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Immer um Mitternacht
Wofür die Demonstranten auf dem Pariser Platz der Republik jede Nacht protestieren? So ganz sicher weiß das keiner. Foto: afp
In Paris formt sich eine neue Protest-Bewegung auf dem Platz der Republik

Immer um Mitternacht

Jede Nacht kommen Hunderte Menschen auf den Platz der Republik in Paris und demonstrieren. Wogegen? Weiß man noch nicht so genau. Mit welchem Ziel? Auch nicht klar. Die Politik reagiert trotzdem.

14.04.2016
  • SABRINA HAMBLOCH SEBASTIAN KUNIGKEIT, DPA (MIT AFP)

Paris. Es scheint etwas in Bewegung auf dem Pariser Platz der Republik. Seit gut eineinhalb Wochen drängen sich Nacht für Nacht Hunderte Menschen auf den symbolträchtigen Ort im Herzen der Hauptstadt, diskutieren, feiern, demonstrieren. "Nuit debout" - Nacht im Stehen - lautet das Motto, und es ist auch als Appell zu verstehen, aufzustehen gegen Missstände im Land. Wohin die spontane Protestbewegung führt, das ist die große Frage dieser Tage in Frankreich.

"Was das auslösen wird, weiß ich nicht", sagt der Rentner Laurent, der Sonntagabend "aus Neugier" das Protestcamp besuchte. "Aber man sieht, dass das Ereignis an Reichweite gewinnt. Und das beginnt, die Politik zu beunruhigen." Am Anfang standen die Proteste von Schülern und Studenten gegen die Arbeitsmarktreform der sozialistischen Regierung. Doch auf dem abends zum Bersten vollen Platz wird längst viel breiter diskutiert. In Kleingruppen geht es um die "Panama Papers", das Klima, das Prostitutionsgesetz.

Es gibt keine Charta, kein Parteiprogramm und keine Anführer. Man möchte sich keine politische Ausrichtung geben, auch wenn die Medien die Bewegung häufig als links deklarieren. Überall äußert sich eine tiefsitzende Unzufriedenheit, sogar Wut auf das politische System Frankreichs.

"Frankreich befindet sich in einem Stadium der Blockade", sagt ein 38 Jahre alter Komponist, der seinen wahren Namen nicht nennen möchte und sich deshalb als Camille vorstellt. "Ideologisch, kulturell und gemeinschaftlich. Man ist nicht mehr mit den Politikern einverstanden, und wenn man aber mit ihnen nicht mehr einverstanden ist, ist man mit dem System nicht mehr einverstanden." Es ist zum Teil auch der Aufschrei einer Generation, die sich ihrer Zukunftschancen beraubt sieht im Land von "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit", in dem die Jugendarbeitslosigkeit bei fast 25 Prozent liegt. "Hier sind viele Studenten und Schüler, die von den Schulen kommen und keine Arbeit bekommen. Die Leute sehen einer Zukunft entgegen, die nicht existiert", klagt Camille.

Am Morgen rücken die Räumfahrzeuge an. Nach dem Ablauf der Demo-Genehmigung schicken Polizisten die letzten Nachtschwärmer weg, die errichteten Hütten und Zelte werden weggeräumt. Doch umgehend wird von den Behörden versichert, dass eine neue Demonstration angemeldet ist.

Doch dieses Mal bleibt es nicht friedlich. Um Mitternacht kommen nach Polizeiangaben rund 400 Menschen in kleinen Gruppen in Richtung eines Bezirksrathauses und werfen dabei Mülleimer um. Aktivisten hätten am Place de la République eine Barrikade errichtet und Wurfgeschosse auf eingreifende Polizisten geschleudert, teilten die Behörden mit. An einem Geschäft, einer Bankfiliale und zwei Restaurants seien zudem Scheiben eingeschlagen oder mit Farbbeuteln beworfen worden.

Die etablierte Politik tut sich bislang schwer, auf die Bewegung zu reagieren, die inzwischen auch in anderen Städten Frankreichs Nachahmer gefunden hat. Der konservative Ex-Premierminister François Fillon zeigt sich nach den Zusammenstößen "tief schockiert", dass die Proteste trotz des Ausnahmezustands geduldet werden, der seit den Terroranschlägen vom November gilt. Und die sozialistische Umweltministerin Ségolène Royal betont, dass die "wohlwollenden Jugendlichen" gehört werden müssten. Und Premierminister Manuel Valls empfängt am Montag demonstrativ die Jugendorganisationen, die gegen die Reform des Arbeitsrechts kämpfen - und verspricht Maßnahmen gegen die Jugendarbeitslosigkeit.

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14.04.2016, 06:00 Uhr

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