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Soziales

In der Pflege sind die regionalen Unterschiede groß

Ob Pflegebedürftige zu Hause oder im Heim betreut werden, hängt stark vom Wohnort ab. Die Stützpunkte arbeiten oft nicht so gut wie erhofft.

25.11.2016
  • DIETER KELLER

Ulm. In Schleswig-Holstein leben besonders viele Pflegebedürftige in Heimen, genauer gesagt 40,5 Prozent. In Brandenburg sind es nur 22,9 Prozent. „Die Menschen bekommen offenbar nicht immer die Pflege, die sie brauchen, sondern die, die vor Ort verfügbar ist“, schließt der Chef der Barmer GEK, Christoph Straub, aus dem neuen Pflegereport der zweitgrößten deutschen Krankenkasse.

Baden-Württemberg liegt mit 30,4 Prozent in Heimen leicht über dem Bundesdurchschnitt von 29,1 Prozent. Ausschließlich von Angehörigen werden im Südwesten 48,4 (Bundesschnitt 47,4) Prozent betreut. Ambulante Pflegedienste sind in 21,1 (23,5) Prozent der Fälle beteiligt. Sorgt ein hohes Angebot an Heimplätzen für viele Bewohner, oder ist die Nachfrage entscheidend? Eine wissenschaftlich fundierte Erklärung kann auch der Autor des Reports, der Bremer Pflegeforscher Heinz Rothgang, nicht liefern.

Seine Untersuchung zeigt: Wer ein geringes Einkommen hat, kommt seltener ins Pflegeheim. Gründe sind die hohen privaten Zuzahlungen sowie das Pflegegeld, das für Angehörige ein Anreiz für die Pflege zu Hause sein kann. Zudem kommt seltener ins Heim, wer ein stabiles Netzwerk aus Familie und Freunden hat.

Mehr Pflegebedürftige Aktuell gibt es bundesweit knapp 2,7 Millionen Pflegebedürftige. Ihre Zahl steigt nach Schätzungen bis 2060 um 65 Prozent auf 4,5 Millionen. Die größte Zunahme wird in Berlin und in Bayern mit jeweils etwa 90 Prozent erwartet, dicht gefolgt von Baden-Württemberg. Hier wird mit einem Plus von 86 Prozent auf 584 000 gerechnet. Überdurchschnittlich stark nimmt die Anzahl der pflegebedürftigen Männer zu, eine Folge ihrer steigenden Lebenserwartung.

Pflegestützpunkte Sie sollen seit 2008 Pflegebedürftige und ihre Angehörigen beraten. Doch nach Ansicht von Straub hat sich das Konzept nicht bewährt: Sie bekämen nicht genügend niedrigschwellige Angebote zur Verfügung gestellt. In Metropolen sei das Angebot gut, auf dem Land oft schlecht. Nach Einschätzung der Barmer brauchen Angehörige vor allem Informationen am Telefon, online und zu Hause, und das nicht nur einmalig. Sie setzt unter anderem auf geschulte Familiengesundheitspfleger, die ins Haus kommen und dort am besten den Bedarf sehen. Bewährt hat sich zudem ein Modellprojekt, bei dem Angehörige in einem viertägigen Seminar nicht nur wichtige Informationen erhalten, sondern auch Zeit zum Luftholen haben. Zur Verbesserung der Pflegestützpunkte fordert Straub regionale Pflegekonferenzen, auf denen alle Beteiligten auf den individuellen Bedarf vor Ort eingehen können.

Pflegereform Die Verbesserungen, die am 1. Januar 2017 in Kraft treten, sind nach Einschätzung von Straub und Rothgang unterfinanziert. Die bisherigen Pflegestufen werden auf Pflegegrade umgestellt. Zentraler Faktor wird sein, wie selbstständig die Pflegebedürftigen noch sind und wie sie am Alltagsleben teilhaben können. Schon von der ersten Stufe, die 2015 in Kraft trat, profitierten besonders die häusliche Pflege und Demenzkranke. Das dürfte sich im kommenden Jahr verstärken.

Rothgang hält die Reform für „außerordentlich großzügig und teuer“. Er rechnet mit Mehrausgaben von 7,2 Mrd. EUR. Die Erhöhung des Beitragssatzes Anfang 2017 sowie steigende Gehälter dürften aber nur etwa die Hälfte abdecken. Daher befürchtet er ein Defizit von mehr als 3 Mrd. EUR im Jahr. Angesichts der erheblichen Rücklagen der Pflegeversicherung seien „zwei, drei Jahre“ sicher zu bewältigen. Allerdings hat er Zweifel, dass die Reserven bis 2022 ausreichen, wie Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) erwartet.

Pflegerinnen Die Pflegereform dürfte kaum etwas daran ändern, dass die Heime zu wenig Personal finanzieren können, warnte Rothgang vor Enttäuschungen bei den Angehörigen von Bewohnern. Die Forderungen nach Verbesserungen werden aber immer lauter. Sollten sie erfüllt werden, schrumpfen die Reserven der Pflegekassen noch schneller.

Auch ohne günstigere Personalschlüssel muss die Zahl der Pflegekräfte in den nächsten Jahren deutlich aufgestockt werden. Bundesweit dürften 2030 etwa 350 000 Vollzeitkräfte fehlen, davon 100 000 im ambulanten Bereich, die übrigen in den Heimen. Derzeit gibt es rund 700 000 Vollzeitkräfte. Bei der Versorgungslücke liegen Baden-Württemberg und Bayern im Bundesdurchschnitt.

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25.11.2016, 06:00 Uhr

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