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Die vergessene Hälfte der Moderne

In der Frankfurter Kunsthalle Schirn sind jetzt die "Sturm"-Frauen neu zu entdecken

Sie sind meist weniger bekannt als ihre Künstlerkollegen. Vor allem - weil sie keine Männer waren. Die Frankfurter Schirn zeigt die "Sturm-Frauen".

04.11.2015
  • JENS BAYER-GIMM, EPD

Frankfurt "Sehen Sie, Fräulein, es gibt zwei Arten von Malerinnen, die einen möchten heiraten und die anderen haben auch kein Talent." Was die Zeitschrift "Simplicissimus" 1901 schrieb, entsprach dem Zeitgeist Anfang des 20. Jahrhunderts. Bis zum Ende des Kaiserreichs 1919 war es Frauen verboten, an den deutschen Kunstakademien zu studieren. Ein leidenschaftlicher Ausstellungsmacher und Verleger sah das anders. "Herwarth Walden wollte das Neueste, Ungewöhnlichste, Schrägste ausstellen", sagt Ingrid Pfeiffer, Kuratorin der Frankfurter Kunsthalle Schirn, in der die Ausstellung "Sturm-Frauen" mit Werken von Avantgarde-Künstlerinnen zu sehen ist. "Er förderte Künstler und Künstlerinnen gleichermaßen". Walden gründete 1910 die Zeitschrift "Der Sturm". Mit ihr wollte er den expressionistischen Künstlern eine Plattform geben.

Dabei blieb es nicht. 1912 gründete er die gleichnamige Galerie in Berlin, danach "Sturm-Akademie" und "Sturm-Bühne". Mehr als 30 Künstlerinnen lud Walden zu Ausstellungen ein, bevor er in die Sowjetunion emigrieren musste. 18 werden nun in der Schirn vorgestellt. Die Ausstellung "Sturm-Frauen. Künstlerinnen der Avantgarde in Berlin 1910-1932" enthülle, dass Frauen viel mehr zur Entwicklung beigetragen haben als bekannt, sagt Schirn-Direktor Max Hollein. Die Kunstwerke machten deutlich, dass es Kubismus, Expressionismus, Futurismus, Konstruktivismus und Neue Sachlichkeit ohne diese Frauen so nicht gegeben hätte.

Zu den ausgestellten Künstlerinnen gehören Sonia Delaunay, Alexandra Exter, Else Lasker-Schüler, Gabriele Münter und Marianne von Werefkin. Die 280 Gemälde, Grafiken, Bühnenbilder und Masken bietet einen Überblick über die klassische Moderne. Dass die Künstlerinnen bei Walden ausstellen konnten, habe mit zwei starken Künstlerfrauen zu tun, so Pfeiffer. Der Name "Sturm" gehe auf Waldens erste Frau, die Dichterin und Zeichnerin Else Lasker-Schüler, zurück. Sie und Waldens zweite Frau, die Malerin Nell Walden, engagierten sich für das "Sturm"-Projekt.

Die Ausstellung deckt bei manchen Werken die verblüffende Ähnlichkeit mit jenen der jeweiligen Lebensgefährten auf, so bei den Farbflächenbildern von Sonia Delaunay. Auch die Gemälde von Marianne von Werefkin und Gabriele Münter zeigen, dass die Künstlerinnen Alexej von Jawlensky und Wassily Kandinsky in nichts nachstanden. Typisch jedoch, dass Werefkin, die in den 1890ern als "russischer Rembrandt" galt, für Jawlensky die Malerei zehn Jahre lang aufgab. "Die Lebensläufe der Künstlerinnen sind oft brüchiger und kürzer als die der Männer", sagt Pfeiffer.

Die Ausstellung präsentiert auch überraschende Arbeiten. So sind von Alexandra Exter futuristische Kostümentwürfe zu sehen, die sie für den russischen Science-Fiction-Stummfilm "Aelita" zeichnete. Ein Höhepunkt sind auch die Ganzkörpermasken der Schauspielerin und Tänzerin Lavinia Schulz.

In der Frankfurter Kunsthalle Schirn sind jetzt die "Sturm"-Frauen neu zu entdecken
Helfer der Schirn hängen das Gemälde "Frau mit Pelz und rotem Hut" von Sigrid Hjertén auf. Foto: dpa

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04.11.2015, 12:00 Uhr

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