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Der Online-Tsunami droht

Innerstädtischer Handel gegen Internet-Shopping

Reutlingen ist der Konkurrent von gestern. Was Tübinger Einzelhändlern zunehmend zu schaffen macht, ist der Online-Handel. Der Reutlinger Professor und Mittelstands- Experte Dennis De vergleicht diese Bedrohung für die Innenstädte mit einem „schleichenden Tsunami“.

28.06.2012
  • Ulrike Pfeil

Innerstädtischer Handel gegen Internet-Shopping
An der Altstadtverstopfung durch Lieferverkehr (hier ein Bild aus der Neckargasse) sind auch die Fahrzeuge von Online-Kurieren beteiligt.

Tübingen. Alles scheint in bester Ordnung an diesem Sommerabend: Die Straßencafés besetzt, die Altstadt lebt. Ganz anders das Bild, das Dennis De am Dienstag gleichzeitig auf Einladung des Stadtverbands der Grünen im Gemeindehaus „Lamm“ von der Zukunft der Innenstädte zeichnete: Der Professor für Entrepreneurship und Mittelstand an der Reutlinger Hochschule warnte davor, die Folgen des wachsenden Online-Handels zu verschlafen.

Mit dem Verlust der innerstädtischen Geschäfte und der Angebotsvielfalt stirbt auch die Urbanität. De brachte Beispiele aus Holland und England, wo sich die Menschen schneller als in Deutschland der Einkaufsmöglichkeiten im Internet bedienten: Ehemalige Einkaufsstraßen werden von Sexshops und Spielcasinos beherrscht, oder sie verkommen gar zu „Graffiti-Malls“ mit leerstehenden Geschäften. In der Handelswelt nennt man das „Downsizing“.

Eine Entwicklung, die sich auch in Deutschland abzeichnet. Eine ausgeprägte „Kultur der Privatheit“ (was die Kreditkarten-Nummer einschließt) habe hier den Massenstart in den Online-Handel verzögert, aber: „Spät gestartet, schnell aufgeholt.“ Inzwischen ist auch hier der Sonntag mit geschlossenen Läden, aber offenen Laptops bereits der umsatzstärkste Tag im Einzelhandel, der Online-Handel der wachstumsstärkste Bereich, mit einem Umsatz-Anteil von fünf bis sechs Prozent (macht 42 Milliarden Euro), „Tendenz steigend“, in England sind es schon zehn Prozent.

Ein Netto-Verlust für den ortsgebundenen Einzelhandel, denn „den Euro, der im Internet ausgegeben wurde, gibt man nicht nochmal aus“. Wobei nicht mal Bücher und CDs die meistgehandelten Online-Waren sind, sondern Kleider, Textilien und Schuhe.

Aufs Anprobieren wird verzichtet, denn man kann online Bestelltes ohne Umtauschzwang zurückgeben. Weitere Vorteile aus Kundensicht: Man kann Preise vergleichen, Entfernung und Ladenschluss spielen keine Rolle mehr.

Online-Händler können mit sehr viel geringeren Margen operieren als niedergelassene. Sie brauchen kein qualifiziertes Personal und können ihre Warenlager an Billig-Standorten einrichten – oder ganz darauf verzichten, wenn sie direkt beim Hersteller ordern („Drop-Shipping“). Klar, dass die individuellen Warenlieferungen den CO2-Ausstoß steigern und die Kleintransporter die Innenstädte bis in die Fußgängerzonen zusätzlich verstopfen.

