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Gefährliche Wege

In dem anrührenden Debüt „Ephraim und das Lamm“ führt ein Junge ins Filmland Äthiopien

Der äthiopische Regisseur Yared Zeleke findet atemberaubende Bilder für das Ende einer Kindheit. Am Mittwochabend stellte er sein Debüt „Ephraim und das Lamm“ im Kino Atelier vor.

27.11.2015
  • DOROTHEE HERMANN

Tübingen. Vor den überwältigenden Landschaften, die sich in dem äthiopischen Filmdebüt „Ephraim und das Lamm“ öffnen, merkt man vielleicht nicht sofort, was für eine unglaublich harte Geschichte der Film erzählt: Der Junge Ephraim verliert nach dem Tod seiner geliebten Mutter auch noch den Vater. Denn der will in der weit entfernten Hauptstadt Addis Abeba nach Arbeit suchen, weil das eigene Land nichts mehr hergibt. Das einzige, was dem Jungen aus der Geborgenheit der Kindheit bleibt, ist sein Lamm Chuni.

Regisseur Yared Zeleke hat in dem Film eigene biografische Erfahrungen verarbeitet. Vordergründig ist er dem Jungen mit dem Schaf, der so gut kochen kann, gar nicht ähnlich: Er ist aus der Stadt, hatte nie ein Haustier und wolle nicht kochen, so der 36-Jährige. Doch wie Ephraim hat Zeleke als Zehnjähriger alles verloren. „Eine Bilderbuch-Kindheit mit gutem Essen, mit viel Liebe und voller Farbe.“ Für eine ungewisse bessere Zukunft musste er das alles hinter sich lassen, um zu seinem Vater in die USA zu gehen.

Seinen Film versteht er als Liebeserklärung an das Land seiner Kindheit. Er sei in einer Kriegszeit aufgewachsen, in einem Armenviertel, mit Hunger und politischem Chaos. Doch der Regisseur sagt: „In Äthiopien sind die Menschen nicht einsam. Man fühlt sich nie allein.“ Das sei eines der Geschenke des Landes. Das Filmteam erwarteten ganz eigene Schwierigkeiten: „Wir drehten in 3000 Meter Höhe. Es war kalt und neblig. Die Einheimischen verstanden nicht, was wir machten und beobachteten uns wie Aliens.“

Fast beiläufig verweist er auf die unterschiedlichen Religionen der Figuren. Ephraim ist Jude. Der orthodoxe Priester kommt ins Dorf. Die kleine Ziegenhirtin ist Muslimin. „Diese Vielfalt wollte ich repräsentieren“, so Zeleke beim Publikumsgespräch mit der Medienwissenschaftlerin Mira Kessler. „Seit 6000 Jahren leben Juden in Äthiopien. Im Süden gibt es Animisten, und auch die Sufi-Kultur wird praktiziert.“

Gedreht wurde in der Region Balé in Zentral-Äthiopien und in Gondar im Norden. Dennoch werde deutlich, welche Probleme die Bauern in ganz Äthiopien haben. Aktuell gebe es eine Hungersnot. „15 Millionen Menschen hungern. Die BBC hat angefangen, darüber zu berichten, aber das wurde von den Ereignissen in Paris überlagert.“ Ohne Bodenschätze wie Öl oder Gas seien landwirtschaftliche Erzeugnisse das einzige Exportgut. Diese Einsicht formulieren im Film das rebellische Mädchen Tsion (Kidist Siyum) und ihre politisierenden Freunde: „Wir sollen Getreide exportieren. Dabei haben wir selbst nicht genug zu essen.“ Für den Regisseur steht Tsion für eine neue Generation, die die Zusammenhänge zwischen Weltpolitik und Klimawandel durchschaut. Menschen wie sie machen ihm Hoffnung für sein Land. „Aber ich weiß nicht, was geschehen wird.“

Zeleke studierte zunächst Internationale Entwicklungspolitik, mit Schwerpunkt „Ressourcenmanagement in Subsahara-Afrika“. Dann fiel ihm auf, dass er in der Landwirtschaft arbeiten wollte, weil er sich schuldig fühlte: „Ich wollte mein Land retten.“ Beim Aufbaustudium Agrarökonomie in Norwegen fragte er sich, was er tun würde, wenn Äthiopien so friedlich wäre wie Norwegen, und seine geschichtenerzählende Großmutter fiel ihm ein. „Sie hat drei Epochen durchlebt: das Kaisertum, die Diktatur und das gegenwärtige Regime.“ Das Kino wurde Zelekes Art des Geschichtenerzählens. Es sei eine Art von Diplomatie, eine Einladung zum Gespräch, findet er. Seit vier Jahren lebt er wieder in Addis Abeba. Zuvor hat er in den USA Film studiert, „als erster Äthiopier an der New York University“.

Sein nächster Film wird von der Kindheit zur Jugend und der ihr eigenen „chaotischen kreativen Energie“ wechseln. Die Mehrheit der Äthiopier sei jung. „Sie suchen sich gefährliche Wege, gehen nach Süd-Afrika, Europa und Arabien.“ Einer der Produktionsassistenten von „Ephraim“ habe ihm eben aus dem berüchtigten Camp für angeblich illegale Migranten bei Calais gemailt.

Info „Ephraim und das Lamm“ läuft im Kino Atelier, Haagtorplatz.

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27.11.2015, 01:00 Uhr

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