Sie wohnt erst seit zwei Monaten hier. Das Sonnenlicht ist neu für sie, die Zuneigung mit großer Wahrscheinlichkeit auch. Buelita verbrachte den größten Teil ihres Lebens in einem Keller, zwischen 25 Artgenossen. „Animal Hoarding“ nennen das die Psychologen – das pathologische Sammeln lebender Tieren.

Schließlich hat jemand Buelita und ihre Mitgefangenen entdeckt, weil der Mensch, der für ihr Schicksal verantwortlich war, einen Unfall hatte. Die Behörden schalteten sich ein.

So kam Buelita nach Talheim. Sie ist gezeichnet, lahmt auf beiden Hinterläufen. Ihre Muskeln sind verkümmert. Auf das kleine Sofa im Zimmer kommt sie noch nicht hoch. Das hält die Hündin jedoch nicht davon ab, an Carola Greiner hochzuspringen, die mit im Zimmer ist. „Sie macht aber mit einem Kollegen Physiotherapie“, erklärt sie. Trost spendet auch Buelitas aufgeweckter Zimmergenosse Azul. „Wir versuchen eigentlich immer, Gruppenhaltung zu machen“, meint die Tierheimleiterin. Sie macht den Job seit 16 Jahren. Wie einige weitere Kollegen wohnt sie in dem Gebäude, das die Namensgeberin Renate Lang im Jahr 2000 dem Horber Tierschutzverein geschenkt hat.

Das vergangene Jahr war auch für die 57-Jährige und ihr Team außergewöhnlich – im positiven wie negativen Sinn. „Die Leute sind sehr hilfsbereit“, meint sie. Ihr Berliner Einschlag ist deutlich zu hören. Die acht ehrenamtlichen Gassigeher seien ihnen treu geblieben, wenngleich sie keine neuen Interessenten fürs Gassigehen angenommen haben, pandemiebedingt.

Greiner erzählt stolz von der Weihnachtsaktion in Kooperation mit dem Horber Fressnapf und dem Tübinger Futterhaus, von der Bescherung für die 21 Hunde, 25 Katzen und Kleintiere, die das Heim aktuell ihr Zuhause nennen.

30 Prozent weniger Hunde konnten die Tierschützer im vergangenen Jahr vermitteln. Greiner meint, das wäre in Ordnung. Schlimmer fände sie es, wenn Menschen ein Tier adoptieren und dann nach der Pandemie feststellen, wie zeitintensiv die Pflege ist. Durchschnittlich sind es 80 Hunde und 75 Katzen pro Jahr, die durch Carola Greiner und die sieben Angestellten plus Azubi ein neues Zuhause finden. Nicht zu vergessen die Kleintiere, wie Meerschweinchen und Kaninchen – oder auch Afrikanische Zwergmäuse, die jemand samt Terrarium einfach am Ufer des Tumlinger Sees abgestellt hat. Greiner wundert sich manchmal über die Menschen.

Die kalte Jahreszeit stellt auch sie vor Herausforderungen. Gefundene Katzen sind oft dehydriert, leiden unter Katzenschnupfen. „Die haben’s auch mit dem Herz und den Gelenken, denen geht’s so wie uns“ – die Tierheimleiterin lacht.

Für das kommende Jahr hofft sie, Unterstützer unter Horber Handwerkern zu finden. Zwei Zimmer für die Hunde müssten dringend renoviert werden, Kostenvoranschlag: 55000 Euro. Für einen gemeinnützigen Verein, der sich zum Großteil aus Spenden finanziert, eine riesige Summe.

Vor dem Gebäude liegt die fußballfeldgroße Freifläche. Zweimal am Tag dürfen die Bewohner nach draußen. Es ist ruhig an dem Dezembertag, nur die Vögel sind zu hören. Carola Greiner schaut zufrieden auf die Anlage. Der Mangel an Betriebsferien scheint sie nicht zu stören, doch „Geld könne man immer brauchen“, meint sie, fügt aber gleich an: „Wir können nicht jammern.“

Beim Fototermin durfte der 14-jährige Pumba mit aufs Bild. Er heißt so, weil die beiden verbleibenden Zähne ihn ein wenig wie das Warzenschwein aus dem Disneyfilm „König der Löwen“ aussehen lassen. Bilder: Karl-Heinz Kuball

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Erstellt:
4. Januar 2021, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
4. Januar 2021, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 4. Januar 2021, 01:00 Uhr

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