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Nachtwächter machen Kreuzweg ausfindig

In der Winzelner Kirche befindet sich ein imposantes Werk von Anton Leins aus der Horber Bildhauerschule

Hand aufs Herz, kennen Sie Fluorn-Winzeln? Die Doppelgemeinde liegt sechs Kilometer westlich von Oberndorf am Ostrand des Schwarzwalds und ihre Bindestrich-Bürger pflegen untereinander seit der Vereinigung vor 43 Jahren ein immer noch ziemlich kratzbürstiges Verhältnis. Wen wundert es, dass solch ein Ort für die Horber Nachtwächter eine fast magische Anziehungskraft besitzt, pflegen sie doch ein ähnliches Verhältnis zur vielgeliebten Kreisstadt Freudenstadt. In der Winzelner Mauritiuskirche entdeckte Nachtwächter Heinrich Raible vierzehn eindrucksvolle neogotische Kreuzwegstationen, die Obernachtwächter Joachim Lipp gleich als Werk der Horber Bildhauerschule identifizierte, das wie der Kreuzweg in der Horber Stiftskirche von dem Bildhauer Anton Leins geschaffen worden ist.

29.08.2015

Religiöse Gräben zwischen den Orten

Nach der Kreisreform des Jahres 1973, die solch ein absurdes Konstrukt wie den Landkreis Freudenstadt entstehen ließ, brachte auch die drei Jahre später abgeschlossene Gemeindereform im Land Baden-Württemberg manch neue, größere kommunale Einheit hervor, die damals am gesunden Menschenverstand der Landespolitiker berechtigte Zweifel aufkommen ließ. Und so wie die Horber mit den Freudenstädtern nach mehr als 40 Jahren immer noch im Clinch liegen, geht es den Einwohnern von Fluorn-Winzeln, die nach eigener Aussage im ganzen Umkreis wie beim jüngsten Schulstreit dafür bekannt sind, dass sie als Bindestrich-Bürger „nicht ganz sauber sind“. Ja, die Gräben zwischen dem ehemals altwürttembergischen und deshalb evangelischen Fluorn und dem ehemals zur freien Reichsstadt Rottweil gehörigen und deshalb katholischen Winzeln sind fast noch tiefer als die Gräben zwischen dem einstig vorderösterreichischen, katholischen Horb und dem einstig altwürttembergischen, evangelischen Freudenstadt.

Da die im 15. Jahrhundert erbaute alte Kirche mit dem Hl. Mauritius als Patron dem Wachstum der Kirchengemeinde Winzeln nicht mehr genügte, wurde im Mai 1907 mitten im Ort mit dem Bau einer neuen Pfarrkirche begonnen. Zwei Jahre später fand die feierliche Weihe der neuen Kirche statt und die von der bürgerlichen Gemeinde gebaute Kirche wurde ein Jahr darauf der Kirchengemeinde übertragen, die im Tauschverfahren die alte Kirche der Gemeinde übergab. Diese nutzt das Bauwerk heute als Vereinsheim, in dem die Fluorner und die Winzelner zueinanderfinden sollen. Den Kreuzweg für die neue Mauritiuskirche schuf Anton Leins, der zu den Vertretern der Horber Bildhauerschule zählt.

Anton Leins wurde am 27. Mai 1866 in Vollmaringen, das damals zum Oberamt Horb gehörte, als zweitjüngstes von sieben Kindern geboren. Auf Anraten des dortigen Pfarrherrn und Dekan Josef Reiter begann Leins nach Absolvierung der Volksschule eine Bildhauerlehre in der Werkstatt von Peter Paul Hausch und Johann Bayer. Diese beiden Meintel-Schüler hatten 1876 das in der Neckarstraße gelegene Atelier ihres Lehrmeisters übernommen und vier Jahre später eine eigene Werkstatt im Stubenschen Schlösschen gegründet.

Bis zu seinem 21. Lebensjahr arbeitete Anton Leins bei Hausch und Bayer als „Figurist“ und besuchte anschließend drei Semester lang die Kunstgewerbeschule in Stuttgart. Mit Hilfe eines Reisestipendiums konnte er fast alle bedeutenden Kunststätten in Deutschland besuchen und verbrachte einen Sommer in München zum Studium der dortigen Kirchen und Museen. Im Horber Stadtmuseum findet sich eine Sammlung von Kunst, die in der Stadt selbst ausgeübt wurde. Es erinnert an die Meintelsche Bildhauerschule und Altarbauwerkstätte, die von Johann Nepomuk Meintel (1816-1872) gegründet und in der Neckarstadt von den Bildhauerfamilien Hausch, Klink und Leins weitergeführt wurde. Die Horber Bildhauerschule hat Kirchenräume im Umkreis von bis zu 200 Kilometern geprägt und dort bedeutende Spuren der Horber Kirchenkunst hinterlassen.

Diplom bei der Pariser Weltausstellung

Anton Leins erwarb 1890 das Meintelsche Haus in der Neckarstraße und gründete hier seine eigene „Werkstätte für kirchliche Kunst“, in der er sich fast ausschließlich der Figurenbildhauerei widmete. Durch Empfehlung des Rottenburger Bischofs Paul Wilhelm von Keppler erlangte er frühzeitig einen großen Kundenkreis. Leins schuf viele Gruppen und Einzelfiguren in Holz und Stein für das Schwabenland, Bayern, Baden, die Pfalz, das Rheinland und die Schweiz und machte sich so besonders im Bereich der kirchlichen Holzplastik einen Namen. Bei der 1897 in Paris veranstalteten Weltausstellung erhielt er für eine „betende Himmelskönigin“ ein Diplom mit dem Ehrenkreuz.

