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Flüchtlinge packen mit an

In den Erstaufnahmeeinrichtungen sind die Ein-Euro-Jobs begehrt

Es gibt viel zu tun in den vielen Flüchtlingsunterkünften im Land. Nicht nur Haupt- und Ehrenamtliche helfen mit, sondern auch die Schutzsuchenden selbst packen mit an. Ihre Motive sind vielfältig.

06.11.2015
  • JULIA GIERTZ, DPA

Stuttgart/Ellwangen "Dr. Fadi" steht auf dem Namenschild des jungen Syrers aus Latakia. Seit fast zwei Monaten geht der Anästhesie-Assistent Ramadan Fadi den Ärzten in der Ambulanz der Landeserstaufnahmeeinrichtung in Ellwangen (Ostalbkreis) zur Hand. "Ich bin glücklich hier", sagt der 30-Jährige, der unter Aufsicht eines Arztes Blutdruck misst, Blut abnimmt oder Infusionen legt. Vor allem für die Erfassung der Krankengeschichten seiner Landsleute ist er unverzichtbar. Für seine unermüdliche Arbeit erhält der anerkannte Asylbewerber genau 1,05 Euro in der Stunde. Der Syrer ist einer von rund 50 Ein-Euro-Jobbern in der Erstaufnahme (Lea) Ellwangen.

Ein-Euro-Jobs sind für Empfänger von Hartz-IV vorgesehen. Aber auch in den Flüchtlingsquartieren gibt es solche im Asylbewerberleistungsgesetz ausdrücklich vorgesehenen Arbeitsgelegenheiten. Zusammen sind es mehrere hundert Jobs, in denen Flüchtlinge anpacken. Oft ist die Nachfrage größer als das Angebot.

Im Vertrag zwischen der Lea und dem Dienstleister European Home Care ist festgeschrieben, dass neben den regulär bezahlten auch solche Jobs ermöglicht werden, berichtet Lea-Leiter Berthold Weiß. Flüchtlinge sind in der Wäscherei, in der Kantine, in der Kinderbetreuung oder beim Müllaufsammeln nützlich. Die Stadt hat überdies die Reinigung des Fußwegs von der Lea ins Zentrum an Flüchtlinge vergeben.

Weiß findet es wichtig, dass die Menschen so eine Tagesstruktur erhalten. Auch die Außenwirkung sei nicht zu unterschätzen. "Durch den Einsatz von Flüchtlingshelfern auch in der Innenstadt kriegt die Bevölkerung mit, dass unsere Flüchtlinge arbeiten wollen", sagt er. Auf eines sei aber zu achten: Dass sich aus dem Einsatz nicht Machtpositionen ergäben, die Unruhe verursachen, etwa weil sich jemand bei der Essensausgabe benachteiligt fühlt.

Im besten Fall kommen Flüchtlinge durch die gemeinnützige Tätigkeit in reguläre Arbeitsverhältnisse. Eine junge syrische Zahnärztin stellte sich im Ein-Euro-Job so patent an, dass die Zahnärztin aus der Stadt, die in der Lea arbeitet, sie mit in ihre Praxis nahm. Ein mazedonischer Küchenhelfer machte beim Lea-Küchenchef so Eindruck, dass er eine Arbeitserlaubnis erhielt. Jetzt gehört er fest zum Team, das die derzeit 3300 Vertriebenen in der Lea bekocht.

"Das sind die kleinen Blitzlichter", erzählt Weiß. Damit weiteren Helfern der Weg ins Arbeitsleben geebnet wird, gebe man auch potenziellen Arbeitgebern Hinweise darauf, "dass das Leute sind, die man brauchen kann", sagt der Lea-Chef.

Für "Dr. Fadi" ist die Entschädigung seiner Arbeit eher symbolischer Natur. Er schätzt die Freiheit in Deutschland und die Möglichkeit, Menschen zu helfen. Es gibt auch ganz andere Motive: Mohammad aus Pakistan schickt das Geld, das er als Mitglied der Putztruppe in der Kantine bekommt, seinen vier in der Heimat verbliebenen Kindern. In der Wäscherei verdienen sich zwei junge Familienväter aus Damaskus Geld für Windeln und Milch. Zudem versuchen sie, selbst zu kochen, weil das Lea-Essen nicht ihrem Geschmack entspricht.

"Dr. Fadi" ist wieder einmal gefragt, die Beschwerden einer jungen Patientin aufzunehmen und sie gemeinsam mit Anstaltsarzt Peter Högerle zu versorgen. "Ohne Dolmetscher geht es nicht", sagt Högerle. Auch er hat Interesse an dessen Fortkommen. Wenn "Dr. Fadi" demnächst die Lea in die vorläufige Unterbringung verlässt, bekommt er die E-Mail-Adresse des Arztes, damit er ihn jederzeit um Rat bitten kann. Der Deutsche findet einen Euro Entschädigung zu wenig. Drei bis fünf Euro wären angemessen, meint er. "Ein Stück Anerkennung täte Not." Doch sein Vorschlag sei im Sande verlaufen. Bei dem Syrer steht das Geld nicht im Vordergrund. Er betont: "Ich will durch meine Arbeit nur Danke sagen. "

In den Erstaufnahmeeinrichtungen sind die Ein-Euro-Jobs begehrt
Helfer sind gefragt in der Erstaufnahmeeinrichtung in Ellwangen, beim Abräumen im Speisesaal zum Beispiel. Und auch die Jobs sind gefragt, obwohl es nicht viel Geld gibt. Foto: dpa

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06.11.2015, 12:00 Uhr

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