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Ein ganz normales Haus

In der Weggentalstraße 77 haben 34 Flüchtlinge ein bisschen Frieden gefunden

„Schreiben Sie bitte, dass wir sehr dankbar sind“, sagt Khalid Azazee zum Abschied. Der Elektriker aus Bagdad wohnt seit ein paar Monaten mit seiner Frau und einem Sohn in der Weggentalstraße – als einer von 34 Flüchtlingen, die dort eine neue Bleibe gefunden haben.

06.10.2012
  • Ulrich Eisele

Rottenburg. Weggentalstraße 77: Das Haus der Kreisbau Tübingen sieht von außen abgewohnt aus. Neu sind die Fenster – Thermofenster. Das Treppenhaus macht einen sauberen Eindruck. Kinder spielen vor dem Haus. Aus einer Küche riecht es nach Essen.

Im Februar, vor einem Dreivierteljahr, schlugen die Wogen hoch, als bekannt wurde, dass in das leer stehende Mehrfamilienhaus 56 Flüchtlinge einziehen sollen. Nachbarn fürchteten den Verkehr, wenn das Essen angeliefert wird, Lärm, aber auch Drogenprobleme und Kriminalität. Mit einer Petition an den Landtag versuchten mehrere von ihnen, das Landratsamt zu einer weniger dichten Belegung zu bewegen.

Mit Erfolg. Oberbürgermeister Stephan Neher brachte eine weitere Unterkunft auf dem DHL-Gelände ins Spiel, um die Wogen zu glätten und dennoch die Aufnahmepflicht der Stadt zu erfüllen. Mittlerweile ist auch diese mit 26 Flüchtlingen belegt worden, vorwiegend mit allein stehenden jungen Männern.

In die sechs Wohnungen in der Weggentalstraße sind Familien aus dem Irak, Iran, Syrien, Albanien und Bosnien eingezogen. Eine davon bewohnt Khalid Azazee mit seiner Familie, einer weiteren aus Syrien und einer aus dem Iran. Er verstehe sich gut mit seinem Mitbewohnern, sagt der 51-Jährige in gutem Englisch, es gebe „no problems“. Zur Zeit besucht er vormittags einen Deutschkurs in Tübingen, wo er mit der Bahn hinfährt. Sohn Khuder besucht ab Montag einen speziellen Deutschkurs für Jugendliche der Bruderhausdiakonie in Reutlingen.

Angst, von Terroristen ermordet zu werden

Khalid Azazee, seine Frau Sahar und Sohn Khuder kommen aus Bagdad. Als selbstständiger Elektriker und Klimatechniker habe er seinen Lebensunterhalt verdient, erzählt er. Doch die Geschäfte gingen schlecht. Auf dem Handy hätten ihn seine Kunden angerufen. Sich in der Öffentlichkeit zu zeigen, sei für ihn unmöglich gewesen, denn er und seine Angehörigen seien Baptisten, und die müssten im Irak um ihr Leben fürchten. Auf der Straße müsse man Angst haben, von „muslimischen Terroristen“ ermordet zu werden – Khalid Azazee macht dazu eine kreisförmige Bewegung mit dem Finger um seine Kehle. Deshalb seien seine Frau kaum noch auf die Straße und sein Sohn nicht mehr zur Schule gegangen.

„In Bagdad hatten wir ständig Angst; wir konnten nicht schlafen. Jetzt kann ich gut schlafen“, erzählt der Iraker. Über die Türkei sei er Anfang des Jahres mit seiner Familie nach Deutschland geflohen. Erst kamen sie nach Karlsruhe, dann wurden sie nach Rottenburg verlegt. Seine verheiratete Tochter habe er im Irak zurücklassen müssen, erzählt er, weil sie drei Kinder habe, und weil die Familie seines Schwiegersohns zu groß sei, um sie mitzunehmen.

„Schreiben sie, dass wir sehr dankbar sind“, bittet Khalid Azazee zum Abschied: dem Landratsamt, der Stadt Rottenburg, dem deutschen Staat, den Nachbarn. Die Nachbarn seien alle sehr nett, sagt Azazee, mit einigen habe er auch schon Kontakt gehabt. Vor vier Wochen gab es ein Einzugsfest, zu dem auch die Nachbarn eingeladen waren – und kamen.

„Man kriegt überhaupt gar nichts mit“

Auch Sozialarbeiterin Kirsten Modest hat den Eindruck, dass es in der Weggentalstraße 77 „normal“ läuft. Kleinere Reibereien gebe es manchmal – aber auch keine anderen, als sie in einem Mehrfamilienhaus dieser Größe üblich seien. Angela Dettling, die in unmittelbarer Nachbarschaft wohnt, sagt über das Haus: „Man kriegt überhaupt gar nichts mit.“ Und setzt hinzu: „Jedenfalls nichts besonderes.“ Dem Protest der Nachbarn, der zu einer geringeren Belegung des Hauses führte, kann sie zwar etwas abgewinnen. Aber wenn dies die Aufnahme der Flüchtlinge verhindert hätte, hätte sie es als „schlimm“ empfunden.

In der Weggentalstraße 77 haben 34 Flüchtlinge ein bisschen Frieden gefunden
Khalid, Sahar und Khuder Azazee sind vor dem Terror aus Bagdad geflohen. In der Weggentalstraße haben sie vorläufig eine neue Bleibe gefunden.

In der Weggentalstraße 77 gibt es derzeit 34 Plätze für Asylbewerber. Weitere 26 Plätze sind auf dem DHL-Gelände in der Saint-Claude-Straße. Insgesamt hat der Landkreis Tübingen 193 Plätze für Asylbewerber in vier Gemeinschaftsunterkünften in Tübingen-Weilheim, Mössingen und Rottenburg. Um seine Aufnahme-Pflicht zu erfüllen muss der Landkreis weitere 25 Plätze zur Verfügung stellen.

Asylbewerber erhalten derzeit noch Sachleistungen – Lebensmittelpakete – und Taschengeld. Ab Januar 2013 wird auf Geldleistungen umgestellt. Von da an haben Asylbewerber auch Anspruch auf mehr Wohnraum. Auf wie viel, steht noch nicht fest. Bisher gelten 4,5 Quadratmeter pro Person.

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06.10.2012, 12:00 Uhr

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