Aus der Bildhauerwerkstatt von Anton Leins stammen auch die 1904 geschaffenen Kreuzwegstationen in der Horber Stiftskirche, die bei der vorletzten Renovation weiß gefasst in die Langhauswände eingelassen worden sind, sowie ein am ehemaligen Kanzelpfeiler angebrachtes Auferstehungsrelief. Im selben Jahr schnitzte er für das im Stil der Spätgotik gefertigte Netzrippengewölbe der dortigen Taufkapelle die figürlichen Hauptknotenpunkte aus Holz. Die evangelische Kirche in der Weingasse zieren an der Außenwand zwei Johannesfiguren, die Leins in Stein gehauen hat. Nach dem Ersten Weltkrieg sind aus seiner Werkstätte auch einige Kriegerdenkmale hervorgegangen. So schuf Leins für die gefallenen Horber Soldaten aus Dettenhäuser Sandstein den mit dem Drachen kämpfenden Sankt Georg, der mittlerweile einen Platz im Hinterhof des Kaiserparkhauses gefunden hat. Sein allerletztes Werk war die Fertigung eines Entwurfs für das Kriegerdenkmal in Mühringen.

Aus seiner Ehe mit Walburga Steim gingen 13 Kinder hervor. Die Söhne Franz und Eduard traten in die Fußstapfen des Vaters und führten zusammen mit seinem Schwiegersohn Rupert Straub die Werkstätte für kirchliche Kunst weiter, nachdem Anton Leins im Februar 1925 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem Horber Friedhof beerdigt worden war. 1935 erwarb Josef Haipt den an der Neckarstraße gelegenen Garten des ehemaligen Meintelschen Hauses und erbaute darin sein Herrenmodengeschäft. Das Meintelsche Haus selbst fiel beim Bau des Kaiserparkhauses 1978 dem Abbruch zum Opfer. An die ehemalige Horber Bildhauerwerkstätte erinnert nur noch eine Bronzetafel, die nach langem Hin und Her im Hinterhof des Parkhauses aufgehängt worden ist. Auf ihr findet sich auch der Name von Anton Leins.

Leins hatte die Winzelner Kreuzwegstationen zur Einweihung der neuen Kirche im Mai 1909 fertiggestellt und dafür 4500 Mark erhalten. Bei dieser Arbeit verzichtete der Bildhauer auf die übliche Umrahmung und stellte die reich bemalten und vergoldeten Figurengruppen, die eine Höhe von rund 80 Zentimetern besitzen, auf beschriftete Konsolen, die der Mesner Paul Ott den Nachtwächtern noch auf der Bühne über der Sakristei vorweisen konnte. Fast wären die von Anton Leins geschaffenen Kreuzwege in Horb wie auch in Winzeln dem manchmal doch recht absonderlichen Zeitgeschmack zum Opfer gefallen. In Horb wurden allerdings bei der Kirchenrenovierung in den 50er-Jahren die aus Holz geschnitzten Kreuzwegstationen durch eine weiße Fassung zu scheinbaren Gipsfiguren degradiert, während man in Winzeln die farblich gefassten Figurengruppen bei der Neugestaltung der Pfarrkirche Mitte 70er-Jahre von einem Ludwigsburger Malermeister ablaugen und ohne Konsolen in Kopfhöhe an die Seitenwände der Mauritiuskirche wieder anbringen ließ.

Künstler erhielt 4500 Mark Honorar

Nachtwächter Bruno Springmann, der sich als Maskenschnitzer einen Namen gemacht hat und das originale Schnitzwerkzeug von Rupert Straub in Ehren hält, zeigte sich beim Besuch der Winzelner Kirche von der Kunstfertigkeit der Leinsschen Werkstätte tief beeindruckt und bewunderte die teils voll-, teils halbplastisch aus Lindenholz geschnitzten Figurengruppen in höchsten Maße. Und die drei Horber Nachtwächter können noch mit einer weiteren Besonderheit aufwarten, denn ihnen wurde ein Tonmodell geschenkt, das Anton Leins wohl für die Anfertigung einer Kreuzwegstation geschaffen hatte, bevor er sich an das Schnitzwerk machte. Allerdings kann diese Figurengruppe aus Ton weder dem Horber noch dem Winzelner Kreuzweg zugeordnet werden. Dieses Modell ist durch Zufall beim Abriss des Meintelschen Hauses vor der Zerstörung bewahrt worden und befindet sich heute im Vereinsraum des Kultur- und Museumsvereins. Joachim Lipp

Siehe auch die Bilderseite rechts

In der Winzelner Kirche befindet sich ein imposantes Werk von Anton Leins aus der Horber
Die Horber Nachtwächter Heinrich Raible, Bruno Springmann und Joachim Lipp haben in der Mauritiuskirche von Winzeln einen Kreuzweg ausfindig gemacht, der aus der Horber Bildhauerwerkstätte von Anton Leins stammt, aus der auch die Kreuzwegstationen in der Horber Stiftskirche stammen. Bild: Kuball

In den meisten katholischen Kirchen finden sich entlang der Seitenwände Kreuzwegstationen, die auf eine Tradition in Jerusalem zurückgehen. Dort erinnert die Via Dolorosa, die Schmerzensstraße, an den Weg, auf dem Jesus das Kreuz aus der Stadt auf die Anhöhe Golgatha getragen hat. Seit dem 17. Jahrhundert wurden Kreuzwege mit vierzehn bebilderten Stationen errichtet.

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29.08.2015, 12:00 Uhr

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