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Kulturdenkmal zu verkaufen

In der Haaggasse 19 könnte ein Kulturkeller entstehen

Für vier Altstadthäuser sind die Optionen an privat bereits vergeben: Die städtische Wohnungsgesellschaft GWG trennt sich derzeit von einigen stark sanierungsbedürftigen Kulturdenkmälern.

08.09.2012
  • Volker Rekittke

Tübingen. „Das Projekt ist reizvoll, das Haus richtig schön“, sagt Ernst Gumrich über die Haaggasse 19. Zusammen mit fünf weiteren Privatleuten will sich der Besitzer des Sanierungsbeispiels Nonnenhaus jetzt an die nächste Baustelle machen. In dem mehr als 400 Jahre alten Gebäude am Beginn des Kapitänswegs zum Schloss lebte im 17. Jahrhundert die „schwäbische Geistesmutter“ Regina Bardili. Aus ihrer 13-köpfigen Kinderschar gingen Generationen später unter anderem die Dichter Hölderlin, Mörike, Uhland, der Philosoph Schelling und die Schriftstellerin Ottilie Wildermuth hervor.

Das Haus war über Jahrzehnte eine beliebte Studentenherberge. Die letzte Besitzerin, die Handwerkertochter Rosa Klett, vermachte es nach ihrem Tod 1999 der Stadt – verbunden mit der Auflage, dass die Kommune das Haus sechs Jahre lang nicht verkaufen durfte. 2009 ging es an die GWG. Von der will nun die Bauherrengemeinschaft um Gumrich das arg marode Kulturdenkmal für 465 000 Euro kaufen und von Grund auf sanieren.

Auf einer Wohnfläche von 560 Quadratmetern sollen – wenn alles gut läuft und nicht noch mehr gravierende Schäden entdeckt werden – bis Ende 2013 sieben Eigentumswohnungen entstehen, die dann über einen Aufzug barrierefrei erreichbar sein werden. Kostenpunkt für die grundlegende, auch energetische Sanierung an Dach und Fach sowie für den Umbau: Weitere 1,8 Millionen Euro – mindestens.

Dafür beherbergt das alte Gemäuer aber auch ein echtes Kleinod: In dem mehr als hundert Quadratmeter großen „kathedralartigen Keller“ kann sich Gumrich gut einen Veranstaltungsraum vorstellen. Beginnt hinter der „herrlichen Steingewandung in den Schlossberg hinein“ gar ein noch unentdeckter Aufgang zum Schloss? Gumrich will es herausfinden.

Das älteste der Häuser, die die GWG derzeit an privat verkauft, steht gar nicht weit von der Haaggasse 19 entfernt: Das Gebäude Judengasse 1 wurde vermutlich 1494 erbaut. Wie bei der Haaggasse 19 zog auch hier der letzte Mieter vor einem Jahr aus. Die Option, eine weitere Parallele zum Gumrich-Projekt, läuft noch bis Ende des Jahres. Gesichert hat sie sich im Fall der Judengasse 1 der Esslinger Bauträger Pro Casa, der in der Region schon einige historische und denkmalgeschützte Gebäude saniert hat. 270 000 Euro will die GWG für das ebenfalls sehr sanierungsbedürftige Kulturdenkmal haben.

In der Hohentwielgasse, hinter der Kelter gelegen, hat die GWG bereits zwei Häuser verkauft: die Nummer 9 und die 13. Letzteres wird derzeit aufwändig kernsaniert. Zwei Familien sicherten sich nun die Optionen (diese können noch bis Ende Februar 2013 zurückgegeben werden) für die Hohentwielgasse 17 und 19. Beide Häuser sind mehr als 300 Jahre alt. Beim Uhland-Geburtshaus Neckarhalde 24 laufen derzeit noch Verhandlungen zwischen GWG und den Mietern.

Bei allen Häusern achtet die Wohnungsgesellschaft darauf, dass die Käufer auch tatsächlich sanieren – und nicht etwa mit den Gebäuden spekulieren. Sind die vertraglich fixierten Sanierungsauflagen nach drei Jahren nicht erfüllt, hat die GWG ein Rückkaufsrecht.

GWG: Lieber neu bauen, als teuer sanieren

Doch warum trennt sich die kommunale Gesellschaft überhaupt von den Häusern? „Eine Sanierung wäre sehr teuer“, so GWG-Chef Gerhard Breuninger. Um die Kosten wieder hereinzuholen, müsste die Gesellschaft Quadratmeter-Mieten von zehn bis zwölf Euro verlangen – zu teuer für die allermeisten ihrer Mieter, die auf günstigen Wohnraum angewiesen sind. „Da bauen wir lieber neu“ – wie demnächst 20 Sozialwohnungen in der Alten Weberei in Lustnau. Dort werden die Kaltmieten bei 6,50 bis 7 Euro pro Quadratmeter liegen. Das ist etwas mehr als der Durchschnitt in allen 2000 Tübinger GWG-Wohnungen, der bei rund 5,50 Euro pro Quadratmeter (kalt) liegt.

In der Haaggasse 19 könnte ein Kulturkeller entstehen
Die wegen ihres maroden Dachs schon seit 2009 eingerüstete Haaggasse 19 von fünf historischen Altstadtgebäuden, die die kommunale Wohnungsgesellschaft GWG aktuell verkauft.

In der Haaggasse 19 könnte ein Kulturkeller entstehen
Auch die Judengasse 1 ist eines der fünf historischen Altstadtgebäuden, die die kommunale Wohnungsgesellschaft GWG aktuell verkauft. Bis auf eines sind alle als Kulturdenkmal eingestuft.

In den Jahren 1996 und 1997 wie auch 2009 war die Haushaltslage in Tübingen reichlich angespannt. In drei Tranchen trennte sich die Stadt seinerzeit von insgesamt 643 Wohnungen sowie 50 „sonstigen Einheiten“ für Gewerbe, Kindergärten und andere soziale Nutzungen. Käufer war eine kommunale Tochter – die Gesellschaft für Wohnungs- und Gewerbebau. Die GWG zahlte für die drei Wohnungs Pakete zusammen knapp 24 Millionen Euro.

2008 beschloss die GWG ein umfassendes Sanierungsprogramm für ihre derzeit rund 2000 Wohnungen – dafür sollen bis 2020 rund 90 Millionen Euro investiert werden. Zugleich wurde entschieden, etliche Gebäude mit weniger als sechs Wohneinheiten zu verkaufen, weil diese laut GWG-Chef Gerhard Breuninger zu teuer bei den Sanierungen, in Unterhalt und Verwaltung sind.

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08.09.2012, 12:00 Uhr

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