Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Die Strombörsen schalten die Pumpen ein

Innovationspreis für Stadtwerke Tübingen und Zweckverband Ammertal-Schönbuchgruppe

Die Idee: Eine strombörsenpreisabhängige Pumpensteuerung eines Wasserwerks. Der Effekt: Das Stromnetz wird stabilisiert und die Stromkosten sinken. Dafür erhielten die Stadtwerke Tübingen (SWT) und der Zweckverband Ammertal-Schönbuchgruppe (ASG) am Mittwoch in Berlin den Innovationspreis des Verbandes Kommunaler Unternehmen.

11.11.2015
  • ST

Tübingen. In den SWT-Wasserspeichern werden die Pumpanlagen seit knapp zwei Jahren anhand des Strompreises gesteuert. „Wir sparen bis zu 30 Prozent der Energiekosten bei Wasserpumpen“, sagt Peter Hitzfelder, Abteilungsleiter Betriebsmanagement. Die SWT betreiben in Tübingen 15 Wasserbehälter mit einem Volumen von über 31 Millionen Litern. Hitzfelders Team hat das Verfahren erdacht, entwickelt und wendet es seit 2014 an. Zuerst im eigenen Haus, seit wenigen Wochen auch im ASG-Wassernetz, die das Konzept als Pilotkunde umsetzt.

Es kommt oft nicht auf Minuten oder Stunden an bei der Frage, wann eine stromhungrige Wasserpumpe läuft – Hauptsache, die Grenzwerte für Füllstände werden zuverlässig eingehalten und allerhand Sicherheits-Regeln beachtet. „Bislang springen die meisten Wasserpumpen vollautomatisch an, sobald der Pegel unter seinen Grenzwert fällt“, so Hitzfelder. Mit dem neuen Verfahren könnten Pumpen „klüger“ arbeiten – beispielsweise indem sie schon früher einsetzen oder den Behälter in mehreren Teil-Etappen füllen.

Damit dieser Einsatz auch finanzielle Vorteile bringt, muss man die Arbeitszeiten der Pumpe an die Strompreise koppeln (siehe Info-Box). In eine Art „Fahrplan“ der Pumpen fließen die Daten der Strompreis-Börsen ein, ebenso auch die gegenseitigen Abhängigkeiten der Behälter und Pumpen. „So können Betreiber von Wasserpumpen die Vorteile von starken Strompreis-Schwankungen mitnehmen“, sagt SWT-Geschäftsführer Ortwin Wiebecke. Indem die Arbeit der Pumpen gezielt auf bestimmte Zeiten verlegt wird, tue man auch dem Stromnetz einen Gefallen: Wer Strom verbraucht in Momenten, wenn viel davon im Netz ist, gleicht aus und trägt zur Stabilisierung des Stromnetzes bei. Die Wasserversorgung sei stets gewährleistet. „Das System ist mehrfach abgesichert“, so Hitzfelder.

Beim ASG-Zweckverband verspricht man sich viel vom neuen Denkansatz: „Bei uns läuft das System ja noch kein ganzes Jahr, und erst am Ende des Jahres können wir seriös auswerten, wie viel wir tatsächlich gespart haben“, erklärt ASG-Geschäftsführerin Astrid Stepanek. „Aber Hochrechnungen haben wir schon: In den ersten Monaten waren es bereits zwischen 10 und 15 Prozent.“ Die ASG verfügt über etwa 80 Millionen Liter Speichervolumen.

Aus der Tübinger Leitwarte und von Computern in Peter Hitzfelders Abteilung könnten künftig auch andere Wasserversorger ihre Pumpen steuern lassen. Oder sie bestellen die Fahrpläne und steuern selbst: Beides wollen die SWT ab sofort bei den Branchenkollegen im Land anbieten. Ein solches Verfahren aus der Hand von Stadtwerken gab es nach Angaben der SWT bislang nirgendwo in Deutschland – das honorierte der Verband Kommunaler Unternehmen, der bundesweit rund 1400 Firmen vertritt, gestern in Berlin mit seinem alle zwei Jahren vergebenen Innovationspreis.

Der Wasserkunde profitiert nur indirekt von den Einsparungen der Wasserversorger. Die Pump-Kosten machen laut SWT-Pressemitteilung nur einen sehr kleinen Anteil am Wasserpreis aus: 2 Prozent. Außerdem würden die Kostensenkungen andernorts wieder aufgezehrt: „Mit den Ersparnissen können wir gestiegene Kosten für den Unterhalt der Wassernetze zum Teil ausgleichen“, erklärt Geschäftsführer Wiebecke. „Wir verhindern so, dass das Wasser für die Kunden an dieser Stelle teurer wird.“

Im Energiemarkt sind
Strompreise nicht langfristig festgelegt, sondern schwanken über den Tag hinweg stark. Seit der „Energiewende“ gibt es Strombörsen, etwa die EEX in Leipzig oder die Epex Spot in Paris, die im Viertelstundentakt definieren, was Strom gerade wert ist. Grund dafür ist, dass Sonnen- und Windenergie unregelmäßig ins Netz eingespeist werden. Man muss deren Schwankungen mit flexiblen Kraftwerken ausgleichen (was teuer ist), Windkraftanlagen bei Überangebot abschalten oder auch Strom über Landesgrenzen ver- und zukaufen. Früher war das kein Thema, weil Strom mit Kern- und Kohlekraftwerken gleichmäßiger produziert wurde. Heute ist Strom dann am teuersten, wenn der Verbrauch hoch und zugleich die Produktion gering ist und viel kostet – an einem Wintermorgen, wenn Schnee auf den Photovoltaik-Anlagen liegt. Und am günstigsten, wenn die Menschen wenig Strom verbrauchen, obwohl die regenerativen Quellen liefern – an einem sonnigen, windigen Sonntagnachmittag.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

11.11.2015, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball