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Die Reise des Joghurtbechers

In Engstingen werden die Gelben Säcke auch aus dem Steinlachtal sortiert

Was passiert mit dem leeren Joghurtbecher und der Fischdose? Sie landen zunächst einmal in Engstingen auf der Schwäbischen Alb. Denn bei der Firma Stoosss – mit zwei o und drei s – werden auch die Gelben Säcke aus dem Steinlachtal sortiert. Kürzlich schauten Mössinger, Bodelshäuser und Ofterdinger Kinder sich beim Ferienprogramm die Firma an.

07.09.2010
  • Gabi Schweizer

Engstingen. Es riecht nach gammeligen Lebensmitteln. Tetrapaks, Petflaschen, Bierdeckel, Einkaufstüten, Wurstdosen, Butterpapier und noch ein paar Dinge, die eigentlich gar nicht in den Gelben Sack gehören, häufen sich auf den Förderbändern, die eine ganze Halle füllen. Unermüdlich füttert eine Baggerschaufel das Fließband mit neuem Müll. Denn der Gelbe Sack ist nur ein Sammelbehältnis für Stoffe, die auf unterschiedliche Art recycelt werden müssen. Weiche Kunststoffe etwa werden zu Brennstoff-Granulat verarbeitet, Aluminium wird komplett wiederverwendet – wegen seines hohen Siedepunkts lässt sich der Schmutz wegbrennen, ohne dass das Metall Schaden nimmt.

Doch das alles spielt sich anderswo ab. Bei der Firma Stoosss in Engstingen wird nur sortiert. Auch von Hand – nicht für alles gibt es eine mechanische Lösung. Die Maschine, die Kunststoffe erkennen und aussortieren soll, ignoriert zum Beispiel alles, was schwarz ist. Schwarze Plastik-Blumentöpfe bleiben deswegen liegen, erklärt Betriebsleiter Karl Heinz Fischer, der die 20 Kinder, Jugendlichen und ihre erwachsenen Begleiter durch die Halle lotst. Bei Aluminium ist es einfacher: Mittels Magnet lässt es sich problemlos vom Rest trennen. Eine Lichtschranke wiederum erkennt Tetrapaks, die mit einer Luftdüse weggeschossen werden. Auch über ein Lukensystem wird sortiert – durch unterschiedlich große Löcher zwischen den Bändern wird der Müll nach Größe geordnet. Folie, weiche Mischkunststoffe, formstabile Kunststoffe, Weißblech, Aluminium, Tetrapacks, sonstige Verbunde und Restmüll: Das sind die Kategorien, nach denen die Gelben Säcke getrennt werden.

Am Band stehen nur noch Zeitarbeiter/innen

Die Männer und Frauen am Fließband haben sich dicke Handschuhe übergestülpt. Neun Stunden dauert ihr Arbeitstag, samt Pause und Aufräumen zehn. Sie sortieren aus, was die Maschinen nicht erwischt haben, und suchen den Restmüll heraus – dieser wird dann in Mannheim verbrannt. 8,20 Euro ist der Mindestlohn für diese Arbeit. Ein Job, den niemand lange machen will – dass es häufige Wechsel und viele Krankheitstage gibt, sagt Karl Heinz Fischer ganz offen. Mittlerweile stehen ausschließlich Zeitarbeiter am Band, etwa 20 Männer und Frauen sind es momentan. „Früher hat man auch Abfuhrverträge über zehn Jahre gekriegt“, sagt der Betriebsleiter.

Mittlerweile gibt es nur noch Zwei- bis Drei-Jahres-Verträge fürs Sammeln und Sortieren. Deswegen will er die Arbeiter/innen nicht fest anstellen – „wenn in drei Jahren der Auftrag weg ist, kriege ich ein Problem“. Außerdem könne er über eine Zeitarbeitsfirma wochenweise Helfer bestellen; wenn jemand krank sei, gebe es spätestens am Folgetag eine Vertretung, und man könne, wenn es gerade nichts zu tun gibt, die Leute spontan heimschicken – bezahlen muss die Firma nur die tatsächliche Arbeitszeit. Den Mindestlohn verdienen die Zeitarbeiter „auf jeden Fall“, versichert Fischer, gibt aber zu: Als fest Angestellte hätten sie „vielleicht mehr bekommen“.

Fest angestellt sind die Fahrer, die Beschäftigten in der hauseigenen Werkstatt und der Schlosserei oder auch die Chemikerin, die sich um den Sondermüll kümmert – die Firma lagert fast alle Müllarten zwischen, Haus-, Rest- und Sondermüll inbegriffen. 75 Menschen gehören zum festen Personal. Insbesondere diejenigen, die die Gelben Säcke einsammeln, haben einen harten Job.

Die Kinder interessierte aber viel mehr, wie viele Bagger auf dem Gelände unterwegs sind (vier), wie viele Container es gibt (1000) und wie viele Fahrzeuge (45). Rund 26 000 Tonnen „Leichtstoffverpackungen“ landen jedes Jahr in Engstingen und werden, in Ballen gepresst, von dort aus zu den jeweiligen Verwertungsstellen gefahren.

Das Engstinger Unternehmen sammelt die Gelben Säcke im Steinlachtal, in Ammerbuch und Teilen der Stadt Tübingen ein. Wer wo unterwegs ist, entscheidet allerdings nicht der Kreistag, sondern die Firma DSD (Duales System Deutschland / Der Grüne Punkt) anhand von Ausschreibungen. Insgesamt gibt es in Deutschland neun Systembetreiber, die das Geschäft mit den Gelben Säcken unter sich aufteilen. Die Sammlung wird unabhängig von der Sortierung ausgeschrieben.

Die Metzinger WSR Wertstoff-Entsorgung GmbH & Co KG, eine Tochterfirma der Entsorgungsbetriebe Stoosss und Koch in Metzingen, hält den Sammelvertrag in Tübingen. Im Landkreis holen vier verschiedene Firmen die Gelben Säcke ab: Alba, Stoosss, EBT und Bogenschütz. Sie alle fahren als Subunternehmer im Auftrag der WSR. Etwa die Hälfte des Gelben Sack-Mülls aus dem Kreis wird in Engstingen sortiert. Zudem erhält die Firma Verpackungsmüll aus Reutlingen, Ulm, Neu-Ulm, Sigmaringen, Lörrach und Garmisch-Partenkirchen angeliefert.

Und was sollten nun die Verbraucher beachten? Soll der Joghurtbecher in die Spülmaschine oder nicht? „Wenn’s bei Ihnen daheim nicht stinkt, stinkt es bei uns auch nicht“, sagt Betriebsleiter Fischer. „Man soll nicht unnötig Wasser verschwenden“ – wenn Spülwasser übrig ist, sieht es freilich anders aus. Ein Joghurtbecher rieche auch nicht so schlimm, ergänzt die im Betrieb fürs Marketing zuständige Anja Wolfframm – eine ungespülte Fischdose hingegen schon.

In Engstingen werden die Gelben Säcke auch aus dem Steinlachtal sortiert
Müll am laufenden Band: Wer hier arbeitet, darf keine empfindliche Nase haben. Die Ferienkinder schauen interessiert zu.Bild: Franke

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07.09.2010, 12:00 Uhr

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