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Immer weiterleben
Thomas Melle leidet an einer manisch-depressiven Erkrankung. Foto: © Dagmar Morath/Rowohlt Verlag
Literatur

Immer weiterleben

Ein Favorit auf den Deutschen Buchpreis: „Die Welt im Rücken“ von Thomas Melle ist die fesselnde Chronik einer manisch-depressiven Erkrankung.

13.10.2016
  • JÜRGEN KANOLD

Drinnen erwartete mich das finster tobende Paradies.“ Das Berghain in Berlin, der hippe Technoclub: „Die Musik drang mir sofort durch alle Poren. Ich war eine Funktion der Musik.“ Den Erzähler treibt und schleust es „tief hinein in diesen Organismus aus Stahl und Fleisch, durch die Bahnen, mit dem Bass als Wegweiser, der mir überall, in jeder verlorenen Ecke wie in der vollsten Mitte der Tanzfläche sein Glück in die Fresse wummerte“. Neue deutsche Pop-Literatur, drastisch-cool. Ein Ich in der gedopten Euphorie.

Dann kippt die Stimmung. Er sieht Picasso und wird fuchsteufelswild. „Picasso saß also auf der Toilette und unterhielt sich schwerzüngig mit irgendwelchen Metrohipstern, trug einen Gürtel, dessen Schnalle aus den goldenen Lettern F.U.C.K. bestand. Er gab sich dabei besonders schwul-viril und sah mich, als ich vor ihm innehielt, mit seinen runden, kindlich forschenden Augen an.“ Und er macht Stress: „Ohne einen weiteren Gedanken schüttete ich ihm meinen Rotwein in den Schoß. Sollte er abkühlen, der Jahrhundertkünstler!“

Der Ich-Erzähler in Thomas Melles neuem Buch „Die Welt im Rücken“ kühlt nicht ab. Mit Madonna hat er Sex. Und Thomas Bernhard trifft er bei McDonald's am Wuppertaler Hauptbahnhof. Eine schrille, existenzielle Geschichte übers rauschhafte Leiden an der Welt? Kein Wunder, dass Melle erneut für den Deutschen Buchpreis nominiert ist: „Sickster“ stand 2011 auf der Longlist, „3000 Euro“ 2014 auf der Shortlist. Auch „Die Welt im Rücken“ gehört jetzt wieder zu den sechs besten Romanen deutscher Sprache des Jahres, der 41-jährige Melle gilt als Favorit für den Deutschen Buchpreis, der kommenden Montag in Frankfurt vergeben wird.

Aber das Buch ist überhaupt kein Roman. Melle hat vielmehr die Chronik seiner manisch-depressiven Erkrankung, seiner bipolaren Störung aufgeschrieben: autobiografisch, radikal, erschütternd. Melle ist ein großer Schriftsteller, die Figuren seiner Romane taumeln am Abgrund, scheitern in der Krise. Aber jetzt ist es echt, wahr, persönlich, das Leben. Sein Leben.

Es ist wahr

Seit einem furchtbaren manischen Schub 2010/2011 steht Melle unter Dauermedikation, Valproinsäure hält ihn stabil. Er sagte in einem Interview mit der „Welt“, dass es für ihn die Notwendigkeit gab, „die Fiktion und die Autobiografie zusammenzuführen und an den Nullpunkt zu bringen; wobei jede Erinnerungsleistung schon fiktiv ist. Die Krankheit hatte von Anfang an meine Bücher kontaminiert.“ Er wünsche sich jetzt, kein Schriftsteller des Unglücks mehr zu sein, sondern einer des Glücks.

Mögen sich Großkritiker und Juroren streiten, wie viel Wirklichkeit ein Roman enthalten darf. Der Leser jedenfalls ist benommen von diesen Dramen, die Melle erzählt – wie er seine Seele ausbreitet. „Meine Krankheit hat mir meine Heimat genommen. Jetzt ist meine Krankheit meine Heimat“, schreibt Melle. Einen solchen Heimatroman wie „Die Welt im Rücken“ hat man noch nicht gelesen.

Es ist ein Buch, das auch aufklärt über die „bipolare Störung“. Dieser Begriff gehört für Melle zu den „getarnten Euphemismen, die ihrem Gegenstand durch Umtaufung den Stachel ziehen sollen“ – das Desaster „als verbraucherfreundlicher terminus technicus“. Für ihn passe der alte Ausdruck „manisch-depressiv“ viel besser. Erst kommt der manische Schub, dann die „Minussymptomatik“, die Depression, die völlige Verzweiflung, die sich in fühlloser Leere auflöst.

Die Phasen dauern unterschiedlich lange bei den Kranken, Melle ist einer, „der die Jahreskarte gezogen“ hat. „Wenn ich abrutsche oder hochfliege, dann für eine lange Zeit. Dann bin ich nicht mehr zu halten, ob im Flug oder im Fall.“ Das bedeutet auch wirtschaftlichen Totalschaden. Der Kranke kauft und verliert die Sachen wieder, nimmt Kredite auf, verprasst das Geld. Er war unzurechnungsfähig. Aber die Beweisführung? Ein Arzt müsste das attestieren. „Da sie nicht krankheitseinsichtig sind, sehen akute Maniker den Arzt aber selten. Ein hoffnungsloses Unterfangen.“

Der gesellschaftliche Absturz zählt zu den Folgen der Krankheit, „die Anker meiner Existenz waren weggerrissen und fortgeschwemmt. Ich hatte kein Konto, keine eigene Wohnung, nur Schulden und Prozesse am Hals“. Er war offiziell obdachlos und „seelisch behindert“, wurde betreut. Melle formuliert dabei durchaus Kritik an der Umwelt: „Der Kranke ist der Freak und als solcher zu meiden, denn er ist ein Symbol des Nichtsinns . . . Der Kranke ist, genau wie der Terrorist, aus der Ordnung der Gesellschaft gefallen, gefallen in einen feindlichen Abgrund des Unverständnisses.“ Er selbst sei zu einer Gestalt aus Gerüchten und Geschichten geworden.

Thomas Melle hat drei manische, immer stärkere Schübe überlebt und reihenweise Psychosen, hat diverse Aufenthalte in der Psychiatrie hinter sich, war Gast in Selbstmordforen. Er weiß, was Verzweiflung, bittere Angst ist. Er schreibt darüber: klar, sich entblößend, schonungslos, angreifend, virtuos, auch clownesk. Wahnwitzig – sagt man.

Aber dann ist es doch Literatur, denn das Leben geht für Melle weiter: „Die Welt im Rücken, werde ich nicht aufgeben. Die Hoffnung heißt: nie wieder manisch werden.“ Das zerreißt einem das Herz: „Sollte ich eine weitere Manie haben, möge mir jemand dieses Buch in die Hand drücken.“ Er werde weiterleben: „Dann werden diese Zeilen wie ein Gebet sein.“

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13.10.2016, 06:00 Uhr

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