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Terror den Andersgläubigen

In Malis Hauptstadt Bamako stürmen selbsternannte Gotteskrieger ein Luxushotel und schießen um sich

Eine Woche nach den Anschlägen in Paris haben islamistische Terroristen in Mali zugeschlagen. Sie nahmen Geiseln in einem Luxushotel. Ihr Ziel: Das westafrikanische Land soll nicht zur Ruhe kommen.

21.11.2015
  • JÜRGEN BÄTZ, DPA

Das Luxushotel Radisson Blu ist sicher. So sahen es bis gestern Morgen um 6 Uhr Geschäftsleute, Diplomaten und auch die Vereinten Nationen. Der Anschlag von Islamisten auf das noble Hotel in Malis Hauptstadt Bamako hat daher große Symbolkraft: Nichts ist vor uns sicher, das ist die Botschaft der Dschihadisten. Die Angreifer, die offenbar der sunnitischen Al-Kaida nahestehen, wollen die gerade begonnene Stabilisierung des westafrikanischen Landes verhindern.

Die selbsternannten Gotteskrieger hatten das Hotel, das nicht weit vom internationalen Flughafen der 1,8 Millionen-Einwohner-Stadt entfernt liegt, in einem Auto mit Diplomaten-Kennzeichen angesteuert und drangen über die Gartenanlage in das Gebäude ein. Nach Berichten von Augenzeugen schossen sie in der Lobby um sich, bevor sie sich im siebten Stockwerk des Hotels verschanzten und zunächst 170 Geiseln in ihre Gewalt brachten. Sie hatten es offenbar gezielt auf Nicht-Muslime abgesehen. Wer das islamische Glaubensbekenntnis rezitieren konnte, wurde freigelassen, wie ein Polizeibeamter in Bamako am Freitag sagte. Später lieferten sie sich heftige Feuergefechte mit malischen Polizisten und Soldaten.

Damit wiederholt sich ein Muster, das schon bei anderen Anschlägen in Afrika zutage kam, etwa in Nigeria oder Kenia: Getötet werden sollen vor allem Andersgläubige.

Unter den Geiseln in dem bei Geschäftsleuten und Diplomaten beliebten Hotel waren unter anderem Deutsche, Franzosen, Türken, Belgier, Inder und Chinesen. Malische Spezialeinheiten, unterstützt von US-Spezialkräften und französischen Elitepolizisten, stürmten das Hotel am Nachmittag. Aus Kreisen der UN-Mission in Mali (Minusma) verlautete, dass 22 Menschen getötet worden seien, darunter die zwei Angreifer. Die Regierung gab zunächst keine abschließende Opferzahl bekannt. Unter den befreiten Hotelgästen sind nach Informationen des Auswärtigen Amts in Berlin vier Deutsche, zwölf Franzosen und fünf Türken.

Der Angriff ereignete sich nur eine Woche nach den Anschlägen von Paris, zu denen sich die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) bekannte. Für den Anschlag übernahmen nach Berichten zwei mit dem Terrornetzwerk Al-Kaida verbundene Gruppen die Verantwortung - die Terrorgruppen Al-Murabitun und Al-Kaida im Islamischen Maghreb (AQIM). Ob dies zutrifft, war gestern nicht sicher zu klären.

Über die zwei Täter gab es jedenfalls widersprüchliche Angaben. Eine der befreiten Geiseln, der malische Sänger Sékouba Bambino, sagte, es habe sich um Nigerianer gehandelt. Sie hätten vor allem Englisch gesprochen. Er habe ein Gespräch mit angehört, das die zwei Angreifer in einem Zimmer führten, das direkt neben seinem lag. In Nigeria ist die islamistische Terrorgruppe Boko Haram aktiv, die sich eher zum "Islamischen Staat" zählt. Verdächtigt wurde zudem die Terrorgruppe Ansar Dine, deren Anführer vor wenigen Tagen zu Anschlägen auf französische Ziele aufgerufen hatte.

Im Norden Malis sind seit Jahren verschiedene islamistische Extremisten aktiv, die auch Verbindungen zur Terrorgruppe Al-Kaida haben. Der Norden des Landes, der weit in die Sahara hineinragt, ist etwa so groß wie Frankreich und kaum effektiv zu überwachen. Die Grenzen in der Wüste zu den Nachbarstaaten Algerien und Niger sind außerdem durchlässig. Auch in diesen zwei Staaten halten sich immer wieder islamistische Extremisten auf.

Im Norden leben auch die Tuareg, die seit Jahrzehnten nach mehr Autonomie oder Unabhängigkeit streben. 2012 übernahmen die Tuareg und islamistische Gruppen die Macht in Nordmali. Erst ein militärisches Eingreifen Frankreichs im Januar 2013 ermöglichte die Rückeroberung der Gebiete. Im Juli wurde ein Friedensabkommen geschlossen, das unter anderem die Schaffung von Regionalvertretungen vorsieht. Neben einer EU-Mission gibt es in Mali auch einen UN-Blauhelmeinsatz mit mehr als 10 000 Soldaten und Polizisten.

Bei der Stabilisierung des unsicheren Nordens soll nun auch die Bundeswehr helfen. Bei einem Besuch in Mali Ende Juli sagte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, man brauche dazu einen "langen Atem und große Ausdauer". Die CDU-Politikerin zeigte sich jedoch auch zuversichtlich. Die internationale Gemeinschaft könne hier "einen Stabilitätsanker entwickeln".

Genau das wollen die sunnitischen Fundamentalisten aus dem Norden jedoch verhindern. In den vergangenen Monaten ist die Zahl ihrer Angriffe deutlich gestiegen. Erst im August hatten radikale Islamisten ein bei UN-Mitarbeitern beliebtes Hotel nördlich von Bamako in ihre Gewalt gebracht. Nach einer 24-stündigen Geiselnahme waren 13 Menschen tot, darunter fünf UN-Mitarbeiter.

Das ACLED-Projekt der Universität Sussex, das Opferzahlen von gewaltsamen Übergriffen in ganz Afrika zusammenstellt, geht davon aus, dass in diesem Jahr bis zum Freitag bereits mindestens 342 Menschen bei Anschlägen oder Angriffen getötet wurden. Seit Beginn der UN-Friedensmission 2013 wurden zudem bereits 56 Blauhelmsoldaten getötet, zumeist im Norden.

Mali ist ein muslimisch geprägter Flächenstaat. Zwischen 85 und 90 Prozent der knapp 17 Millionen Einwohner bekennen sich zum sunnitischen Islam. Lange war die Gesellschaft vom Respekt gegenüber Andersgläubigen geprägt; so galt etwa der 1998 verstorbene Erzbischof von Bamako, Luc Sangare, als einflussreiche Persönlichkeit.

In der jüngeren Vergangenheit haben religiöse Spannungen jedoch zugenommen. Zugespitzt hatte sich die Situation bereits ab Oktober 2011, als bewaffnete Tuareg weite Teile des kaum besiedelten Nordens einnahmen. Die malische Armee zog sich damals in Richtung Süden zurück. In der Nacht zum 21. März 2012 stürzte eine Gruppe von Soldaten den damaligen Präsidenten Amadou Toumani Toure. Die Putschisten willigten ein, eine Übergangsregierung zu etablieren. Gleichzeitig geriet der Norden außer Kontrolle.

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In Malis Hauptstadt Bamako stürmen selbsternannte Gotteskrieger ein Luxushotel und schießen um

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21.11.2015, 12:00 Uhr

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