Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Mit Sprache Brücken bauen · Viele Übersetzer kamen selbst als Flüchtlinge

In Ergenzingen engagieren sich Freiwillige als Dolmetscher

Es sind vor allem Menschen, die selbst als Flüchtlinge nach Deutschland kamen, die in der Erstaufnahmestelle Ergenzingen als Übersetzer fungieren.

12.11.2015
  • Dunja Bernhard

Ergenzingen. Sie saßen am 15. September gerade in einer Shisha-Bar als über Facebook der Aufruf kam, dass in Ergenzingen dringend Übersetzer benötigt werden, erzählt Edris Joya. „Wir sind gleich los gefahren.“ Joya kam vor fünf Jahren als Flüchtling aus Afghanistan nach Deutschland. Seit einigen Wochen koordiniert er die ehrenamtlichen Dolmetscher in der Erstaufnahmestelle Ergenzingen – zunächst ehrenamtlich. Seit vergangener Woche hat er einen Arbeitsvertrag. Er ist einer der 22 Hauptamtlichen, die das Deutsche Rote Kreuz für die Erstaufnahmestelle (BEA) Ergenzingen einstellt. Am Anfang sei er fast jeden Tag hergekommen, sagt Joya. Mittlerweile habe die Arbeit in der Erstaufnahmestelle Struktur bekommen. Er wechsle sich mit den anderen Helfern ab.

„Wo sind wir hier und warum?“, „Wann können wir unsere Fingerabdrücke abgeben?, „Wo bekommen wir Karten für unsere Handys?“ seien die ersten Fragen der Flüchtlinge nach ihrer Ankunft, erzählt Edris. Die Situation ist ihm nicht unbekannt. „Wie gestern“ sei es ihm vorgekommen, als ihn die Umstände in der BEA an seine erste Zeit in Deutschland erinnerten. „Ich habe mich nicht willkommen gefühlt“, sagt er. Dabei koste es nur ein Lächeln und einen Willkommensgruß und die Flüchtlinge bekämen ein gutes Gefühl. Dieses möchte der 22-Jährige ihnen vermitteln.

Rola Shikho kam vor zwei Jahren aus Syrien nach Deutschland. Die 22-Jährige lernte in der Rottenburger Volkshochschule Deutsch. Bei der Stadt Rottenburg machte sie ein Praktikum. Mittlerweile ist sie ehrenamtlich für das DRK in Rottenburg und Tübingen als Übersetzerin tätig. „Ich möchte den Leuten helfen, damit sie sich nicht so allein fühlen“, sagt sie.

Vjolka Hasan, lebt seit acht Jahren in Deutschland. Sie kam aus Mazedonien. In die BEA Ergenzingen kommen nur wenige Flüchtlinge aus dem Balkan, sagt sie. Trotzdem ist sie seit dem ersten Tag mit dabei und hilft wo sie kann. Wenn die Menschen aus den Bussen steigen, spreche sie sie auf Englisch an. Welche Muttersprache sie sprechen, sehe man ihnen ja nicht an. Erste Informationen könne sie den meisten Ankömmlingen auch auf Englisch vermitteln. Viele Leute seien erleichtert, ein Dach über dem Kopf zu haben und etwas zu essen zubekommen, erzählt sie. Die Studentin der Rechtswissenschaften arbeitete vorher schon bei der Caritas ehrenamtlich als Übersetzerin. Dort begleitete sie Flüchtlinge zu Terminen bei Ärzten oder bei Ämtern.

Elena Smith ist in Deutschland geboren. Sie sei halb Österreicherin, halb Engländerin, sagt sie. „Eine Flüchtlingsgeschichte habe ich nicht vorzuweisen.“ Als sie sich vor vier Jahren mit Edris Joya anfreundete, begann sie Persisch und Dari zu lernen. Ein Studium der Orientwissenschaft hat die 20-Jährige wieder abgebrochen. Sie möchte erstmal beim DRK praktische Erfahrungen sammeln und sich überlegen, wie ihr weiterer beruflicher Werdegang aussehen soll. Auch sie hat seit letzter Woche beim DRK einen Arbeitsvertrag. „Ich will lieber in die soziale Richtung gehen“, sagt sie. Die Arbeit in der Erstaufnahmestelle fordere zwar viel von ihr, doch sie bekomme auch viel zurück.

