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Oper

In der Pariser Metro-Hölle von Stalingrad

Das mag Bürgerschreck Frank Castorf nicht so gern, aber bei der Stuttgarter Premiere von Gounods „Faust“ erntete der Regisseur reinen Jubel. Zu Recht.

02.11.2016

Von JÜRGEN KANOLD

Eine Opern-Tragödie nicht im Kerker, sondern in der Pariser Metro-Station Stalingrad: Faust (Atalla Ayan) kann Margarethe (Mandy Fredrich) nicht vor der Hölle retten. Foto: Thomas Aurin

Stuttgart. Au weia! Das ging schief, das war eine bittere Premiere für Bürgerschreck Frank Castorf. Da inszeniert er Charles Gounods „Faust“ als eine Oper über den Konsumwahn, feiert die Ideale der Französischen Revolution und brandmarkt das Demokratieversagen, die Not heilloser Menschen, da streut er revolutionäre Rimbaud-Gedichte in die schöne Musik ein und siedelt diese rührend tragische Liebesgeschichte ausgerechnet in der Hölle von Stalingrad an – also in der gleichnamigen Metro-Station von Paris, wo Flüchtlinge ärmlich hausen. Aber was passiert in Stuttgart? Grenzenloser Premierenjubel. Kein einziges Buh. Nicht der Hauch eines Publikumsaufstands wie in Bayreuth, wo der Regisseur mit dem „Ring“ die Wagnerianer Sommer für Sommer aufmischt.

Castorf trat dann auch eher missmutig beim Schlussapplaus auf und verschwand schnell wieder. Was hat er nur falsch gemacht? Nichts. Und jetzt ohne Sarkasmus: Das ist ein durchdachter, assoziationsreicher, ein emotionaler, kraftvoller Abend in Stuttgart. Nur dass Gounods „Faust“ kein so heiliges Stück ist wie eine Wagner-Oper auf dem Grünen Hügel und die Stuttgarter bereit sind, sich etwas bieten zu lassen.

Vielleicht ist auch nur die Castorf-Opernmaschinerie – mit Aleksandar Denic (Bühne) und Adriana Braga Peretzki (Kostüme) – im Repertoire angekommen. Es ist ja wie im Bayreuther „Ring“: ein ziemlich realistischer Kulissen-Komplex auf der Drehbühne, diesmal ein verdichtetes Paris mit Notre-Dame und Metro-Station. Dazu Live-Kameras, Videos. Parallele Aktion, intensives Schauspiel: die Akteure in Großaufnahmen auf Leinwänden. Das ist trashiges, gleichwohl faszinierendes Opernkino. Dazu kommen kommentierende Filmsequenzen. Wenn Faust und Margarethe sich vermählen, laufen alte, sepiafarbene Werbefilme für die Hausfrau: Autopolitur, Omo-Waschmittel.

Eine wichtige Rolle in Castorfs „Faust“-Inszenierung spielt die politische Situation im Frankreich zwischen der Vierten und Fünften Republik, der Kolonialkriege, des Staatsstreichs unter Charles de Gaulle. Für den Regisseur ist Paris das Sinnbild für den Kampf um Demokratie: ob zur Entstehungszeit der Oper (1869 kam der „Faust in einer neuen Fassung heraus, 1871 war die Zeit der Pariser Commune), in den 1960er Jahren oder in unserer Gegenwart, im Paris des öffentlichen Flüchtlingselends. „Nichts ist ohne Konsequenzen“, sagt Castorf und verhandelt die Geschichte, als intellektueller Klassenkämpfer alter Schule, in einem vermeintlich harmlosen Stück.

Man weiß in diesem filmischen Totaltheater kaum, wo man zuerst hinschauen soll, kann sich kaum satt sehen. Man hätte in der Premiere aber auch die Augen schließen und nur genießen können: Denn der französische Altmeister Marc Soustrot entfaltete mit dem hervorragenden Staatsorchester (wunderschöne Soli!) und dem omnipräsenten Staatsopernchor ein packendes Musikdrama.

Gounod war ja nicht nur ein nett illustrierender Unterhaltungskomponist gewesen, er agierte in der Mitte des 19. Jahrhunderts durchaus auf der Höhe der Zeit. So hörte sich das jetzt auch in Stuttgart an: vom leichtsinnigen Operetten-Schmiss bis zu dem in seiner banalen Brutalität bloßgestellten Soldatenchor, von der feinsinnigen Gefühlsarie der Liebenden zum repräsentativen Klanggemälde. Möglichen Kitsch vermied schon Soustrot mit seiner genauen, akkuraten Lesart der Partitur. Aber natürlich wirkt die Musik noch dramatischer, schärfer, weil Castorf mit seiner sozialistisch-agitatorischen Attacke sowieso alles Süße von der Szenerie verbannt.

Tolles Ensemble

Auch das Ensemble: top. Atalla Ayan tritt als Faust mit einem jugendlich-heldischen Tenor an, färbt die Leidenschaft lyrisch. Jugendlich heißt auch: Kompliment an die Maskenbildner, denn Faust beginnt als verlebter, zitternder Clochard, ehe er sich beim Teufel einkauft und sich das Faltengesicht wegreißen darf zum attraktiven Lover. Adam Palka glänzt als verschlagener Mephistopheles, als fies groteskes Großstadtgespenst mit großen Augen: und auch mit kernig dunklem Bassbariton. Mandy Fredrich singt die Margarethe großartig weich, flutend, klar – aber die naive Engelsfigur verkörpert sie naturgemäß nicht in dieser Inszenierung. Margarethe, die zickige, triebgesteuerte Grisette, sucht einen neuen Kerl, der ihr Luxus bietet, und wird ein Opfer ihrer Lebenssucht.

Großer Jubel, uneingeschränkt. Das muss Castorf aushalten.

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Erstellt:
2. November 2016, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
2. November 2016, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. November 2016, 06:00 Uhr

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