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Henker blieben unter sich

In Rottenburg trafen sich Nachfahren von Scharfrichtern

Ihre Vorfahren töteten, waren aber auch für die Heilung zuständig: Am Wochenende trafen sich im Rottenburger Haus am Nepomuk die Nachfahren von Henkern. Angereist waren auch Gäste aus Holland, Österreich und Luxemburg.

22.06.2012
  • Martin Zimmermann

Rottenburg. Lange Zeit hätten seine Vorfahren Frauen aus dem eigenen Dorf geheiratet, ab einem gewissen Zeitpunkt aber nur noch solche, die aus weit entfernten Orten kamen, erzählte ein Teilnehmer aus Hamburg. „Ich habe mich gefragt, warum das so ist“, sagte er. Antwort fand er in einem Ahnenforscher-Forum im Internet, wo er auch seine heutige Frau kennenlernte. „Das waren Henker“, erklärte sie. „Weil sie unehrenhaft waren, konnten sie nur untereinander heiraten.“ Auch seine Frau stammt aus einer Henkersfamilie.

Als regelrechte Heiratsbörsen dienten große Hinrichtungen, etwa jene des „Jud Süß“ Oppenheimer 1738 in Stuttgart. Dort hätten sich die Henker getroffen, um ihre Kinder untereinander zu verheiraten, sagte der Hamburger. „Wer in seiner Ahnenreihe einmal auf einen Scharfrichter stößt, der findet unter seinen Vorfahren bald weitere.“ Ursprünglich kämen alle Henkerssippen aus der Schweiz. „Als im Spätmittelalter Profis mit den Hinrichtungen betraut wurden, galten die Schweizer als die besten Soldaten, die Befehle exakt, loyal und skrupellos ausführten.“

Den Initiator der jährlichen Henkers-Tagungen, es ist der Tübinger Helmut Belthle, fasziniert die Geschichte der Scharfrichter seit seinem sechzehnten Lebensjahr. „Wenn man in Tübingen Belthle heißt, dann wird man laufend auf das Thema angesprochen“, sagte er. Genauer: Auf Georg Friedrich Belthle, den letzten Tübinger Scharfrichter, der 1820 die Platanenallee pflanzte. Nach dessen Sohn Friedrich, einem Stabsarzt Napoleons, ist die Belthlestraße benannt. Dieser Berufswechsel ist typisch, erklärte Helmut Belthle: „Durch das Foltern gelangten die Scharfrichter zu anatomischen Kenntnissen, die sie auch nutzten, um Patienten zu behandeln.“

Jubel, wenn der Name eines Vorfahrs auftaucht

Zusammen mit zwei Ahnenforscherkollegen rief er das Treffen ins Leben, um eine Datenbank aufzubauen. „Wir lernten immer mehr Leute kennen, die sich mit ihren Ahnen beschäftigen, und bildeten ein Netzwerk zum Austausch von Informationen.“ Klaus Kaufmann hat seitenweise Namen aus Kirchenbüchern transkribiert. Unterbrochen wurde sein Vortrag immer wieder von enthusiastischen Zwischenrufen aus dem Publikum, wenn dabei der Vorfahr eines Zuhörers auftauchte.

Greifbarer war das Mitbringsel des Luxemburgers Tun Jakoby. Er hatte das Richtschwert seines Vorfahrs aus dem Jahr 1680 im Gepäck und demonstrierte dessen Handhabung. „Der Henker führte das Schwert mit beiden Händen“, erklärte Jacoby. „Er musste mit einer halben Drehung des Oberkörpers ausholen, um genug Schwung zu haben und dann genau zwischen den vierten und fünften Halswirbel treffen.“

Von einem Kampfschwert unterscheidet sich das Richtschwert in mehreren Details. So ist die Spitze abgerundet, weil es ausschließlich zum Hieb verwendet wurde. Zudem musste das Richtschwert genau austariert sein, damit es in der Luft nicht flatterte. Bei Jacobys Schwert handelt es sich um eine 3250 Euro teure, detailgetreue Replik. „Das Schwert habe ich mir vor einigen Jahren selbst zu Weihnachten geschenkt“, schmunzelte Jakoby. Das Original liegt in einem Museum in Belgien.

Nicht von Henkern, sondern von so genannten Hexen stammt die Oberschwäbin Erika Kühne ab. „Meine Vorfahrin Apollonia Maner wurde 1684 zusammen mit zwei weiteren Frauen aus ihrer Familie in Saulgau enthauptet.“ Kühnes Motivation für das Treffen: „Ich wollte wissen, wer die Henker meiner Vorfahrinnen waren.“ Und tatsächlich lernte sie mehrere Nachfahren jenes Henkers Stickl kennen. „Einige der Hexenprozesse gegen meine Vorfahrinnen fanden hier in Rottenburg statt“, erzählte Kühne. In Verdacht geriet die 70-jährige Apollonia Maner seinerzeit durch ihren Beruf als Hebamme. Die Säuglingssterblichkeit war damals sehr hoch. „Man hat ihr vorgeworfen, die Brust der Mutter angefasst und die Milch vergiftet zu haben.“

Auch der OB könnte von Henkern abstammen

Einige der Nachfahren erforschten traumatische Familiengeheimnisse. Andrea Rau beispielsweise erzählte: „Meine Mutter und meine Schwester schnitten in der Küche das Obst nur mit stumpfen Messern, weil sie Angst vor scharfen Messern hatten.“ Und bei ihrem Großvater, erinnerte sie sich, hätten immer zwei Schwerter an der Wand gehangen, über die man nie sprach. Inzwischen weiß Andrea Rau, dass sie aus der Pfullendorfer Scharfrichtersippe Vollmar kommt.

Bei einer Stadtführung, auf der Ernst Heimes seinen Gästen die Folterwerkzeuge im Zwinger erklärte, begegnete den Scharfrichter-Nachkommen zufällig Rottenburgs Oberbürgermeister Stephan Neher. „Die Nehers sind eine Scharfrichtersippe aus St. Gallen, die später auch in Stuttgart tätig war“, eröffnete Helmut Belthle dem OB. Als Neher ihm erzählte, dass er aber aus Bad Saulgau komme, meinte Belthle nur: „Oberschwaben ist höchst verdächtig. Wahrscheinlich sind Sie einer von uns.“

In Rottenburg trafen sich Nachfahren von Scharfrichtern
Der Luxemburger Tun Jakoby hatte zur Henkerstagung im Haus am Nepomuk die Replik jenes Richtschwertes mitgebracht, mit dem einer seiner Vorfahren noch Verurteilte geköpft hatte. Bürgermeister Volker Derbogen (links im Bild) stammt nicht aus einer Scharfrichterfamilie.

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22.06.2012, 12:00 Uhr

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