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In einem Zug auslesen

In der HzL zwischen Belsen und Tübingen habe ich neulich immerhin mal ein kleines Kapitel geschafft: „Kalte Asche“, von Simon Beckett, das war so spannend, dass ich noch an der Endstation auf dem Sitz kleben blieb. Die Smartphone-Generation schaute mich verwundert an.

15.08.2014
  • Ernst Bauer

Jetzt habe ich sogar unser Blaues Sofa wieder von oben in den Bücherkeller geschleppt, wo noch die ungelesene Literatur der letzten Monate lagert. Manchmal wünschte ich mir, vor allem wenn ich die ausgeschnittenen Zeitungsartikel dazwischen betrachte, dass dies wirklich möglich wäre: alles in einem Zug auszulesen.

Ein Klinikaufenthalt hat mitunter auch was Gutes: Man bekommt neue interessante Literatur geschenkt. Von dem halben Meter, der sich im letzten Jahr auf meinem Nachttisch angehäuft hatte, war die mehr oder weniger niveauvolle Lokalkrimi-Lektüre am schnellsten weggeputzt; sogar eine 557-Seiten-Schwarte wie „Crashkurs“ von Birgit Hummel, die erstaunlich kundig über die Bankenkrise aufklärt, habe ich verschlungen; leider nur überflogen bis heute dagegen das ökonomische Grundlagenwerk des Occupy-Theoretikers David Graeber: „Kampf dem Kamikaze-Kapitalismus“.

Dabei finden sich ähnliche Aufrufe schon auf Bahnhofstrafokästen in Altingen. Und mehr denn je beginne ich, schon selber Stoff für einen – wahrscheinlich längst publizierten und viel spannenderen – kleinen Lokalkrimi aus dem heimischen Bahnhofsmilieu zu sammeln. Im kleinen Dorf B. zum Beispiel, da stand jetzt wochenlang ein grüner VW-Bus vor der prächtig aufgeblühten Sonnenblumenwiese – mit einer merkwürdigen Aufschrift: „Bolizei“. Schon wollte ich ein schönes Schmuckbild machen: „Bolizeiauto bewacht Belsener Bahnhofsblumenbeete“. Doch nun ist das grüne Pullenauto plötzlich verschwunden, spurlos.

An der Mössinger Bahnhofswartehalle, über die der Kollege aus O. erst jüngst wieder schrieb, die in Wahrheit eine Winterwartehalle ist, weil man den ganzen Sommer über auf sie warten muss, sonst wäre sie nämlich eine Vandalenhalle, fielen mir Stichworte für eine knisternde Rahmenhandlung ein: Bahnhofstraßenbande, Bussigang, roter Platz. Setze mich dann aber doch lieber mitten rein ins pralle Leben, lese ein Kapitel von Hacke und di Lorenzo, in der Bücherei geliehen, sehr amüsant, in einem Zug, auf der Hin- und Rückfahrt: „Wofür stehst du?“ Freue mich, wenigstens einen Sitzplatz zu haben, denn auf der Hinfahrt ist spätestens in Dußlingen der Zug voll.

Am Reutlinger Bahnhof haben sie vor kurzem einen ganzen Zug ausgelesen, mit einem großen Aufgebot an Bereitschaftskräften die renitenten Auswärtsfußballfans in einem Zug gleich in die bereitstehenden Busse beordert. Der Bahnhofsplatz war blau, so viele Bolizeiautos waren da. Und der Finanzminister spazierte nichtsahnend, mit Frau und Kind, durch die Fußgängerzone, kurbelte die Konjunktur an.

Für 4.99 Euro habe ich Becketts dritten Band erworben, aus dem Berliner Tagebuch von Max Frisch zuletzt immer wieder einzelne Kapitel in einem Zug ausgelesen, gelegentlich herausgerissen aus der zügigen, aber sehr beruhigenden Lektüre. Steigt ein älteres Männlein in den Wagen, streckt mir die Hand entgegen, ziehe ihn unwillkürlich hoch, auf den Sitz gegenüber von mir: „Mit 93 darf man sich auch helfen lassen“, grinst er.

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15.08.2014, 12:00 Uhr

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