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In zwei Kulturen leben

In Ergenzingen können Frauen beim internationalen Müttertreff ganz offen reden

Seit fast drei Jahren gibt es in Ergenzingen einen internationalen Müttertreff. Die überwiegend türkischen Frauen treffen sich, um über Erziehungsthemen und Dinge, die sie bewegen, zu sprechen. Im Januar startet ein Deutschkurs.

05.12.2014

Von Dunja Bernhard

Ergenzingen. Acht Frauen sind am Mittwochmorgen zum internationalen Müttertreff in den Vinzenz-Härle-Saal gekommen. Die erste halbe Stunde ist zum Ankommen gedacht. Einige Frauen bringen ihre Kinder mit. Diese werden von der Pädagogik-Studentin Büsra Aktas betreut. Doch zunächst trinken die Frauen gemeinsam Kaffee und Tee und unterhalten sich ganz zwanglos – auf Türkisch.

Einige der Frauen sind in Deutschland zur Schule gegangen und sprechen gut Deutsch. Andere wurden aus der Türkei nach Deutschland verheiratet und hatten bisher wenig Möglichkeiten, die Sprache des ihnen zunächst fremden Landes zu lernen, obwohl sie mitunter schon viele Jahre in Ergenzingen leben. Seit zwei Jahren bemühe sie sich schon um einen Deutschkurs in Ergenzingen, sagt Hilal Bahadir, die den internationalen Müttertreff ins Leben gerufen hat. Jetzt endlich konnte eine Lehrerin gefunden werden: Im Januar beginnt der Kurs.

Der internationale Müttertreff entwickelte sich aus der Spielgruppe „Sprache, Spiel, Spaß“, die Kindern und Müttern mit Migrationshintergrund auf spielerische Weise die deutsche Sprache nahe bringen will. Beide Gruppen sind ein Angebot der Katholischen Erwachsenenbildung Tübingen

Es sei einfach noch mehr Gesprächsbedarf da gewesen, sagt Bahadir. Vor allem Erziehungsfragen beschäftigten die Mütter. Zweisprachigkeit, Mediennutzung, Kinderängste, aber auch Erste Hilfe oder „Was sage ich beim Kinderarzt“ seien Themen. „In der Türkei ist vieles anders“, sagt Bahadir. Das Leben in zwei Kulturen verunsichere die Frauen. Sie hätten den Wunsch, alles richtig zu machen.

Bahadir bemüht sich immer wieder Referentinnen für die Treffen zu gewinnen. Vorige Woche sprach Barbara Weidmann über „Wilde Kerle“. Nach einer guten halben Stunde schreibt Bahadir „Kaba hareketli cocuklar“ unter das „Herzlich Willkommen“ auf die Tafel, eine Einladung, nochmals über ungestüme Jungs und damit das Thema der vorangegangenen Woche zu sprechen.

Bahadir hat mit Blick auf den Deutschkurs aber auch noch ein anderes Thema mitgebracht: Warum ist es gut, Deutsch zu lernen? Was hindert türkische Frauen daran? Bahadir liest ein Kapitel aus dem Buch „Mein Kopf ist voll“. Darin erzählen Türkinnen, welche Schwierigkeiten sie überwinden mussten, um Deutschkurse zu besuchen. Die Familie müsse immer an ersten Stelle stehen, schreibt eine Frau. Das stehe der individuellen Entwicklung entgegen. Das Leben in zwei Kulturen habe sie so erschöpft, dass keine Kraft mehr blieb, eine neue Sprache zu lernen. Den Kontakt zu deutschen Nachbarn habe sie vermieden, aus Angst etwas falsch zu verstehen.

Die Zuhörerinnen am Mittwochmorgen nicken hie und da. Sie haben Ähnliches erlebt. Es entwickelt sich eine lebhafte Diskussion. Eine Mutter belastet besonders, dass sie ihren Kindern in der Schule nicht helfen kann. Die anderen Frauen geben Tipps und muntern auf. „Obwohl die Eltern einiger Frauen Analphabeten sind, haben sie doch Lesen und Schreiben gelernt“, übersetzt Bahadir.

„Die Frauen können hier über alle ihre Ängste reden.“ Nichts von dem, was besprochen wird, werde nach außen getragen. Den Frauen tue es schon gut, zu hören, dass es anderen ebenso wie ihnen geht. Bahadir übersetzt fließend vom Türkischen ins Deutsche und andersherum. Das macht sie auch, wenn Referenten kommen.

Außerdem berät Bahadir Mütter und begleitet sie wenn nötig zu Ärzten und Ämtern. Die Diplom-Pädagogin und Systemische Beraterin hat eine halbe Stelle bei den „Frühen Hilfen“ des Landkreises Tübingen. Momentan ist sie in Elternzeit.

Info Der internationale Müttertreff ist offen für alle Nationen und findet 14-tägig am Mittwoch von 9.30 bis 11.30 Uhr im Vinzenz-Härle-Saal in Ergenzingen statt. Am 17. Dezember spricht Rettungsassistent Bertram Löffler über „Erste Hilfe am Kind“. Das Kennenlern-Treffen für den Deutschkurs ist am 15. Dezember um 9 Uhr im Vinzenz-Härle-Saal.

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Erstellt:
5. Dezember 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
5. Dezember 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. Dezember 2014, 12:00 Uhr

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