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Walters Erfolgsrezept

In der Krise Kosten gesenkt, aber Belegschaft gehalten

„Kosten senken, die Köpfe halten“, war die Maxime der Walter AG in der Krise 2009/10. Fast hundert Gäste kamen am Montag zum Reutlinger Arbeitsmarktgespräch in die Agentur für Arbeit und nahmen die Erkenntnis mit: „Flexible Personalpolitik bei Auftragsmangel“ ist brandaktuell.

02.11.2012
  • Fred Keicher

Reutlingen / Tübingen. Noch gehe man von einer „kleine Delle“ aus, sagte Werner Hahn. Doch für den Personalchef der Tübinger Walter AG sind die Zeichen der konjunkturellen Eintrübung unübersehbar. Wie die Walter AG durch Flexibilisierung durch die Krise 2009/2010 gekommen ist, ohne sein Stammpersonal zu verlieren, war Hahns Thema. Es gelte, Kapazität und Kosten während des Auftragsrückgangs so zu reduzieren, dass die Firma bei einer Nachfragebelebung sofort wieder lieferfähig ist. Denn „jede Krise ist irgendwann vorüber.“

Wenn Hahn redet, greift er gerne zu Vergleichen aus der Seefahrt: Die Firma müsse „Wasser unterm Kiel“ haben, aber es gelte auch, „alle an Bord“ zu halten. Massenentlassungen schaden der Reputation eines Unternehmens. Mit den Köpfen gehe das Know-how. Junge Mitarbeiter brächten „hochaktuelles Wissen“ von der Universität mit. Die älteren dagegen hätten das Know-how aufgebaut, das in den Produkten stecke.

Kurzarbeit – ein teures Vergnügen

„Kurzarbeit ist für das Unternehmen ein teures Vergnügen“, sagte Hahn. Die Kapazität sinke vielleicht um 20 Prozent, die Kosten aber nur um zehn. Im Zweifelsfall müsse der Teamleiter auch mal zu einem Mitarbeiter sagen: „Das ging früher aber schneller.“ Von einem „Trilemma“ sprach Arbeitsagentur-Geschäftsführer Ulrich Häfele bei der Kurzarbeit: Sie schaffe für die Mitarbeiter sichere Einkommen, fahre die Kapazitäten zurück aber nicht in gleichem Maße die Kosten.

Die Mitarbeiter mitnehmen, die Belastungen gleich verteilen, die Balance halten, war Hahns Empfehlung an seine Zuhörer aus Industrie und Handwerk. „Auch das Management muss seinen Beitrag leisten.“ Nicht nur Mitarbeiter seien einzubinden, sondern auch Kunden und Lieferanten, bei arbeitsrechtlichen Fragen der Betriebsrat oder auch die Gewerkschaft.

„Kleinvieh macht auch Mist“, sagte Hahn. Es seien viele kleine Maßnahmen, die zum Erfolg beitragen. Arbeitszeitkonten zurückfahren etwa, dazu Brückentage nutzen oder Betriebsruhe über Weihnachten. Arbeitsverhältnisse ungelernter Mitarbeiter in Ausbildungsverhältnisse überführen, helfe diesen und dem Betrieb, weil er nur die reguläre Ausbildungsvergütung zahle. Manche wollen in Elternzeit oder Pflegezeit. Eine Auszeit im Bundesfreiwilligendienst sei eine Möglichkeit. „Ich wollte auch ein paar zur Bundeswehr schicken“, erzählt Hahn, „aber die waren alle untauglich.“

Kleinvieh macht auch Mist

Weil die Interessen der Beteiligten konträr sind, heiße es Kompromisse eingehen: „Verhandlungsfähige Angebote machen“, empfiehlt Hahn. Er habe Mitarbeitern ein Sabbatjahr vorgeschlagen. Null Interesse. Die hätten sich ja selber versichern müssen. Daraufhin habe er ihnen monatlich einen Zuschuss von 1000 Euro angeboten. Zehn sind dann ein Jahr gegangen. Den Betrieb habe es 120 000 Euro gekostet, gespart habe er 550 000 Euro. Die Verträge von 70 Zeitarbeitern wurden 2009 nicht verlängert, heute sind fast alle wieder im Betrieb. Mit diesen Maßnahmen habe Walter im Krisenjahr 2009/2010 etwa 13 Millionen Euro eingespart, die Kosten von etwa 240 Arbeitsplätzen.

Dass sich zwei Trends überlagern, hatte Häfele eingangs dargestellt. Kurzfristig der konjunkturelle Einbruch, langfristig aber die demografische Entwicklung: „Das wird ein Riesenthema“, prophezeite Häfele. „Unsere Mitarbeiter sind im Schnitt fünf Jahre jünger als sonst in der Metallindustrie“, sagte Hahn. „Das ist für uns ein Wettbewerbsvorteil.“

Die Agentur für Arbeit stelle Arbeitgebern ein Exel-Rechenblatt zur Verfügung. Es liste Einsparmöglichkeiten auf und berechne auf Knopfdruck, wie viele Entlassungen dadurch vermeidbar sind.

Etwas ganz Einfaches sagte Hahn zum Schluss: „Wir brauchen eine Grundportion Optimismus, dass wir sagen: Wir kriegen die Geschichte durch. Das war unser Erfolgsgeheimnis 09/10. Ich hoffe das ist auch unser Erfolgsrezept 12/13.“

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02.11.2012, 12:00 Uhr

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