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In jedem steckt ein Menschenfresser
Wer so lässig-charmant die 33. Französischen Filmtage eröffnet wie die Schauspielerin Raph am Mittwochabend, luchst auch Regisseur Bruno Dumont ein versonnenes Lächeln ab. Bild: Sommer
Regie-Crack Bruno Dumont bei den Französischen Filmtagen

In jedem steckt ein Menschenfresser

Ihn interessiert nur das Individuum: Regisseur Bruno Dumont erläutert seinen Festival-Eröffnungsfilm „Ma loute“.

04.11.2016
  • Klaus-Peter Eichele

Wer vor zwei Jahren einen Monatslohn darauf verwettet hätte, dass Bruno Dumont einmal eine Komödie dreht, wäre jetzt ein reicher Mann. Bis dahin waren die Filme des vielfach ausgezeichneten französischen Regisseurs todernste Angelegenheiten. Viele dieser minimalistischen Tragödien („Flandern“, „29 Palms“) handeln von gewöhnlichen Menschen, die unvermittelt zu reißenden Bestien werden.

Davon finden sich in „Ma loute“, dem Eröffnungsfilm der Französischen Filmtage, zwar immer noch Spurenelemente – der Rahmen ist freilich ein völlig anderer: eine burleske Komödie voller Slapstick und absurdem Kasperletheater.

Zwei Seiten einer Medaille

Die ganz große Zäsur in seinem Werk vermag Dumont selbst gar nicht zu erkennen. Drama und Komödie seien doch zwei Seiten derselben Medaille, sagt er im Interview. „Man kann in beiden Genres die menschliche Natur erforschen“, was sein einziges Anliegen als Filmemacher sei.

Immerhin räumt er ein, dass die Diagnose im komischen Fach milder ausfällt als in den bisher von ihm bevorzugten Gewaltexzessen. „Der Mensch strebt sowohl nach dem Guten wie nach dem Grausamen. Diese Ambivalenz lässt sich mit Komik besser vermitteln“.

Schauplatz von „Ma loute“ ist ein Fischerdorf an der französischen Kanalküste, das im frühen 20. Jahrhundert von reichen Sommerfrischlern aus der Stadt heimgesucht wird. „Die feine Gesellschaft“ (so der deutsche Verleihtitel) lässt sich parasitär von den armen Einheimischen bedienen; eine Familie von Muschelsammlern reagiert auf die Invasion, indem sie ausgewählte Urlauber totschlägt und verspeist.

Das klingt deftiger als es ist, denn um historischen oder auch nur filmischen Realismus macht Dumont von vornherein einen großen Bogen. Teilauthentisch ist allenfalls die Ausstattung, für die sich der ganz in der Nähe aufgewachsene Regisseur zeitgenössische Ansichtskarten aus der Region zum Vorbild nahm.

Erzählerisch übersteigert er die schaurige Geschichte jedoch von der ersten Einstellung an ins irreal Groteske. Seine wichtigste Inspirationsquelle waren ganz frühe Stummfilm-Komödien, vor allem mit dem legendären französischen Komiker Max
Linder. An Dick und Doof erinnert ein Polizist, der den mysteriösen Urlauberschwund aufklären soll, im Wesentlichen aber damit beschäftigt ist, seine gewaltige Leibesfülle in der Vertikalen zu halten.

Kein Film gegen die Bourgeoisie

Wie schaut’s aber mit Dumonts politischem Anliegen aus? Kann man den Film, ähnlich wie Jean Renoirs ebenfalls ziemlich komische „La règle du jeu“, nicht auch als Satire auf die Klassenkämpfe des frühen 20. Jahrhunderts lesen, womöglich mit versteckten Anspielungen auf die heutigen Verhältnisse in Frankreich?

Dürfen tue man das schon, sagt der 58-Jährige, beabsichtigt sei es aber nicht: „Soziale Gruppen und ihre Konflikte sind mir vollkommen egal. ‚Ma loute‘ ist kein Film gegen die Bourgeoisie oder für die Arbeiterklasse. Das einzige, was mich interessiert, ist das Individuum.“ Ob Habenichts oder Bourgeois, Dumonts Ansicht nach steckt in jedem Menschen etwas von einem Menschenfresser – gleichzeitig aber eben auch ein lieber Kerl.

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04.11.2016, 01:00 Uhr

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