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Hilfe nach dem Übergriff

In Tübingen gibt es jetzt eine Beratungsstelle bei sexualisierter Gewalt

Sexualisierte Gewalt hat viele Formen – und einen extrem hohen Preis, sagt Luzia Köberlein. Die Opfer leiden womöglich ihr Leben lang. Um zu helfen, hat die Stadt nun eine Beratungsstelle eingerichtet.

05.11.2015
  • Renate Angstmann-Koch

Tübingen. Seit Juli finden von sexualisierter Gewalt betroffene Frauen und Männer Rat, Hilfe und Begleitung. Träger der Beratungsstelle an zwei Standorten sind die Vereine „Frauen helfen Frauen“ und „Pfunzkerle“. Die Stadt bezuschusst das Projekt drei Jahre lang mit insgesamt 180 000 Euro. „Die Stadt tritt in Vorleistung und hofft, dass sich der Landkreis später noch engagiert“, sagte Oberbürgermeister Boris Palmer, als sich die Beratungsstelle gestern beim ersten Pressegespräch im sanierten Rathaus vorstellte. Palmer zeigte sich überzeugt, „dass wir etwas einrichten, wofür es leider großen Bedarf gibt“.

Das sei im Gemeinderat auch nicht umstritten gewesen – sehr wohl hingegen die Finanzierung. Der Vorlauf für die Beratungsstelle war lang. Ein Beirat von Fachleuten bereitete die Ausschreibung vor und begleitet die neue Einrichtung auch weiterhin. Ihm gehörten auch sechs Stadträtinnen an: Dorothea Kliche-Behnke (SPD) und Ulrike Baumgärtner (AL/Grüne) – Palmer zufolge die treibenden Kräfte –, außerdem Dr. Gretel Schwägerle (CDU), Claudia Braun (Tübinger Liste), Gitta Rosenkranz (Linke) und Anne Kreim (FDP).

Die neue Beratungsstelle ist für Erwachsene da, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, sagte die städtische Gleichstellungs- und Integrationsbeauftragte Luzia Köberlein – sei es gerade erst vor kurzem durch einen Fremden oder noch fortdauernd in der Partnerschaft, sei es als Jugendlicher oder Kind.

Experten sprechen nicht von sexueller, sondern von sexualisierter Gewalt. Sie wollen klarstellen, dass es nicht um Sexualität geht, sondern um Gewalt, Demütigung und Macht. Es handelt sich um ein breites Feld, sagte Micha Schöller von „Frauen helfen Frauen“. Bisher wandten sich etwa 40 Opfer jährlich an den Verein. Sie mussten nach Stuttgart weiterverwiesen werden. Die Frauen hatten Vergewaltigung in der Ehe, Nötigung, Gewalt in der Kindheit, aber auch Übergriffe und Belästigungen am Arbeitsplatz erlebt. Manchmal stellt sich die Frage, ob das Opfer sich zutraut, den Täter anzuzeigen und einen Prozess durchzustehen. In solchen Fällen können die Frauen nun auf Rat und Begleitung vor Ort bauen. Die Beratungsstelle steht in Verbindung zu vielen weiteren Initiativen und Einrichtungen, etwa zu den Kliniken oder der Polizei. Ihr geht es auch um Prävention.

Dirk Jakobi, Berater der „Pfunzkerle“, hatte es bisher meist mit Männern zu tun, die Missbrauch in der Kindheit erlebt haben. Denn sexuelle Gewalt gegenüber erwachsenen Männern ist noch stärker tabuisiert. Jakobi dankte den Stadträtinnen ausdrücklich dafür, dass sie sich für eine Beratungsstelle auch für Männer stark gemacht haben.

Eine Podiumsdiskussion der Stadt „Nein heißt Nein“ am 25. November (Beginn: 18 Uhr) im Silchersaal des „Museums“ soll die ganze Bandbreite sexualisierter Gewalt gegen Frauen thematisieren.

Info: Die Beratung für Frauen ist telefonisch dienstags von 10 bis 12 Uhr auf jeden Fall, aber meist auch sonst zu erreichen unter der Rufnummer 0 70 71 / 7 91 11 00, die Beratung für Männer mittwochs von 14 bis 16 Uhr unter 0 70 71 / 7 91 11 01.

Jede siebte Frau in Deutschland hat im Alter zwischen 16 und 85 Jahren schon einmal sexualisierte Gewalt erlebt. Bis zu 14 Jahren macht nach repräsentativen Umfragen mindestens jeder zehnte Missbrauchserfahrungen.
2013 wurden in Baden-Württemberg 848 Fälle von Vergewaltigung und sexueller Nötigung bekannt. Allerdings wird nur selten die Polizei eingeschaltet, die Anzeigequote liegt bei 8 bis 15 Prozent. Experten gehen daher sogar von bis zu 10 600 Fällen von Vergewaltigung und Nötigung aus. Besonders stark betroffen sind Frauen mit Behinderungen.
Die Kriminalstatistik 2012 wies für den Landkreis Tübingen 75 Fälle von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung aus, davon 25 in der Stadt Tübingen. In den meisten Fällen, nämlich 43, handelte es sich um Missbrauch von Kindern, Jugendlichen und widerstandsunfähigen Menschen.
Zwischen 2009 und 2012 gab es durchschnittlich 92 Fälle im Jahr im Kreis, davon 42 in Tübingen.

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05.11.2015, 12:00 Uhr

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