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Das Bild von der anderen Seite

In ihrem neuen Roman bringt Angelika Overath gemalte Frauen zum Sprechen

Manche Frauen sind auf Gemälden nur von hinten zu sehen. Angenommen, sie drehten sich um und begännen zu sprechen. Was hätten sie zu erzählen? Und was würde eine Frau von heute damit anfangen? Aus den fiktionalen Antworten auf diese Fragen hat die Autorin Angelika Overath (früher Tübingen, heute im Unterengadin beheimatet) ihren neuen Roman gesponnen.

16.09.2014
  • Ulrike Pfeil

Tübingen. „Es ging schleichend“, sagt Jo Hopper. „Ich bemerkte nicht, wie ich mich änderte. Bis er auf einmal der Maler war; und ich war des Malers Frau, die manchmal einen Pinsel hielt.“ So spricht die Malerin, die mit 41 Jahren Edward Hoppers Frau wurde und dann in seinem größer werdenden Schatten verkümmerte. Sie spricht aus einem Bild, auf dem sie mit dem Rücken zum Betrachter am Fenster sitzt, im Boston Museum of Fine Arts. Sie erzählt die Hintergrundgeschichte, die wahre Geschichte. Wie sie Hoppers Künstlerkarriere diente, als „Modell, Managerin, Medium“, und ihre eigene dafür aufgab. Wie sie von ihm verachtet, klein gehalten wurde.

Eine schöne Idee, die Angelika Overath das Motiv für ihren neuen Roman lieferte: Sie bringt Frauen, die auf Gemälden nur ihre Rückenansicht zeigen, zum Sprechen. Das Dorfmädchen von Pont-Aven in der weißen, gestärkten Haube, von Paul Gauguin; die Frau am Klavier von Vilhelm Hammershøj; die Große Badende von Jean-Auguste-Dominique Ingres; die „Frau am Fenster“ des Niederländers Jacobus Vrel; schließlich eine, die nicht mehr nur Objekt war, sondern selbstbewusst Malerin, Partnerin blieb: die dänische Impressionistin Anna Ancher. Sie alle drehen sich zur Betrachterin um (mit einer Ausnahme: eine von Giovanni Segantini später übermalte schwangere Frau spricht gewissermaßen aus dem Off).

Auch die Betrachterin hat sich umgedreht: Anna Michaelis, die Heldin des Romans, hat ihrem untreuen Mann den Rücken gekehrt. Als er, Oberstudienrat, Altphilologe, ihr sein Verhältnis zu einer Referendarin eröffnete, hat sie ein paar Sachen gepackt, sich aus dem gemeinsamen Haus geschlichen und den ersten besten Flug genommen, nach Edinburgh.

Anna ist eine weltläufige, sprachgewandte Frau, als Journalistin herumgekommen. Sie hat eine Kreditkarte und keinen Grund mehr, das gemeinsame eheliche Konto zu schonen. Was macht eine einsame Frau in einer großen Stadt? Sie geht ins Museum, wo sie dem Gauguin begegnet und die Geschichte des Dorfmädchens erfährt. Ohne Audio-Guide, einfach durch geduldiges Schauen und Hinhören.

Von da an wird das Projekt der Autorin zu Annas Projekt. Welche Vor-Information sie antreibt, wird nicht ganz klar, auch nicht, wie sich der Furor über ihren treulosen Mann in die Energie zu einer Kunst-Entdeckungsreise umwandelt, die innerhalb von vier Wochen kreuz und quer von einem Museum zum andern, einer Stadt zur andern führt. Nach Boston und Paris, nach Kopenhagen und St. Moritz und schließlich nach Skagen an der Spitze von Jütland, wo Kattegat und Skagerrak, Ostsee und Nordsee zusammenstoßen.

Anna, die auf ihre Ehe zurückblickt und ein neues Leben ohne ihren Mann zu entwerfen und zu üben versucht, scheint wie abhängig, süchtig nach den Erfahrungen dieser nur gemalten historischen Frauen. „Bitte sprich!“ fleht sie vor einem Bild.

Das klingt konstruiert für einen Roman – und das ist es auch. Aber es geht der Autorin, wie schon in ihrem früheren Roman „Flughafenfische“, nicht um den spannenden erzählerischen Plot, sondern eher um Kontemplation. Hier untersucht sie die Möglichkeit von Kultur, ins reale Leben, in die individuelle Seelenlage hineinzuwirken. Kann Kunst heilen? Das wäre zuviel gewollt. Aber Kunst lebt von Kommunikation, sie kann helfen zu verstehen. Indem sie die Bilder zu sich sprechen lässt, lernt die Betrachterin Anna über sich. Der Leser lernt nebenbei eine Menge über die besprochenen Bilder, ihre Maler, ihr Sujet. Die Autorin hat gründlich recherchiert.

Man bedauert manchmal, dass die Gemälde im Buch nicht abgebildet sind. Die minutiöse Beschreibung, dieser Wettbewerb zwischen Wort und Pinsel, geht nicht immer zugunsten des Worts aus. Wer nicht gleich weiß, wie Segantini gemalt hat, oder was dieser Jacobus Vrel für ein Zeitgenosse war, könnte sich ein bisschen kulturell unterbelichtet fühlen. In solchen Fällen hilft aber eine kurze Internet-Recherche.

Angelika Overath hat über Lyrik promoviert, sie hat glänzende literarische Reportagen verfasst. Auch in diesem Roman und seiner Heldin steckt viel von der Autorin: ihre Freude an Metaphern, ihre Lust am Reisen und am frischen Blick auf bekannte Orte. Nur manchmal scheint diese Anna, die sich doch über eine Internetplattform ganz fix ein Privatzimmer in Boston besorgen kann, nicht ganz von dieser heutigen Welt. Oder würde die emanzipierte Journalistin wirklich einen Brief an die erwachsene Tochter mit der Anrede „Mein liebes Kind“ beginnen?

Aber Vorsicht, ein Emanzipationsroman ist es trotz allem nicht, auch wenn Anna sachte ein neues Selbstgefühl entwickelt und die Erwartung wächst, sie könnte sich am Ende von ihrem Mann lösen, diesem gut aussehend ergrauten, etwas langweiligen und eitlen Bildungsbürger. Es kommt anders. Es ist ein Frauen-Roman und ein Ehe-Roman.

Info: Angelika Overath, „Sie dreht sich um“, Roman, Luchterhand-Verlag, München, 2014, 288 Seiten, 19,99 Euro.

Die Autorin liest aus dem Buch am Sonntag, 21. September, um 11 Uhr im Foyer des Tübinger Zimmertheaters, Bursagasse 16, in der Reihe „Sprechzimmer“.

In ihrem neuen Roman bringt Angelika Overath gemalte Frauen zum Sprechen
Weg vom Audio-Guide: In ihrem Roman „Sie dreht sich um“ sprechen die Bilder selbst: die Autorin Angelika Overath. Archivbild: Sommer

In ihrem neuen Roman bringt Angelika Overath gemalte Frauen zum Sprechen

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16.09.2014, 12:00 Uhr

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