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Mittelmeervegetation in Schwalldorf

Im Vorgarten von Rosina und Johannes Kammerer blüht eine Agave

Noch einige Tage haben Rosina und Johannes Kammerer in Schwalldorf Freude an der Blüte ihrer Agave. Dann stirbt sie ab und mit ihr die ganze Pflanze. Blühende Agaven sind hierzulande selten: Die Kammerers bekamen ihre Pflanze 1973 geschenkt.

20.08.2015
  • Gert Fleischer

Schwalldorf. 2004, vor elf Jahren also, berichteten wir von einer Agavenblüte in Tübingen: „Der Blüte folgt der Tod“, hieß die Überschrift, die das Außergewöhnliche dieser Blüte genau umreißt. damals schrieb der Kollege: „Im Botanischen Garten gibt es diese Woche eine kleine Sensation zu bewundern: Eine seltene Agave aus dem Südwesten Nordamerikas ist erblüht.“

Schwalldorf benötigt für solche botanischen Besonderheiten keine spezielle Einrichtung, es liegt ja ein ganzes Stück weiter südlich. Im Süden nämlich, in Frankreich, Italien, Spanien, wachsen Agaven einfach so in der Landschaft; häufig sind sie neben Straßen zu sehen. Dort fallen sie den Touristen besonders auf, wenn die Blütenstände fast wie Telegrafenmasten einige Meter oberhalb des Bodens vor dem blauen Himmel prangen. In Mexiko werden Agaven auf Plantagen angebaut, um aus ihrem Zucker den Schnaps Tequila zu gewinnen.

Ob es die gleiche Agaven-Art ist wie in Tübingen, die in Schwalldorf im Vorgarten an der Hauswand in der Turmstraße 21 steht, wissen wir nicht. Aber wir wissen, weil es uns die Besitzer erzählt haben, dass die Pflanze rund 60 Jahre alt sein muss. Seit 1973 gehört sie ihnen. Da haben sie sie geschenkt bekommen von ihrem Bekannten Eberhard Letzgus, dem sie zu groß geworden war. Eine zweite Agave, die Letzgus damals abgab, ging in einem strengen Winter in den 80er-Jahren ein, weil sich der Frost in ihr Winterlager, eine Scheune, biss.

Rosina und Johannes Kammerer holen ihre großen Agaven – neben der blühenden steht noch eine zweite – jeden Herbst ins Haus in den breiten Gang. Die beiden Senioren – 75 und 73 Jahre alt – schaffen das nicht mehr allein, aber es gibt ja Kinder und Enkel, die anpacken. Um durch die Haustüre zu kommen, müssen die Blätter hochgebunden werden. Rosina Kammerer zwickt stets die Dornen ab auf der Höhe, wo sie Vorbeigehenden gefährlich werden könnten. Unblutig gehe der Rein- und Raustransport der Agaven selten vonstatten, berichten die beiden.

Johannes Kammerer sei es stets wichtig, sagt seine Frau, dass die Agaven im Herbst rechtzeitig ins Haus verfrachtet werden und im Frühjahr nicht vor den Eisheiligen wieder ins Freie gelangen. Selbst, wenn ihr Mann mal im Krankenhaus liege, gelte seine Sorge den Agaven, damit sie ja nicht erfrieren. Drei bis vier Grad minus würden sie ertragen, meint er, mehr nicht.

Seine Agaven-Liebe ist umso verwunderlicher, da Johannes Kammerer sich mit Grünzeug sonst nicht viel befasst. Seine Frau ist es, die den ganzen Tag im großen Garten fuhrwerkt. Er sitzt lieber am PC. Die Frage, weshalb er die Agaven so mag, weiß er gar nicht recht zu beantworten. Vielleicht, weil sie so gut wie keine Arbeit machen außer dem Saison-Transport. Im Freien reicht ihnen der Regen zum Leben, gedüngt wurden sie nie und umgetopft zum letzten Mal vor vielleicht zehn Jahren. Nur jetzt, da die eine Pflanze blüht, haben die Kammerers ein wenig mit Wasser nachgeholfen. Und oben im zweiten Stock ihre Hauses mit einer Schnur, um den bis auf 4,35 Meter Höhe gewachsenen Stängel am Fenster etwas zu fixieren.

Seit Mitte Juni hielt Johannes Kammerer unsere Redaktion auf dem Laufenden, seit es klar war, dass aus dem stachligen Büschel eine Blüte sprießt. Zuallererst hätten sie gedacht, jetzt gehe „der Kaktus“ kaputt, als sich so ein braunes Teil aus seiner Mitte schob. Dank Internet wusste Kammerer sehr bald, dass sie eine Blüte erwarten konnten. Dass Agaven nicht zu den Kakteen, sondern zu den Spargelpflanzen gehören, wissen die Zwei auch.

Was die Kammerers mit dem Blütenstängel machen, wenn er abgetrocknet ist, wissen sie noch nicht. Aus der Nachbarschaft wurde bereits Interesse angemeldet. Aufs Bild wollen Johannes Kammerer, ehemals als Mechanikermeister bei Oskar Fischer arbeitend und 36 Jahre ehrenamtlich als Kirchenpfleger in Schwalldorf, und Rosina Kammerer, die zuletzt im Bischöflichen Ordinariat beschäftigt war, auf keinen Fall. „Noi, des isch et onser Art!“, sagt sie und er nickt.

Im Vorgarten von Rosina und Johannes Kammerer blüht eine Agave
Schwalldorf, Blühende Agave vor dem Haus von Rosina und Johannes Kammerer. 2015-08-17, Bild: Fleischer

Im Vorgarten von Rosina und Johannes Kammerer blüht eine Agave
Schwalldorf, Blühende Agave vor dem Haus von Rosina und Johannes Kammerer. 2015-08-17, Bild: Fleischer

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20.08.2015, 12:00 Uhr

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