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In der Firma Peetz entsteht Bauwerk aus alter Zeit
Das Haus Belthlestraße 39 in den 1930er-Jahren. Nach diesem Foto zeichnete Hausbesitzer Peter Reif das Zwiebeltürmchen. Bild: privat
Zwiebeliger Turm aus Holz

In der Firma Peetz entsteht Bauwerk aus alter Zeit

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Schmuckelemente an Häusern sehr modern. Erkerchen, verzierte Brüstungen, kleine Gauben und Türmchen zierten die Gebäude. In der Belthlestraße wird eines dieser Häuser nun saniert – und bekommt sein vor rund 50 Jahren abgerissenes Zwiebeltürmchen wieder.

07.05.2011
  • sabine lohr

Tübingen. Die Zimmerer-Meister, die vor über hundert Jahren das Zwiebeltürmchen für das Haus in der Belthlestraße 39 bauten, hätten vermutlich den Kopf geschüttelt oder doch zumindest große Augen gemacht: Was da in der Werkstatt der Tübinger Firma Peetz seit einer Woche entsteht, hat nur wenig zu tun mit dem, was die Zimmerer damals zusammenbauten. Mühsam sägten sie früher Rundungen in dicke Dielenbretter und setzten diese dann Stück für Stück wie ein Puzzle zusammen, bis die Dachkonstruktion schließlich stand.

Heute geht das alles fixer. Und lauter. Boris Sorgius, Zimmerer-Meister bei Peetz, sägte mit großen, elektrischen Maschinen aus einer gigantischen Drei-Schicht-Platte acht Elemente heraus, jeweils vier davon sind gleich. Die Platten wurden rund um eine Metallstange auf eine weitere Platte gesetzt – und das Grundgerüst für das Zwiebeltürmchen war fertig. Gestern leisteten die Gesellen Thomas Kesel und Zeljko Jurkic zusammen mit Sorgius dann fast schon Akkordarbeit. Sie schraubten schmale Latten an die Kanten der gesägten Platten und vervollkommneten so die Form des Turms.

Von der Konstruktion ist Peter Reif begeistert. Er ist der Bauherr des Türmchens und Besitzer des prächtigen Fachwerkhauses in der Belthlestraße. Ein bisschen, sagt er, fühle er sich schuldig daran, dass der kleine Turm einst wegkam. 20 Jahre alt war Reif, als festgestellt wurde, dass der Turm undicht ist. Der Dachdecker empfahl Reifs Vater, das Ding abzureißen, weil eine Sanierung zu teuer sei. Peter Reif setzte sich nicht für den Erhalt ein – „und jetzt kostet mich das vermutlich viel mehr als wenn wir‘s damals gerichtet hätten“, sagt er.

Einen Konstruktionsplan für das Türmchen hatte Reif nicht. Aber alte Fotos. Auf denen maß er den kleinen Aufbau aus und fertigte eine Skizze an. Nach der konstruierte Sorgius den neuen Turm. Und der soll möglichst so aussehen wie der alte. Mit langgezogener Spitze, auf der ganz oben eine Metallkugel ruht. Und mit einem Unterbau, um den rundherum Fensterchen eingelassen sind. Mit einem überstehenden Dach und der typischen geschwungenen Form.

Verkleidet wird die Holzkonstruktion mit Titanzink, das am Anfang noch silbern glänzt, mit der Zeit aber Patina ansetzt. Diese Arbeit übernimmt Jürgen Höritzer, der als Blechner-Meister bei Peetz beschäftigt ist, zusammen mit der Firma Kaipf. Höritzer baut auch die Metallkugel. „In zwei Teilen“, sagt er. Damit man etwas hineintun kann. Reif weiß auch schon, was: Alte Geldscheine, D-Mark- und Euro-Münzen, dazu Zeitungsartikel über die Landtagswahl und die Katastrophe in Fukushima als historische Zeit-Dokumente, alte Fotos vom Haus, seine Skizze vom Turm und Sorgius’ Konstruktionspläne für den Nachbau.

Immer weiter ausgeschmückt

Mit dem fertigen Turm, der in zwei bis drei Woche mit einem Kran auf das vorspringende Dach gehievt wird, sieht das Reifsche Haus dann fast wieder aus wie früher. Allerdings nicht wie damals, als es neu gebaut wurde. Gerade mal halb so hoch und wesentlich kleiner war das Haus nach seiner Fertigstellung 1871. Wilhelm Bögle war damals der Bauherr. In dem Haus betrieb er einen Laden, in dem er „Colonial- und Specerei-Waaren und Cigarren“ verkaufte, wie das Ladenschild verriet.

Als 1882 die Ammer begradigt wurde, erweiterte Bögle das Haus an der Südseite – direkt auf der Stützmauer. Mit den Jahren baute er immer weiter an und schmückte das Gebäude aus. 1900 wurde Peter Reif, der Großvater des heutigen Hausbesitzers, Geschäftspartner von Bögle. Später wurde aus dem Laden eine große Drogerie, die Peter Reif bis 1997 führte. Heute befindet sich das Hifi-Studio Wagner darin.

Die Tübinger Belthlestraße bekommt einen Zwiebelturm

Die Tübinger Belthlestraße bekommt einen Zwiebelturm --

02:19 min

In der Firma Peetz entsteht Bauwerk aus alter Zeit
Latte für Latte schrauben die Zimmerer-Gesellen Zeljko Jurkic und Thomas Kesel mit ihrem Meister Boris Sorgius (von links) an die Holzkonstruktion für das Zwiebeltürmchen. Unter das Turmdach kommt noch ein rundum mit Fenstern ausgestatteter Unterbau.Bild: Sommer

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07.05.2011, 12:00 Uhr

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