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Der Tübinger Arzt Heiner Lempp geht als Freiwilliger mit dem DRK nach Westafrika

In den Kampf gegen Ebola

Die Nachrichten über das Elend der Ebola-Kranken hat Heiner Lempp nicht mehr ausgehalten: Der Tübinger Mediziner hat sich beim Deutschen Roten Kreuz freiwillig für einen Einsatz in Afrika gemeldet. Für den 63-Jährigen ist es der erste Einsatz in einem Katastrophengebiet.

24.10.2014
  • Jonas Bleeser

Tübingen. Die Nachrichten aus Westafrika klingen apokalyptisch: In Sierra Leone, Guinea und Liberia sind laut Weltgesundheitsorganisation WHO über 10 000 Menschen mit dem hochansteckenden Ebola-Virus infiziert, mehr als 4000 Menschen starben an der Krankheit. Das Ausmaß der Epidemie überfordert die Gesundheitssysteme der Länder. Viele Patienten sterben auch an heilbaren Krankheiten, weil sie nicht behandelt werden können. Es fehlt Material und vor allem medizinisches Personal. Der Tübinger Arzt Heiner Lempp verfolgt das Elend seit Monaten über die Medien – nun hat er sich entschlossen, selbst zu helfen: „Ich halte es eher dort aus, als hier zu sitzen und es jeden Tag in der Zeitung zu lesen“. Im November wird Lempp als Freiwilliger des Roten Kreuzes nach Westafrika reisen.

In einem Katastrophengebiet hat der 63-Jährige noch nie gearbeitet. 25 Jahre war er Allgemeinmediziner in den Mariaberger Heimen, seit sechs Jahren hat er eine Stelle an der Sonnenberg-Klinik in Stuttgart. Derzeit ist er in Altersteilzeit. Für den Einsatz nimmt er unbezahlten Urlaub, für seine Arbeit in Afrika bezahlt ihn das Rote Kreuz. Sein Arbeitgeber unterstützt Lempps Engagement. Seine Kinder sind erwachsen und finden seine Entscheidung gut. „Für meine Frau ist es schwerer“, sagt Lempp. Sein Entschluss steht trotzdem fest: „Jemand muss es ja tun. Die Menschen dort unten sterben ohne Hilfe von außen.“

Bei 40 Grad im Schutzanzug

Lempp hat eine afrikanische Vorgeschichte: Vor 35 Jahren war er als Entwicklungshelfer in Tansania. Damit hat er eine wichtige Voraussetzung erfüllt, um beim DRK eingesetzt werden zu können: Er hat Berufserfahrung unter tropischen Bedingungen. Außerdem ist er körperlich fit und kann gut Englisch. Zur Vorbereitung besucht er demnächst einen Kurs im Missionsärztlichen Institut in Würzburg. „Dort wird geübt, wie man in einem 40 Grad warmen Zelt und einem Astronautenanzug trotzdem ärztlich tätig und dabei konzentriert sein kann.“

Die Gefahr, in die er sich begibt, ist dem 63-Jährigen bewusst – auch wenn er lieber von „höherem Risiko“ spricht: „Ich habe die Angst, die man haben muss, damit man sich vorsichtig verhält“, sagt er über das Risiko einer Ansteckung, „wenn ich auf der Autobahn nach Frankfurt fahre, weiß ich auch nicht, ob ich ankomme.“ Ob er ab November in Liberia oder Sierra Leone helfen wird, weiß er noch nicht. Unklar ist auch noch, ob er sich dort direkt um Ebola-Patienten kümmern oder andere Fälle übernehmen wird. „Am schwierigsten wird sein, dass man weiß, es ist viel zu wenig, was man tun kann.“ Viele Erkrankte auf dem Land haben noch nicht einmal Kontakt zu Ärzten. Und die derzeit in Westafrika grassierende Form von Ebola rafft die meisten Patienten dahin. Über den Effekt seines Einsatzes macht sich Lempp deshalb keine Illusionen „Vielleicht schaffen wir es in dem Krankenhaus, mit Infusionen und Antibiotika die Sterberate von 70 auf 50 Prozent zu drücken. Das ist dann immer noch eine Katastrophe. Aber es gehen ein paar Leute wieder heim.“

Der Aufenthalt soll vier Wochen dauern: „Länger ist das nicht auszuhalten, sagt das Rote Kreuz.“ Da zwischen einer Ansteckung und den ersten Krankheitsanzeichen bis zu 21 Tagen liegen, muss Lempp nach der Rückkehr sicherheitshalber dann noch drei Wochen in Deutschland in Quarantäne verbringen.

Lempp befasst sich nicht nur aus medizinischer Sicht mit der Seuche. Er sieht den Ausbruch in einem globalen Zusammenhang. Denn dass die Krankheit ausgerechnet drei der ärmsten Länder der Welt mit solcher Wucht trifft, ist seiner Einschätzung nach kein Zufall: „Alle drei Staaten, die betroffen sind, hatten Vorgaben des Internationalen Währungsfonds, ihre Ausgaben zu senken. Das traf auch die Gesundheitssysteme.“

Die Seuche als Folge der Ungerechtigkeit

Unter anderem deshalb arbeiteten heute mehr liberianische Ärzte in den USA und Europa als im Land selbst. „Vor einigen Jahren hätte man die Epidemie schneller eindämmen können“, glaubt Lempp. Das Weltwirtschaftssystem spiele bei der derzeitigen Katastrophe eine erhebliche Rolle: „Wir müssen darüber nachdenken, wie wir hier leben. Das hängt direkt damit zusammen, wie sie dort sterben.“ Wenn es der Weltgesellschaft nicht gelinge, die Ungleichheit zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden zu überwinden, „dann haben wir in ein paar Jahren woanders ein ähnliches Problem“.

Am Dienstag, 20 Uhr, moderiert

Heiner Lempp einen Attac-Leseabend im Schlatterhaus in Tübingen.

In den Kampf gegen Ebola
Von Tübingen ins Krisengebiet: Im November fliegt Heiner Lempp nach Westafrika, um Leben zu retten. Bild: Metz

Das Deutsche Rote Kreuz sucht weiter Freiwillige. Melden können sich nicht nur Ärzte und Krankenpfleger. Gesucht werden auch Hebammen, Pharmazeuten, Labortechniker und Röntgenfachkräfte. Bewerben kann man sich im Online-Portal unter www.drk.de.
Spenden kann man unter anderem an:
Deutsches Rotes Kreuz:
Konto: 41 41 41
Bankleitzahl: 37020500
Ärzte ohne Grenzen:
Konto: 97 0 97
Bankleitzahl: 370 205 00
Deutsches Institut für ärztliche Mission (Difäm):
Konto 40 66 60
Bankleitzahl: 520 604 10
Bei allen als Stichwort „Ebola“ angeben.

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24.10.2014, 12:00 Uhr

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