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Ein großer Lessing-Forscher

Immer auch Wahl-Tübinger geblieben: Der Germanist Wilfried Barner starb im Alter von 77 Jahren

Schwäbisch hat er nie richtig gelernt, obgleich er über drei Jahrzehnte in Tübingen gelebt und geforscht hat, in engem Austausch mit Walter Jens, Hans Küng, Rüdiger Bubner und vielen anderen Gelehrten. Zwar wechselte er 1992 nach Göttingen, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2002 ertragreich wirkte. Er ist aber immer auch Wahl-Tübinger geblieben.

25.11.2014
  • Prof. Georg Braungart & Prof. Helmuth Kiesel

Tübingen. Das hier noch begonnene große Buch über literarisches Traditionsverhalten, an dem er seit vielen Jahren intensiv gearbeitet hat, konnte er nun nicht mehr vollenden. Der große Tübinger und Göttinger Germanist Wilfried Barner ist in der Nacht auf den 22. November in Göttingen nach langer Krankheit gestorben.

Er hatte dem hiesigen Deutschen Seminar über 20 Jahre die Treue gehalten. In dieser Zeit war er ein Markenzeichen seiner Alma Mater geworden, und die Angabe „Wilfried Barner, Tübingen“ unter Vortragstiteln gehörte zu den Qualitätssignalen großer Kongresse und Tagungen in aller Welt. Das begann so richtig im Jahre 1970, als bei Niemeyer in Tübingen ein dickes Buch mit dem lapidaren Titel ‚Barockrhetorik‘ erschien. Die Habilitationsschrift des gerade 33 Jahre alten Ordinarius Wilfried Barner schlug im Fach derart ein, dass wenig später beim großen internationalen Wolfenbütteler Barockkongress Conrad Wiedemann mit diesem Werk gar eine neue Zeitrechnung der Barockforschung beginnen ließ. Dabei war der Verfasser zunächst eigentlich weniger ein Germanist als vielmehr ein klassischer Philologe: Bei Walter Jens hatte er seine Dissertation über den altgriechischen Lyriker Alkaios angefertigt, die zu den schönsten Hoffnungen einer Gräzisten-Laufbahn berechtigte. Die „Barockhetorik“ nun erschloss nicht nur einen ganzen Kontinent barocker Rhetorik für die Germanistik, sondern sie zeigte, in brillantem Stil verfasst, wie sehr die sozial- und bildungsgeschichtlichen Grundlagen zum Verständnis von Literatur und Sprachkultur beitragen.

Mit Gotthold Ephraim Lessing, dem kritisch-philologischen Aufklärer, hatte Barner den Autor seines Lebens gefunden. Ein schmales, aber gehaltvolles Buch über „Lessing und die Tragödien Senecas“ führte den Begriff der „produktiven Rezeption“ in das Methodentableau der Literaturwissenschaft ein. Dieses Buch des 36-jährigen Professors trägt eine rührende Widmung: uxori in memoriam. Er hat es dem Gedächtnis seiner ersten Frau gewidmet, die während der Arbeit an der Habilitationsschrift schwer erkrankte und schließlich sehr jung starb. Nach außen bewahrte Wilfried Barner immer Fassung, auch wenn er Schweres zu verarbeiten hatte.

Zwei Jahre nach dem ersten Lessing-Buch kam das unter seiner Führung von einem Team erarbeitete, dann vielfach neu aufgelegtes Lessing-Arbeitsbuch heraus, das ein neues Lehrbuch-Genre etablierte und Generationen von Studierenden ins Examen begleitet hat. Es war ein Novum nicht nur als Buchtypus, sondern auch durch seine Genese, in die nicht nur Assistenten, sondern auch Studenten einbezogen waren: ein Beispiel für Barners Vorstellung von akademischem Leben und Einheit von Forschung und Lehre. Dann die große kommentierte und chronologisch angeordnete Lessing-Ausgabe im Deutschen Klassiker Verlag, die Lessings Werk in seinen entstehungsgeschichtlichen Stufen und Zusammenhängen erkennbar macht.

Eine schwierige Konstellation

Mit Jürgen Schröder und anderen Tübinger Kollegen zusammen hat er das umfangreiche Standardwerk zur deutschen Literaturgeschichte der Nachkriegszeit verfasst. Das immer noch zentrale Referateorgan, die „Germanistik“, hat er vor dem Untergang gerettet, das Schiller-Jahrbuch hat er über lange Jahre maßgeblich mitgestaltet, an der Neuordnung der Berliner Universitätslandschaft nach der Wende war er als führender Experte beteiligt.

Eine seiner originellsten und schönsten Schriften ist ein Büchlein, das er 2001 veröffentlicht hat. Es handelt von Goethe und Lessing, einer „schwierigen Konstellation“ (so der Untertitel). Wilfried Barner hat es sich bei seinen Forschungen, in seinen Lehrveranstaltungen, bei Gutachten und Denkschriften, nie leicht gemacht. Seinem Perfektionismus war nicht leicht Genüge zu tun. Doch die Früchte dieser Disziplin werden überdauern.

Seit Beginn seiner Tätigkeit auf dem Tübinger Lehrstuhl war Barner ein äußerst gefragter akademischer Lehrer, ein beliebter Prüfer im Staatsexamen und ein anregender Doktorvater. Alles, was er in diesen Funktionen tat, führte er mit einer geradezu überwältigenden Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit aus, ganz wie es auch für seine Forschungstätigkeit charakteristisch war.

Manche seiner Schüler konnten ihn in seinen letzten Wochen noch besuchen, als seine Krankheit ihn schon sehr gezeichnet hatte. Alles war da voller Bücher und Manuskripte, und er sprach von der einen und der anderen Studie, die er noch abzuschließen hoffte. Mit vielen telefonierte er noch von sich aus, regelte dieses und besprach jenes. Bis zuletzt machte er sich Gedanken über die von ihm mit herausgegebene Buchreihe, und er wollte immer noch in die Fach-Kommunikation einbezogen sein. Viele Fäden bleiben nun liegen und können von ihm nicht mehr aufgenommen werden. Von anderen schon.

Immer auch Wahl-Tübinger geblieben: Der Germanist Wilfried Barner starb im Alter von 77 Jahren
Wilfried Barner

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25.11.2014, 12:00 Uhr

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