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Lukas Moodyssons „Zusammen“ als Theaterstück am LTT

In der Pippi-Langstrumpf-Villa

Am morgigen Freitag öffnet sich um 20 Uhr im LTT der Saal-Vorhang für die theatrale Inszenierung „Zusammen“ nach dem Film von Lukas Moodysson. Vorab befragte Dramaturgin Jenke Nordalm Regisseurin Maria Linke.

06.12.2012

Jenke Nordalm: „Zusammen!“ von Lukas Moodysson kam 2000 in die Kinos. Der Film erzählt die Geschichte einer Frau, die mit ihren Kindern ausgerechnet in einer Kommune Zuflucht vor ihrem gewalttätigen Ehemann sucht. Die humorvolle Zeitreise beleuchtet die Nachwehen der 68er-Bewegung. Was fasziniert uns heute noch an dem Lebensgefühl der 70er?

Maria Linke: Mich fasziniert vor allem die Energie des Aufbruchs, die Neugierde, dieser ungebrochene Glaube daran, gemeinsam die Welt verändern zu können, während wir heute das Gefühl haben, dass es alles schon einmal gab. Damals haben sich die Ereignisse weltweit so überschlagen, dass ungeahnte Energien freigesetzt wurden, um gesellschaftliche Utopien zu entwickeln. Uns bleibt der Neid anzuerkennen, dass viele Themen, wie zum Beispiel die freie Liebe bereits durchdekliniert wurden. Wir profitieren heute von der Experimentierfreudigkeit der 68er und müssen nicht mehr alle Untiefen mit all ihren Kollateralschäden ausloten. Trotzdem gibt es noch viel zu tun: die Behauptung, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks habe eben der bessere Entwurf überlebt, nun wirklich nicht der Weisheit letzter Schluss sein.

Wie und aus welcher Motivation heraus entstand die Idee, den Film für die Bühne zu adaptieren?

Tübingen ist sehr vertraut ist mit alternativen Lebenskonzepten, wie der Wagenburg, dem französischen Viertel und anderen Wohnprojekten. Diese Stadt hat sich über Jahrzehnte mit der Frage, wie wollen wir leben, auseinandergesetzt, und die 68er-Bewegung hat natürlich auch in Tübingen ihre Wurzeln. Deswegen gefiel uns der Stoff des schwedischen Films und die Vorstellung, das Drehbuch für die Bühne aufzubereiten. Außerdem ist die Frage nach gesellschaftlicher Verantwortung immer aktuell und das Bedürfnis nach sozialen Netzwerken, jenseits der virtuellen - die ich im Übrigen völlig überbewertet finde - ist in meiner Generation größer denn je.

Welche Konsequenzen hatte der Wechsel des Mediums für die Erzählweise? Auf welche Art und Weise wird an dem Abend der Kommunenflair Einzug ins LTT halten?

Im Film werden die triste Wohnsiedlung und das Eigenheim der Pippi-Langstrumpf-Villa gegenübergestellt – wir haben uns für einen einzigen Raum entschieden, um die Idee des Zusammenlebens zu verschärfen. Es gibt keine Zimmeraufteilungen und damit auch keine Rückzugsmöglichkeiten. In dieser extremen Enge war die Spielvorgabe, dass alle Kommunenmitglieder trotzdem ein Gefühl der Freiwilligkeit und Freiheit erzeugen. Und da für mich Lebensfreude ohne Musik nicht vorstellbar ist, lebt auch die Band Los Bandidos mit in der Kommune.

Lukas Moodysson erklärt in einem Interview, er habe selbst als Kind die komplexe Stimmung der 70er in all ihren Widersprüchen und Suchbewegungen sehr genau wahrgenommen. Welche Funktion haben die Kinder in „Zusammen“ für den Verlauf der Handlung?

Die Kinder funktionieren im Stück für mich wie Seismographen, sie spiegeln auf ihre hochsensible Art und Weise das Leben der Erwachsenen. Dabei unterscheidet sich das Kommunenkind Tet in seiner antiautoritären Prägung extrem von den bürgerlich erzogenen Kindern, Eva und Stefan, die zunächst von allen neuen Reizen hoffnungslos überfordert sind. Während dem einen trotz aller kreativen Freiheit die Geborgenheit von Grenzen fehlt, beginnen die trennungsgeschädigten Geschwister die Vorteile des bunten Miteinanders zu schätzen.

Wie schon der Titel verrät, geht es im Stück vor allem um die Frage, wie wollen und wie sollen wir miteinander leben? Welche Rolle spielten während der Auseinandersetzung mit dem Stoff heutige alternative Lebenskonzepte?

Für mich war es ein großer Spaß, mich mit meinen Vorurteilen gegenüber dem Kommunenleben zu stellen. Dabei habe ich trotz meiner bürgerlichen Kindheit viel vom Geist der Kommunenanfänge mitbekommen. Bei uns gab es immer eine große Gastfreundlichkeit und ein offenes Haus. Vermutlich gerade deswegen bin ich sehr gern allein und würde selbst ein Zusammenleben auf engstem Raum schwer aushalten. Dazu habe ich ein tief verwurzeltes Unbehagen gegen jede Form von Gruppenzwang oder Dogmatismus. Meine spärlichen Begegnungen mit gemeinsamer Meditation oder ähnlichen gruppendynamischen Prozessen waren faszinierend und befremdlich zugleich und in diesem Spannungsverhältnis versuche ich auch die bürgerlichen Figuren des Stücks zu halten. Für mich und uns alle stellte sich immer wieder die große Frage nach dem idealen neuen Lebenskonzept im Sinne der Nachhaltigkeit und einer befruchtenden Gemeinschaft.

Info: Premiere am morgigen Freitag. Fünf weitere Vorstellungen im November, davon eine an Silvester.

In der Pippi-Langstrumpf-Villa
Maria LinkeBild: LTT

In der Pippi-Langstrumpf-Villa

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06.12.2012, 12:00 Uhr

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