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Bosch baut massiv ab

In Reutlingen sollen 190 Arbeitsplätze wegfallen

Noch im März nahm Bosch das neue Reutlinger Chip-Werk in Betrieb. Kein Geringerer als der Bundespräsident durfte es sein, der das Halbleiterwerk, fasziniert von der neuen Technik, feierlich eröffnete. Für die Mitarbeiter hat der Glanz am Montag Patina angelegt: Bosch will 190 Arbeitsplätze abbauen.

13.10.2010
  • Bernd Ulrich Steinhilber

Reutlingen. Was man sich auf der Chef-Etage des Konzerns ausgedacht hat, wurde den 6.700 Mitarbeitern – darunter nicht wenige aus dem Landkreis Tübingen – am Montag bei einer Betriebsversammlung unterbreitet. Wie uns am Dienstagnachmittag Betriebsratsvorsitzender Daniel Müller auf Anfrage mitteilte, wolle das Unternehmen noch in diesem Jahr 190 Arbeitsverträge aufheben. Man versuche, den Leuten den Abschied von Bosch mit Abfindungsangeboten schmackhaft zu machen. O-Ton IG-Metall-Gewerkschaftssekretär Ernst Blinzinger: „Die Leute werden massiv unter Druck gesetzt.“

Auf keinen Fall allein verhandeln

Begründet werde der Schritt mit „Facharbeiterüberhang“. In Reutlingen seien zu viele in der Produktion beschäftigt. Tatsächlich handele es sich, nach Auffassung der Konzernleitung, sogar um einem Überhang von über 300 Facharbeitern, sagte Müller. Blinzinger hält es sogar für möglich, dass Bosch im Jahr 2011 weitere 180 Arbeitsverträge „einvernehmlich“ auflösen möchte. Für die nächsten drei bis vier Jahre sollen keine Auszubildenden (derzeit 72 pro Jahr) übernommen werden.

Doch so einvernehmlich sei das alles gar nicht, denn die Mitarbeiter wüssten über die Tragweite des Auflösungsvertrages oft nicht Bescheid, meint Blinzinger. Er rät deshalb dazu, immer einen Betriebsrat mit in die Verhandlungen einzuschalten. Tatsächlich würden die Leute mit einer Bruttolohn-Abfindung abgespeist, was so viel heißt wie: Die Abfindung ist zu versteuern und sozialversicherungspflichtig. Und weil es sich um keine Kündigung, sondern um einen einvernehmlichen Aufhebungsvertrag handele, verkürze sich nicht nur die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes um drei Monate. Möglicherweise werde es erst nach eine Ruhezeit von sechs bis sieben Monten überhaupt ausbezahlt.

Der Betriebsrat sieht genug Arbeit für alle

„Nach unseren Berechnungen stimmt das mit dem Überhang nicht“, sagte Müller. „Es gibt genug Arbeit für alle – und wir brauchen die Azubis.“ Tatsächlich wolle man in Reutlingen nicht mehr die bisherigen Mengen produzieren, glaubt der Betriebsratsvorsitzende. An eine Verlagerung der Reutlinger Produktion ins Ausland sei derzeit aber nicht gedacht. Geplant werde von Bosch allerdings – so der feine Unterschied –, im Ausland neue Produktionslinien anlaufen zu lassen.

Was Müller besonders ärgert, ist das Argument der Geschäftsleitung, dass der Überhang von Facharbeitern vor allem durch die Integration der Rommelsbacher Belegschaft nach der Schließung ihrer Produktionsstätte entstanden sei. Tatsächlich habe sich der Konzern beim Bau des Chip-Werkes verpflichtet, die Rommelsbacher Belegschaft, aber auch die Mitarbeiter der Arbeitsbereiche „Diode“ und „Keramik“ – zusammen 1200 – zu integrieren.

Statt dessen müssen sich die (noch) 6.700 Beschäftigten warm anziehen. Denn die Konzernleitung wolle die Axt auch an die Erholungspause – die so genannte Steinkühler-Pause – anlegen. Blinzinger hat schon mal hochgerechnet: „Das hat ein Volumen von 350 bis 400 Arbeitsplätzen.“

Von Arbeitsplatzabbau war im März, als in Reutlingen das 600 Millionen Euro teure Chipwerk eröffnet wurde, noch keine Rede. Dafür aber von einer rosigen Zukunft: Der Anteil der Mikrochips allein in den Autos werde sich bis 2020 verdoppeln, sagte Konzernchef Franz Fehrenbach, und als die Rede auf die Übernahme einer Auszubildenden kam: „Wir werden da schon etwas finden.“

In Reutlingen sollen 190 Arbeitsplätze wegfallen
Das neue Bosch-Halbleiterwerk wurde im März dieses Jahres feierlich eröffnet. Jetzt will das Unternehmen Arbeitsplätze abbauen.Archivbild: Haas

In Reutlingen sollen 190 Arbeitsplätze wegfallen
Eitel Sonnenschein im März dieses Jahres, als mit großem Bahnhof das neue Chipwerk eröffnet wurde: Ministerpräsident Stefan Mappus, Staatschef Horst Köhler und Bosch-Boss Franz Fehrenbach (von links). Archivbild: Haas

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13.10.2010, 12:00 Uhr

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