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Im Waldhorn wurde Klaus Gietingers Film über Eugen Bolz gezeigt
Szenenfoto aus Klaus Gietingers Film, der Historiker Frank Raberg besucht mit dem Rottenburger Medizinstudenten Lukas Heger, einem Ur-Ur-Enkel von Eugen Bolz, dessen Grab auf dem Stuttgarter Pragfriedhof. Bild: Tellux
Mannhaft und aufrecht

Im Waldhorn wurde Klaus Gietingers Film über Eugen Bolz gezeigt

Auch die Spitzen der Diözese und der Stadtverwaltung kamen am Montag ins Waldhorn-Kino. Ein volles Haus erlebte die Rottenburger Premiere des schon 2013 gedrehten 45-minütigen Dokumentarfilms von Klaus Gietinger über Eugen Bolz.

20.04.2016
  • Fred Keicher

Rottenburg.Den Titel „In mir schafft es gewaltig“ hat Gietinger aus einem Brief von Eugen Bolz an seine Maria, in dem er seine inneren Kämpfe um die Zustimmung zu Hitlers Ermächtigungsgesetz beschreibt. Dass der Film aus einer zehnteiligen Reihe „Moderne Märtyrer“ ziemlich unbekannt geblieben ist, liegt nicht an der mangelnden Bekanntheit des Filmemachers. Gietinger ist seit dem Heimatfilm „Daheim sterben die Leut‘“ (1985) eine Größe des deutschen Films, hat einige „Tatorte“ gedreht und viele Dokumentarfilme.

In seinem Bolz-Film verwendet historische Filmaufnahmen und Interviews von Alt-Ministerpräsident Erwin Teufel, der Historiker Frank Raberg, der Bolz-Enkel Otto Rupf-Bolz und dem Rottenburger Medizinstudenten Lukas Heger. Der 26-Jährige hatte entdeckt, dass Bolz sein Ur-Ur-Onkel ist. In einer kleinen Spielhandlung zeigt der Film, wie Heger in Rottenburg und im Staatsarchiv die Spuren des Lebenswegs seines Verwandten entdeckt, einen Weg den dieser „aufrecht und mannhaft“ gegangen ist – bis zum Tod unter dem Fallbeil.

Bolz unterschätzte die Nazis

Tief beeindruckt aber nicht unkritisch zeigte sich das Publikum in der anschließenden Diskussion, die Karlheinz Geppert leitete. Die Darstellung des politischen Wirkens von Eugen Bolz in Württemberg der Weimarer Zeit, vermisste Thomas Schnabel, Direktor des Hauses der Geschichte in Stuttgart. Dass Württemberg relativ leicht durch die Weltwirtschaftskrise gekommen ist, sei Bolz zu verdanken. Der habe mit öffentlichen Arbeiten, etwa dem Bau des Neckarkanals, der Arbeitslosigkeit entgegengewirkt. Und trotzdem sparsam gewirtschaftet. Als die Nazis die Macht übernahmen, fanden sie einen soliden Staatshaushalt vor und konnten mit vollen Händen das Geld für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen ausgeben.

Dass Bolz die Nazis unterschätzt habe, den Münchner Hitler-Putsch von 1923 mit dem Marsch auf die Feldherrnhalle als Hanswurstiade angesehen hatte, hatte ihm Gietinger im Film angelastet. Der Historiker Frank Raberg, Autor einer Bolz-Biographie, machte im Film-Interview ganz beiläufig die Bemerkung, dass die SPD für Bolz immer „der Feind der Ordnung“ geblieben sei, nicht aber die Nazis, wenigstens solange sie ihr „legalistisches Mäntelchen“ getragen hätten.

Als Mann, „der es sich schwer machte“, stellt der Film Eugen Bolz dar. Er stand lange unter dem Einfluss einer dominanten Mutter und gründete erst spät ein Familie mit Maria Hoeneß, einer Ulmer Hotelierstochter, die als eine der ersten Frauen ein Studium absolvierte, unter anderem an der Sorbonne. Auch politisch machte es Bolz sich schwer. Rang sich die Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz ab (Fraktionsdisziplin!), rang sich die Mitarbeit am Widerstandskreis des Carl Goerdelers ab, obwohl er dem „Tyrannenmord“, der Ermordung Hitlers nicht zustimmen konnte.

Politisch fand er einen Platz im Goerdeler-Kreis, wo man viel über Kabinettslisten für die Zeit nach Hitler beraten hat. Bolz sollte erst Innenminister werden; dann ging das Ressort an die SPD, und Bolz sollte Kultusminister werden. Die Nazis machten mit den „ehrlosen Lumpen“ kurzen Prozess. Kirchliche Kreise drängten den Papst, ein Gnadengesuch für Eugen Bolz einzureichen. Der lehnte allerdings ab. Neu erfährt man aus dem Film, dass die Intervention des päpstlichen Nuntius in Berlin insoweit Erfolg hatte, als Bolz nicht an die Fleischerhaken gehängt, sondern mit dem Fallbeil ermordet wurde.

Ist Bolz ein Held oder ein Vorbild? Lukas Heger ist für ersteres, Erwin Teufel für letzteres, aber nur aus Abneigung gegen das Wort Held. Trotz dieser Einschätzung blieb der Politiker Bolz merkwürdig im Dunkeln. Ein Diskutant regte einen Vergleich mit Konrad Adenauer an. Was würde der wohl ergeben?

NS-Vorsitzender wollte Bolz ausbürgern

Welche Wendungen das Andenken an Bolz in Rottenburg nahm, schilderte Geppert zum Schluss. 1933 stellte der Vorsitzende der NSDAP-Fraktion im Gemeinderat, Karl Müller, den Antrag, Bolz die 1931 verliehene Ehrenbürgerwürde abzuerkennen. Der Rat lehnte das ab. Die Rottenburger wählten Müller kurz darauf auch nicht zum Bürgermeister. Das wurde er erst 1954. Er stand dann mit an erster Stelle, als 1957 das Gedenk-Relief an der Morizkirche eingeweiht wurde. Auch am Montag gab es unerwartete Begegnungen, aber der freundlichen Art. Alt-OB Wilfried Löffler wandte sich an Lukas Heger und sagte: „Jetzt wohnen wir zwei Häuser auseinander und kennen uns nicht. Ich hoffe, dass das nicht so bleibt.“

Info „In mir schafft es gewaltig“ wird noch einmal im Waldhorn-Kino gezeigt am 31. Mai um 18 Uhr.

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20.04.2016, 11:14 Uhr

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