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Über hundert kommen zum Anliegertermin

In Pliezhausen wächst der Widerstand gegen Flüchtlingsunterkünfte

Eingeladen hatte Bürgermeister Dold am Mittwochabend zehn Gniebeler Anlieger einer möglichen Flüchtlingsunterkunft am Furtweg. Gekommen waren über hundert, die in einer Art Go-in den Ratssaal belegten.

26.06.2015
  • Fred Keicher

Pliezhausen. Vorher gab es auf dem Rathausplatz Demonstration und Gegendemonstration. An der einen Ecke prangte das Spruchband „Asyl? Hier!“ Gegenüber hielten wortkarge junge Männer das Transparent: „Wir müssen draußen bleiben.“ Zu erfahren war nur, dass „Wir“ sich auf die Bürger beziehe, die nicht mitentscheiden könnten. Lennart Obenauer, 20, war auskunftsfreudiger: „Es ist gut, ein Zeichen zu setzen“, erklärte der Schüler, der mit Kumpels das Transparent für die Flüchtlinge gemacht hat. „In Pliezhausen ist kein Platz für Fremdenfeindlichkeit.“

„Wir haben postdemokratische Zustände“, fand hingegen einer aus Gniebel, der Angst vor Belästigungen hat, wenn sein Name in der Zeitung steht. „Entscheidungen werden in Hinterzimmern gefällt, statt dass man eine Lösung sucht, die alle Bürger integriert.“ Die Vereine seien in der Frage der Flüchtlingsunterbringung gespalten, „in den Ortschaftsräten brennt es“.

Karlheinz Moosig stellte sich als Sprecher der Anlieger des alternativen Standorts am Bolzplatz Juchtlenstraße vor: Er repräsentiere 50 Erwachsene und 25 Kinder. „Direkt vor meiner Haustür sollen die Container hingestellt werden.“ CDU-Gemeinderat Alfred Brecht korrigierte: „Das sind keine Container, das ist was Besseres. Dass es aber überall Nachbarn geben wird, ist doch klar.“

Bei Hans Wacker hängt ein Transparent auf dem Grundstück, bei dem ihm das Fragezeichen wichtig ist: „Asyl hier?“ Linkerhand ist seine Maschinenbaufabrik, rechts daneben sollen die „Flying Spaces“ für die Flüchtlingsunterbringung hin, auf der anderen Seite der Cuspertstraße wird der Neubau der Musikschule stehen. Man habe ihm für seine Firma strenge Lärmschutzauflagen gemacht, erzählte Wacker, der unter anderem Steuerungen für Land- und Baumaschinen herstellt.

Die Vorgabe seien in dem Mischgebiet 45 Dezibel nachts. „Das ist so laut, wie wenn ich ihnen ins Ohr flüstere.“ Nie und nimmer sei das bei dem „Männerwohnheim“ zu erreichen, sagte Bernd Suhm aus Rübgarten und fragte: „Warum tut der Dold ein Loch reinbohren in das Boot, in dem wir alle sitzen.“

Lärmbelästigung war auch die Sorge von Thomas Mayer, dessen Schlafzimmerfenster 70 Meter von der Unterkunft entfernt liegt. Ein anderer befürchtete Vermüllung. Wiederum ein anderer bangte um die Sicherheit der Kinder, die auf dem Weg zur Musikschule an der Unterkunft vorbei müssten.

Bürgermeister Dold wurde heftig attackiert

Kurz gab es Aufregung, als sich um 19 Uhr die Rathaustüren öffneten. „Es hat aber geheißen, ich darf jemand mitbringen“, rief einer. Schließlich durften alle in den Ratssaal. Bürgermeister Christoph Dold erläuterte ausführlich den Gang des Verfahrens: „Wir stehen nicht in der ersten Reihe und wollen so viele Flüchtlinge wie möglich. Aber wir stehen in der Gesamtverantwortung.“ Dass Dold die Flüchtlingsfrage als „Herzensangelegenheit“ bezeichnet habe, wurde ihm vorgehalten. Dass er wegen möglicher negativer Folgen, Kriminalität etwa, keine Garantien geben konnte, brachte ihm den Anwurf ein: „Reden Sie nicht um den heißen Brei herum. Das geht mir auf den Docht!“

Der geschlossene Widerstand von ganz Pliezhausen wurde ins Spiel gebracht. Moosig fragte den Bürgermeister direkt: „Wenn 95 Prozent Nein sagen würden, hätten Sie dann den Mut umzudenken?“ Dold verwies auf die Zuständigkeit des Gemeinderats: „Ich würde dem Gemeinderat kein Nein empfehlen.“ Moosig darauf triumphierend: „Da haben wir’s doch. Er will Flüchtlinge. Er ist flüchtlingsgeil.“

Auf den Wertverlust ihrer Immobilien verwies eine Frau aus Gniebel: „Da ist schnell ein Hunderttausender runter.“ Ein junger Gniebeler hielt dagegen: „Es gibt höhere Werte: Familie und Kinder.“ Er sieht das bedroht durch Gewalttätigkeit, sexuelle Belästigung, Drogen und Einbrüche. „Leute, die ihre Familie zurücklassen – ich weiß nicht, was man von denen halten soll.“ Die Diskussionsredner waren durchweg der Meinung, dass eine sehr große Mehrheit der Pliezhäuser Bürger gegen Flüchtlinge in ihrer Gemeinde ist. Die Verwaltung könne die Unterkunft nicht gegen das Volk durchsetzen. Dold konterte mit Verweis auf die repräsentative Demokratie: „Diese Entscheidung wird im Gemeinderat fallen. Solange wir diese Spielregeln haben, ist es Aufgabe der gewählten Vertreter.“ Er erntete den Zwischenruf: „Das sind doch nur Marionetten, die nach einer Pfeife tanzen.“

In Pliezhausen wächst der Widerstand gegen Flüchtlingsunterkünfte
Lennart Obenauer (links) und seine Kumpels antworteten dem Fragezeichen nach Asyl mit einem einfachen Ausrufezeichen. Bild: Keicher

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26.06.2015, 12:00 Uhr

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