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1908 eröffnete Tübingens erster Taxifahrer ein „Automobilfahrtenunternehmen“

In Berlin fuhr noch die Pferdekutsche

1886 meldete Carl Benz ein folgenreiches Patent an. Sein „Motorwagen Nummer eins“, das erste Automobil mit Verbrennungsmotor, veränderte die Welt. In den Folgejahren verdrängten Autos die Pferdefuhrwerke. Auch die Droschkenkutscher mussten sich der neuen Konkurrenz stellen und um Fahrgäste kämpfen. In Tübingen fuhr das erste Taxi, gelenkt von Gustav Böß, rund zwanzig Jahre später.

02.09.2011
  • Axel Habermehl

Berlin, 1928: Der Droschkenkutscher Gustav Hartmann bricht zu seiner letzten großen Tour auf. Der „Eiserne Gustav“, wie er genannt wird, begibt sich mit seiner Pferdekutsche auf eine Reise nach Paris und zurück. Die Fahrt, die mehr als zwei Monate dauert, ist eine Protestaktion: Der fast 70-jährige Hartmann will auf das Sterben seines Gewerbes durch die steigende Konkurrenz der motorisierten Taxis aufmerksam machen.

Der vom Fortschritt überholte „Eiserne Gustav“, der seinen Rufnamen bekam, weil er besonders willensstark gewesen sein soll, ist berühmt geworden; auch, weil seine Geschichte sich trefflich ins Propagandaprogramm der Nazis einpassen ließ. Der Schriftsteller Hans Fallada hat dem Droschkenkutscher, im Auftrag der Nazis, einen fast tausendseitigen Roman gewidmet (Hans Fallada, Der eiserne Gustav, Berlin 1938).

Zwanzig Jahre später folgte eine Verfilmung mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle.
Auch in Tübingen gab es einst einen stadtbekannten Taxifahrer namens Gustav: Gustav Böß. Der war etwas jünger als sein „eiserner“ Namensvetter aus der Hauptstadt – und deutlich innovationsfreudiger.

Der schwäbische Gustav war sozusagen ein Repräsentant jener Entwicklung, gegen die Gustav Hartmann protestierte: Böß war Tübingens erster motorisierter Taxifahrer. Schon 1908, nur zwei Jahre, nachdem in München die allerersten „Automobildroschken“ Deutschlands in Betrieb gingen, hob Böß sein Unternehmen aus der Taufe.

In Berlin fuhr noch die Pferdekutsche
Ein Opel ind er Eberhardstraße vor der Garage.

Im „Gewerbeänderungs-Register“ der Universitätsstadt ist am 17. September 1908 unter seinem Namen die „Eröffnung einer Automobil-Vermietung“ eingetragen. Am selben Tag schaltete Böß in der „Tübinger Chronik“ eine Anzeige: „Einem verehrten hiesigen und auswärtigen Publikum zur Nachricht, daß ich an hiesigem Platze eine Automobil-Vermietung eröffnet habe. Unternehme Touren auf jede beliebige Entfernung bei billigster Berechnung und sehe geneigter Benützung höflichst entgegen. Hochachtungsvoll Gustav Böß“.

Schon früh auf das richtige Pferd gesetzt

Das Geschäft in der Karlstraße 5 scheint gut angelaufen zu sein. Das Unternehmen von Gustav Böß war damals das einzige seiner Art in der Stadt. Nur wenige Monate, nachdem Böß sein Taxi-Geschäft eröffnete, im Juni 1909, findet sich im bereits erwähnten „Gewerbeänderungs-Register“ folgender Eintrag: „Gustav Böß, Automobilvermietung. Erweiterung des Betriebs, hierfür Einstellung eines weiteren Wagens“. Der Tübinger Taxi-Pionier expandierte.

In Berlin fuhr noch die Pferdekutsche
Mercedes Landaulet, Baujahr 1910.