Maximal vier Wochen bleiben die Flüchtlinge in der BEA Ergenzingen. Ist es da nicht schwierig sich immer wieder auf neue Bewohner einzulassen? „Ich bin nicht hier, um Freunde zu finden, sondern um Menschen zu helfen“, sagt Hasan. Mit einigen Bewohnern bildeten sich freundschaftliche Strukturen, ergänzt Smith. Doch es sei klar, dass die Beziehungen nicht von Dauer sind.“ Wichtig sei es, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen und sie nicht zu betüddeln. Smith bemängelt, dass der Informationsfluss von Regierungspräsidium zur BEA zu langsam sei. „Die Zukunft der Bewohner ist zu ungewiss.“ Die dadurch entstehende Anspannung sei für die Menschen schwer auszuhalten. Auch die Helfer litten unter der zähen Informationsweitergabe. Sie wüssten nie, wie viele Busse kommen.

Dass sie mit ihrer Arbeit in der BEA nicht nur anderen Menschen helfen, sondern auch viel für sich mitnehmen, darin sind sich die vier Übersetzer einig. Einfühlungsvermögen und Geduld habe sie hier gelernt, sagt Smith. „Aber auch mich durchzusetzen.“ Er könne jetzt auch mal Nein sagen, ergänzt Joya. Das sei ihm vorher schwer gefallen. Mehrmals vertröstete er Flüchtlinge, die ihn während des Gesprächs mit dem TAGBLATT ansprachen, auf später. Sie fühle sich von den hauptamtlichen DRK-Mitarbeitern ernst genommen, sagt Hasan. „Es ist ein gutes Gefühl, hier her zu kommen.“

In Afghanistan schon Abitur gemacht

Viele der Hauptamtlichen, die das DRK für den Betrieb der BEA Ergenzingen braucht, finde es unter den Ehrenamtlichen, sagt Stephan Gokeler, der beim Kreisverband für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Dass die Verträge erst jetzt unterschrieben werden könnten, liege an den zähen Verhandlungen mit dem Regierungspräsidium Tübingen.

Neben seiner 75-Prozent-Stelle, die er in Ergenzingen hat, wird Joya ein Studium in Nürtingen beginnen. Als er 2010 nach Deutschland kam, habe er sich nach zwei Wochen selbst eine Schule gesucht, erzählt er. Er machte zunächst einen Hauptschulabschluss und anschließend einen Realschulabschluss. Vor einem Jahr begann er eine Ausbildung zum foto- und medientechnischen Assistenten beim Kolping-Kolleg mit der Möglichkeit die Fachhochschulreife zu machen. Das dauere alles zu lange, sagt er. „In Afghanistan hatte ich schon mein Abitur.“ Eine Begabtenprüfung ermöglicht ihm nun, direkt mit dem Studium anzufangen.

Wie will er das neben seinem Job schaffen? Seine Freundin antwortet für ihn: „Edris hat einen Akku wie ein altes Nokia. Der hält eine Woche“, sagt sie lachend und fügt hinzu, dass ihrer eher dem eines I-Phones ähnle. Der sei nach einem Tag leer. Mit Flüchtlingspolitik könne sie sich gar nicht mehr beschäftigen. Zu viel Kraft koste es sie, mit den Folgen vor Ort klar zu kommen.

In Ergenzingen engagieren sich Freiwillige als Dolmetscher
Elena Smith, Edris Joya, Vjolca Hasan und Rola Shikho (von links) dolmetschen in der Erstaufnahmestelle in Ergenzingen. Drei von ihnen kamen selbst als Flüchtlinge nach Deutschland. Bild: Bernhard

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

12.11.2015, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball