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Leitartikel KULTURGUTSCHUTZ

Im kulturellen Interesse

Lena Grundhuber

02.04.2016
  • SWP

Da werden Geschütze aufgefahren! Neulich in der "Welt am Sonntag" entrüstete sich Kunstsammler Egidio Marzona. Überall neue Zäune in Europa, und dann sowas: "Es ist ein schlechtes Zeichen, wenn die Kultur in Deutschland ein Signal setzt, das auf dem Nationalgedanken basiert." Offenheit, Handel, Austausch - alles werde negiert. Das Stichwort "Handel" beruhigt: Hier geht es nicht um ein dubioses Gesetz zum Schutz urdeutscher Volkskultur aus dem Geiste von Pegida, sondern nur um das neue Kulturgutschutzgesetz.

Packen wir die ideologischen Großkaliber weg und sind ehrlich: Es ist die Sorge ums Geld, die Sammler und Galeristen auf die Barrikaden treibt gegen den Gesetzentwurf von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU). Der wird derzeit im Bundestag verhandelt und sieht in der Tat Einschränkungen vor: Zum einen muss man für Kulturgut aus dem Ausland, insbesondere für archäologische Objekte, künftig eine Ausfuhrerlaubnis vorweisen. Damit will Deutschland dem illegalen Antikenhandel das Wasser abgraben.

Zum anderen braucht Kulturgut aus Deutschland ab einer bestimmten Alters- und Wertgrenze - bei Gemälden 70 Jahre und 300 000 Euro - nun auch für den EU-Binnenmarkt eine Ausfuhrgenehmigung. Wird das Objekt als "national wertvolles Kulturgut" eingestuft, kann es nicht auf dem internationalen Markt verkauft werden. Händler fürchten um Gewinne und fordern ein Vorkaufsrecht des Staates nach dem Vorbild Großbritanniens. Dann müsste der Staat kaufen, um Abwanderung zu verhindern. Das hätte tatsächlich den Vorteil, dass ein Kunstwerk für die Allgemeinheit sichtbar bliebe - die SPD-Fraktion will dies prüfen.

Teure Objekte könne Großbritannien so in der Regel nicht halten, sagt Monika Grütters. Und massenhafte Ausfuhrverbote sind wohl auch künftig nicht zu erwarten: Seit 1955 existiert eine von den Ländern geführte Liste national wertvollen Kulturguts mit ganzen 2700 Eintragungen, ohne dass dies sonderlichen Aufschrei provoziert hätte. Bleibt die interessante Frage nach den Kriterien. Laut Gesetz ist ein Werk national wertvoll, wenn es besonders bedeutsam für das kulturelle Erbe Deutschlands und identitätsstiftend ist - und wenn seine Abwanderung einen wesentlichen Verlust bedeuten würde, sein Verbleib also im "herausragenden kulturellen öffentlichen Interesse" liegt.

Alles zu unscharf für einen so schweren Eingriff in das Eigentumsrecht, kritisieren Juristen. Politisch naiv, meint Philosoph Andreas Urs Sommer: Wollten doch gerade Staaten Identität in ihrem Sinne festschreiben. "Warum sollte es moralischer sein, dass sich ein Kulturgut in staatlicher statt in privater Obhut befindet?"

Weil eine Gesellschaft so die Möglichkeit erhält, sich über ihre Identität auseinanderzusetzen. Weil sie nur so feststellen kann, dass wichtige "deutsche" Kunst gewissermaßen international ist, wie Kunsthistoriker Matthias Müller jüngst dargelegt hat. Ein Caspar David Friedrich ist nicht denkbar ohne die Werke europäischer Kollegen und ein Warhol gehört auch zur deutschen Nachkriegsgeschichte. Das "Nationale" wäre so nur ein unglücklicher Name für das kulturelle Erbe, mit dessen Hilfe eine Gesellschaft ihre Identität laufend neu aushandelt, mit allen Einflüssen, die sie formen. So wie der Staat ein Verkehrsnetz unterhält, darf und soll er die Infrastruktur für das kollektive Gedächtnis bereitstellen. Bewahren kann das vor nichts, denn Bilder sind auch das, was man in ihnen sieht. Dazu aber muss man sie sehen können.

Identität wird

laufend neu

verhandelt

leitartikel@swp.de

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02.04.2016, 06:00 Uhr

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