Wen Böß damals wohin chauffiert hat, lässt sich heute nicht mehr in allen Einzelheiten nachvollziehen. Sein Enkel Rainer Boeß hat im Nachlass seines Großvaters aber unter anderem Fahrtenbücher und Postkarten gefunden, die einigen Aufschluss geben. Auf einer Postkarte aus dem Jahr 1909 bedankt sich beispielsweise eine Familie Kranz bei Gustav Böß für die Fahrt zum Truppenübungsplatz in Münsingen. Doch auch weiter entfernte Ziele in Württemberg und ganz Deutschland steuerte der Fuhrunternehmer mit seinen Kunden an.

Gustav Böß stammte aus Bösingen im Kreis Rottweil. Dort wurde er am 1. November 1880 als Sohn eines Lehrers geboren. Böß absolvierte eine Mechanikerlehre. Sein Gesellenbrief, ausgestellt von der Stadt Reutlingen, stammt aus dem Jahr 1897. Bald darauf kam er nach Tübingen. Hier wirkte der technik- und vor allem autobegeisterte Mechaniker an der Motorisierung der Stadt mit. Sein internationaler Führerschein stammt aus dem Jahr 1907.

„Mein Großvater war ein Auto-Pionier“, sagt Rainer Boeß stolz. „Er hatte eines der ersten Autos der Stadt, vielleicht sogar das erste, und er war der erste motorisierte Taxifahrer.“ In der Tat war die Automobil-Vermietung von Gustav Böß, das lässt sich aus den Gewerbeverzeichnissen jener Jahre herauslesen, in den Anfangsjahren konkurrenzlos.

Erst 1911 taucht in den Tübinger „Adreß- und Geschäftshandbüchern“ der erste Konkurrenz-Betrieb auf. Schon bald konnte der findige Unternehmer weitere Autos kaufen und einige Fahrer einstellen. In einem Lohnbuch aus dem Jahr 1915, das Rainer Boeß auf dem Dachboden gefunden hat, lässt sich nachlesen, dass ein Chauffeur bei seinem Großvater fünf Mark am Tag verdiente.

In Berlin fuhr noch die Pferdekutsche
Mercedes Landaulet, geschlossen

Bereits 1911 hatte Böß in der damals neu entstehenden Eberhardstraße gebaut. Das Gebäude wurde zum Stammsitz der Familie mit Frau und fünf Kindern – und zur Basis des Taxiunternehmens. Drei beheizte Garagen, eine Werkstatt und zwei „Chauffeurszimmer“ ließ Böß errichten. Später, 1926, genehmigte ihm die Stadt sogar den Bau einer kleinen Tankstelle „mit zwei Kraftstoffbehältern“ im Hof. Böß verkaufte das Benzin auch weiter: „Bis in die 50er-Jahre haben bei uns zum Beispiel die Postautos getankt“, berichtet Rainer Boeß.

Die goldenen Jahre des Tübinger Taxi-Pioniers

Auch die Nachfrage nach Taxifahrten war offenbar vorhanden. Die Universität und die angeschlossenen Kliniken wuchsen, und vor allem die Professoren waren reisefreudige und solvente Fahrgäste. Viele Touren, zuweilen bis ins Ausland, unternahm der Taxifahrer mit akademischen Passagieren im Fond. Auf einem Foto aus den 20er-Jahren lächelt Böß vom Bock seines Taxis, auf der Rückbank Fahrgäste, im Hintergrund das Schild einer italienischen Villa.