Für die Jüngeren gehört es zum Lifestyle

Wenn nun aber der informierte Kunde die fatalen Folgen des Online-Handels kennt, wird er sich dann nicht enthalten, um seine lebendige Innenstadt zu schützen? Das glaubt der Wirtschaftsprofessor nicht, obwohl er selbst ein Grüner ist (der sich übrigens für die Bundestagskandidatur im Wahlkreis Tübingen bewirbt). Vor allem für die Jüngeren gehöre es selbstverständlich zum Lifestyle, online einzukaufen. Dagegen ist der Kaufkraftabfluss nach Reutlingen Schnee von gestern: „Es geht nicht um Tübingen oder Reutlingen, sondern Tübingen oder Online.“

Zwei Zuhörer bestätigten Des These als „lebende Beispiele“: Mit zwei Jobs und einer Mehr-als-40-Stunden-Woche sei ihr ein schöner Samstag einfach „zu schade zum Einkaufen“, sagte eine junge Frau. Das erledige sie lieber online an einem verregneten Sonntag. Ein Mann aus Ammerbuch ging ans Internet verloren, als er dort mal einen Leuchtkörper bestellen musste, den er im Fachhandel nicht bekam. Seither kommt er mit seiner Vespa „nur noch zum Flanieren“ nach Tübingen und mache dort „höchstens mal einen Spontankauf“. Es waren eher Ältere, die erklärten, Online-Käufe bewusst zu meiden – oder sie „nur mit schlechtem Gewissen“ zu tätigen.

Was können nun Händler und Stadtverwaltungen tun, um sich der Online-Konkurrenz entgegenzustellen? Ein Patentrezept hatte De nicht, aber eine Palette von Ideen, die in der Diskussion ergänzt wurden:

Die Innenstädte möglichst attraktiv gestalten; Anwohner nicht gegen auswärtige Kunden ausspielen (etwa beim Konflikt um Parkplätze): „Anwohner und Händler brauchen einander.“

Zugänglichkeit für Kunden mit allen Verkehrsmitteln verbessern, auch für Autonutzer: „Die Händler können auf keine Kundengruppe verzichten.“ Das Parken am Rand der Innenstadt erleichtern. Eine Einzelhändlerin schlug vor, die erste Stunde in einem Parkhaus gebührenfrei zu lassen. Auch eine gute ÖPNV-Anbindung ins Umland spielt eine Rolle. Könnte eine Einkaufsquittung als Busticket anerkannt werden?

Kunden sollen sich willkommen fühlen, Freundlichkeit und Wertschätzung erfahren – auch wenn sie mal die Parkdauer etwas überziehen. Hier wünschen sich Händler von den städtischen Wächtern „mehr Toleranz“. Auch die Belehrung über alternative Verkehrsmittel, die Oberbürgermeister Boris Palmer auf die Bußgeldzettel drucken ließ, komme bei Autofahrern, die gerade ein Ticket kassierten, gar nicht gut an, berichtete ein junger Einzelhändler. Sie werde als Arroganz empfunden.

Innerstädtischer Handel gegen Internet-Shopping
Dennis De

Händler und Stadtverwaltung müssten an einem Strang ziehen. De hatte zwar Verständnis für die „Gereiztheit“ der Händler, die kürzlich zur einer umstrittenen Plakataktion gegen die Verwaltung führte. Statt sich in einem Kleinkrieg aufzureiben, wäre es jedoch sinnvoller, gemeinsam Konzepte zu entwickeln. Die Situation sei dramatisch genug, um keine Zeit zu verlieren, sagte De.

Preissenkungen sind für kleine Einzelhändler kein Mittel, da sie ohnehin ihre Geschäfte oft nur noch mit Selbstausbeutung aufrecht erhalten. Eine Senkung der sehr hohen Ladenmieten in Tübingen könnte zur Entspannung beitragen. Das Problem: Vermieter seien dafür kaum ansprechbar.

Die Händler müssen sich und ihr Sortiment selbst im Internet darstellen, ihr Alleinstellungsmerkmal betonen, ihren Service („Was biete ich dem Kunden?“), eigene Online-Angebote machen.

Ausnutzen, wo der Einzelhandel dem Internet überlegen ist: die haptische Qualität (man kann die Dinge in die Hand nehmen), den persönlichen Service, die Erlebnisqualität. „Schönheit alleine reicht nicht“, warnte De. Aber: Wenn die Kunden nicht mehr in die Stadt müssten, um ihren Bedarf zu decken, sollten sie wenigstens aus Lust in die Stadt wollen.

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28.06.2012, 12:00 Uhr

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