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Nach Reutlinger Partystreit

In der Küche zugestochen

Für einen 37-jährigen Messerstecher fordert der Staatsanwalt über fünf Jahre Haft, der Verteidiger plädiert auf Freispruch: Sein Mandant habe aus Notwehr gehandelt. Am Dienstag fällt das Urteil.

18.09.2010
  • Karin Burth

Tübingen. Der Angeklagte soll vor rund zwei Jahren bei einer Party in einer Reutlinger Wohnung nach einem Streit auf einen anderen eingestochen haben. Dem 50-jährigen Opfer konnte nur durch eine Notoperation das Leben gerettet werden (wir berichteten). Die weiteren Vorwürfe: Der Täter soll einem anderen Gast erst mit einer Bratpfanne gegen die Schläfe geschlagen und dann in den Daumen gebissen haben. Beides bestreitet der Angeklagte. Es habe sich um reine Notwehr gehandelt.

Mit zwei grundverschiedenen Versionen der Messerstecherei musste sich die 5. Schwurgerichtskammer des Tübinger Landgerichts in der Verhandlung auseinander setzen. Die Widersprüche in den Zeugenaussagen schrieb Staatsanwalt Lorenz Noll dem erheblichen Alkohol- und Drogenkonsum zu. Zudem liege die Tat zwei Jahre zurück. Die Zeugen hätten sich viel untereinander über den Vorfall unterhalten können und nun Schwierigkeiten zu unterscheiden zwischen Erinnerung und dem, was sie erzählt bekamen. Der Prozess musste zweimal verschoben werden. Einmal war ein Richter erkrankt, einmal litt der Angeklagte an Schweinegrippe.

Für die Anklage ist es eine Räubergeschichte

Für Noll ist die Version des 37-Jährigen eine „Räubergeschichte“. Zwar ließ sich nicht hundertprozentig klären, was geschehen ist, es gebe jedoch stabile Fakten. Bei der Party kam es zum Streit zwischen dem Angeklagten und einem weiteren Partygast. Möglicherweise wegen eines Trinkspieles, möglicherweise wegen 60 Euro, die der Täter anteilig für die an diesem Abend beschafften Drogen zahlen sollte. Als es zum Streit in der Küche kam, habe der Angeklagte zugeschlagen. Ob mit einer Bratpfanne, wie das Opfer aussagte, oder nicht, konnte das Landgericht nicht klären. Am Tatort blieb keine Pfanne zurück.

Auch bei der zweiten, viel schlimmeren Tat, liege eindeutig auf der Hand, dass es sich um keine Notwehr handelte, so der Staatsanwalt. Der Angeklagte habe auf das 50-jährige Opfer „mehrere Male und unbändig eingestochen“, als dieser versuchte, den Streit in der Küche zu schlichten. Die Art der ausgeführten Stiche sprächen eindeutig für eine Angriffsverletzung, „die einen klaren Vernichtungswillen erkennen ließen“. Zudem habe der Angeklagte aufgrund eines vorangegangenen Streits an einer Reutlinger Tankstelle bereits „ein labiles Nervenkostüm“ gehabt und sei dann im trunkenen Zustand ausgerastet.

Nebenklagevertreter Rolf Eissler schloss sich dem Staatsanwalt an. Aufgrund der vielen Ungereimtheiten, müsse man ergebnisorientiert vorgehen und demnach habe der Täter „präzise wie ein Fremdenlegionär zugestochen“. Wegen vorsätzlicher Körperverletzung und versuchten Totschlags plädierten Rolf Eissler und Lorenz Noll einstimmig für eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren und drei Monaten.

Verteidiger Stephan Lohrmann kam hingegen zu einem völlig anderen Ergebnis und Strafmaß. Die Schilderungen seines Mandanten seien glaubwürdig, mehrere Zeugen hätten bestätigt, dass das Opfer in aggressiver Art und Weise auf den Angeklagten losgegangen sei. Der 37-jährige habe sich durch die große und kräftige Statur des Angreifers bedroht gefühlt und sich dementsprechend zur Wehr gesetzt. Auch dass sein Mandant nicht weiter zugestochen habe, nachdem das Opfer zu Boden ging, spreche für eine Notwehrsituation. Lohrmann forderte deshalb Freispruch.

Zwei Promille sprechen für milderes Urteil

Bei der Höhe des für nächsten Dienstag erwarteten Urteils könnte sich auswirken, dass der Angeklagte während der Messerstecherei mehr als zwei Promille intus hatte. Der psychiatrische Gutachter Peter Winckler hält es für möglich, dass bei der Auseinandersetzung in der Küche eine verminderte Steuerungsfähigkeit vorlag.

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18.09.2010, 12:00 Uhr

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