Auch ins Krankentransport-Geschäft war der Taxi-Pionier inzwischen eingestiegen und zwar bereits im ersten Kriegsjahr 1914. Mit einem eigens gebauten und speziell ausgestatteten Sanitätswagen beförderte er Patienten in die Tübinger Kliniken. Offenbar kein besonders einträgliches Geschäft. „Die Krankentransporte haben sich nicht so gelohnt“, berichtet Rainer Boeß. „Die anderen Autos meines Großvaters fuhren um die 15.000 Kilometer im Jahr, der Sanitätswagen nur 4.000.“

Anfang der 30er-Jahre wollte sich Böß deshalb von seinem Sanitätsauto – inzwischen ein neues Modell von 1926 – trennen. Weil der andere Tübinger Krankenwagen, der des Roten Kreuzes, kurz zuvor verbrannt war, bot Böß der Stadt Tübingen seinen Wagen zum Kauf an. Die Stadt aber befand, dass es in Tübingen zwei Krankenwagen geben müsse. So blieb Gustav Böß eben Ambulanzfahrer. Immerhin wurde sein Sanitätsauto 1933, nach einigem bürokratischen Hin und Her, von der Kraftfahrzeugsteuer befreit.

Vor allem während und nach dem Ersten Weltkrieg, von dessen Teilnahme Böß wegen seines Alters verschont blieb, lief der Betrieb offenbar gut. „Die Jahre 1915 bis 1925 waren laut meinem Vater die besten Geschäftsjahre“, sagt Rainer Boeß. Im „Adreß- und Geschäftshandbuch“ des Jahres 1925 hatte Böß, der mittlerweile fünf Autos und einige Konkurrenten mehr hatte, eine große Anzeige geschaltet (mit „Nachtrufnummer“).

Auf seinen Visitenkarten aus dieser Zeit warb der Fuhrunternehmer mit seiner stattlichen Taxi-Flotte: „2 Viersitzer, 2 Sechssitzer, 1 Sanitätswagen“, fuhren damals in seinem Auftrag. Eine Stütze des Geschäfts war offenbar weiterhin die Tübinger Professorenschaft. In dem Nachruf, der 1950 nach dem Tod von Gustav Böß im SCHWÄBISCHEN TAGBLATT erschien, werden einige Professoren namentlich erwähnt, die Böß „nicht nur innerhalb Württembergs, sondern auch teilweise bis ins Ausland mit seinem Wagen zu Konzilien gefahren“ habe.

In den 30er-Jahren ging das Geschäft langsam bergab. Die Konkurrenz am Markt machte sich immer deutlicher in den Bilanzen des Taxi-Unternehmens bemerkbar. Am Tübinger Bahnhof buhlten mittlerweile acht verschiedene Taxi-Firmen um Kundschaft. Außerdem war Böß wohl kein großer Freund der Nazis. Eine Episode aus diesen Jahren erzählt man sich in der Familie bis heute. Gustav Böß sei beim Auto-Händler Seeger gewesen, um Ersatzteile zu kaufen, als auf einmal ein hochrangiger NSDAP-Funktionär hereingekommen sei. Statt „Heil Hitler“ habe der Taxi-Unternehmer „Grüß Gott“ gesagt, wie er es immer tat. „Nur durch einen Freund bei der Zulassungsstelle konnte damals verhindert werden, dass meinem Großvater die Lizenz entzogen wurde“, erzählt Rainer Boeß stolz.

Auch Kriegs- und Besatzungszeit forderten ihren Tribut: Die deutsche Wehrmacht brauchte Autos für ihre Überfälle auf die Länder Europas und beschlagnahmte auch einige der Taxis des Tübinger Fuhrunternehmers. „Natürlich entschädigungslos“, wie Rainer Boeß vermutet. „Jedenfalls war 1941 nur noch ein Auto da“, erklärt er. In der Werkstatt in der Eberhardstraße bedienten sich nach dem Krieg die französischen Besatzungssoldaten.

Trotzdem wollte der schon ins Rentenalter vorgerückte Taxi-Pionier noch einmal von vorne anfangen. Zusammen mit seinem jüngsten Sohn, dem Vater von Rainer Boeß, einem gelernten Feinmechaniker, plante er den Wiederaufbau des Familienunternehmens. Doch dazu kam es nicht mehr. Am achten Februar 1950 starb der Tübinger Taxi-Pionier.

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02.09.2011, 12:00 Uhr

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