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Schilder-Dilemma für Stinker

In diesem Fall schlägt jedoch die Umleitung die Tübinger Umweltzone

Kusterdingen wird in diesen Tagen von (auswärtigen) Stinkern geschont. Wer von der B 27 aus umweltplaketten los auf oder über die Härten will, muss nämlich umleitungsbedingt durch Tübingen. Aber Tübingen ist Umweltzone. Da darf eigentlich kein Stinker rein. Eigentlich.

04.11.2015
  • Manfred Hantke

Weil derzeit die Straße von Kirchentellinsfurt nach Kusterdingen (Kreisstraße 6903) wegen Holzerntearbeiten voll gesperrt ist, müssen Autofahrer eine Umleitung nehmen. Wer von der B 27 aus Richtung Stuttgart nach Kusterdingen oder durch den „Stinker-Korridor“ (Kusterdingen, Wankheim, Gomaringen) fahren will, wird über Tübingen auf die B 28 geleitet.

Für diejenigen mit Umweltplakette ist die Umleitung über die B 27 und 28 überhaupt kein großes Problem: sie können ohne schlechtes Gewissen und ohne Angst vor einem Bußgeld in die Tübinger Umweltzone einfahren, um nach Kusterdingen oder weiter über die Härten zu fahren.

Doch die beiden Schilder auf der B 27 stiften für diejenigen Autofahrer, die noch mit Stinkern unterwegs sein müssen, schwere Verwirrung: So weist etwa das erste Schild auf der B 27 bei Kirchentellinsfurt die Autofahrer ohne Umweltplakette auf die Tübinger Umweltzone hin. Wer auf dem Weg Richtung Süden – Hechingen, Balingen – ist, soll bei Kirchentellinsfurt abfahren und über die Härten fahren, also die letzte Ausfahrt nutzen, um einem Bußgeld von 80 Euro zu entgehen. Denn Fahrern mit Stinkern ist die Durchfahrt durch die Tübinger Umweltzone verboten.

Das zweite Schild hingegen – knapp 100 Meter weiter Richtung Tübingen – sagt allen Fahrern, sie sollen auf ihrem Weg nach Kusterdingen die Umleitung über Tübingen nehmen und nicht bei Kirchentellinsfurt abfahren. Doch Tübingen ist Umweltzone. Da dürfen die Autos ohne Plakette gar nicht rein. Weil Kusterdingen gesperrt ist, kann auch kein Stinker den Korridor nach Süden von Beginn an nutzen.

Ein Dilemma, das nicht aufzulösen ist, will der umweltplakettenlose Fahrer gewissenhaft sein und keine 80 Euro Bußgeld riskieren. Nach Tübingen darf er nicht, nach – und über – Kusterdingen kann er nicht. Will er die gesperrte Straße von Kirchentellinsfurt nach Kusterdingen umfahren, gibt’s nur eine Möglichkeit: er muss bei Kirchentellinsfurt runter und über Wannweil nach Kusterdingen fahren. Denn kurz hinter Wannweil beginnt bereits die Reutlinger Umweltzone. Doch auf der kleinen Straße von Wannweil nach Kusterdingen (Kusterdinger und Reutlinger Straße) dürfen nur Autos bis maximal sechs Tonnen fahren.

Wer weniger hat, mag erleichtert sein, endlich einen Weg ohne Bußgeld durch die beiden Umweltzonen Richtung Süden gefunden zu haben. Wer jedoch mehr als sechs Tonnen bewegt, ist jetzt ziemlich aufgeschmissen. Für ihn ist die Fahrt zu Ende. Kusterdingen ist von Stuttgart her für den Stinker unerreichbar, ebenso der Korridor über die Härten Richtung Süden.

Ein Schildbürgerstreich? Aufgestellt vom Tübinger Landratsamt? Leitet es die Stinker etwa absichtlich in die Bußgeldfalle? „Nein, natürlich nicht“, sagt Dieter Braun, beim Tübinger Landratsamt zuständig für den Verkehr. Die Strecke über Wannweil sei keine offizielle Umleitungsstrecke. So gebe es keinen anderen Weg, nach Kusterdingen zu kommen, als den durch die Tübinger Umweltzone.

Und wenn der plakettenlose Fahrer in der Tübinger Umweltzone erwischt wird? 80 Euro zahlen muss? Dann wird er womöglich Widerspruch einlegen, mutmaßt Braun. Er bekomme einen Anhörungsbogen. Und darauf werde er bestimmt die Situation erklären. Braun jedenfalls würde das Verfahren gegen den Sünder einstellen. Was Polizei und Bußgeldstelle tun, wisse er nicht. Er sei nicht zuständig.

Zuständig für den Einspruch wäre dann die Bußgeldstelle der Stadt Tübingen. Und tatsächlich: Ihr Leiter Andreas Kerth würde Milde walten lassen. „Das Verfahren würden wir dann einstellen“, sagt er, „keine Frage“. Denn der Fahrer habe ja keine andere Möglichkeit gehabt, als durch die Umweltzone zu fahren, „die letzte Ausfahrt“ davor sei ja entfallen.

Die Kreisstraße zwischen Kirchentellinsfurt und Kusterdingen ist noch bis zum kommenden Freitag, 6. November, voll gesperrt. Ob es bis dahin überhaupt jemand erwischt, ist fraglich. Die Polizei ist derzeit mit vielen anderen Aufgaben beschäftigt, sagt Pressesprecher Michael Schaal. Wenn einer ohne Umweltplakette in der Umweltzone auffallen sollte, dann nur deshalb, weil Fahrer und Auto aus anderen Gründen kontrolliert wurden. Für eine separate Plakettenkontrolle reichten die Kapazitäten nicht.

Wenn aber doch, so ist es gut zu wissen, dass jene sehr gute Chancen haben, ohne Bußgeld davonzukommen, die bis zum Freitag ohne Plakette in der Tübinger Umweltzone ertappt werden. Vorausgesetzt wohl, sie bewegen sich in der Nähe der direkten Route auf die Härten. Wer aber etwa im Tübinger Westen ertappt wird, hat sicherlich Argumentationsschwierigkeiten.

In diesem Fall schlägt jedoch die Umleitung die Tübinger Umweltzone
Wohl dem, der eine Plakette hat. Wer aber einen Stinker fährt, ist angesichts des Schilder-Wirrwarrs auf der B 27 bei Kirchentellinsfurt zunächst reichlich ratlos. Bild: Hantke

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04.11.2015, 12:00 Uhr

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