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Herberge für Flüchtlinge in der Neckarhalde

Ins Edith-Stein-Karmel könnte bald wieder Leben einkehren

Seit vor drei Jahren die letzten Ordensschwestern aus Tübingens einzigem Kloster auszogen, steht das frühere Edith-Stein-Karmel leer. Jetzt zeichnet sich eine Zukunft für die stattliche Landhausvilla ab: Der Kreis möchte dort Flüchtlinge beherbergen. Die Diözese ist einverstanden.

16.06.2015
  • Renate Angstmann-Koch & Christiane Hoyer

Tübingen. Uwe Renz, der Pressesprecher der Diözese Rottenburg-Stuttgart, und Tübingens Landrat Joachim Walter bestätigten dem TAGBLATT auf Nachfrage, dass Verhandlungen laufen. Sie sind offenbar schon weit gediehen. Doch vor einer weiteren Nutzung muss noch Einiges geklärt und in das Haus investiert werden – unter anderem in den Brandschutz. Entschieden sei noch nichts. Sobald die Sache spruchreif ist, möchte Landrat Walter die Nachbarn der künftigen Asylunterkunft informieren. In das Haus sollen gegebenenfalls 25 Erwachsene und möglicherweise auch Kinder einziehen.

Die imposante, aber renovierungsbedürftige Landhausvilla bekam die Diözese einst von der Adelsfamilie von Hügel vermacht. Sie wird deshalb auch „Hügelei“ genannt. Die Stiftung ist an eine Auflage gebunden: Die Villa Hügel soll einer „geistlichen Nutzung“ dienen, möglichst als Wohnhaus für promovierende Priester.

In jedem Fall schrieb die Stifterin Freifrau von Hügel der Kirche vor, die Villa für einen kirchlichen Zweck zu nutzen. „Dafür gab sie dem Bischof der Diözese freie Hand, sollte sich der prioritäre Zweck nicht realisieren lassen“, so der Pressesprecher der Diözese.

Flüchtlingsfürsorge erfüllt Zweckbindung

Zuletzt war daran gedacht, in dem Haus Rückkehrerinnen und Rückkehrer aus dem Weltkirchlichen Friedensdienst (WFD) unterzubringen, die in Tübingen studieren. An diesem Ziel habe sich nichts geändert, sagt Renz. Doch der Landkreis habe sich mit der Bitte an die Diözese gewandt zu überlegen, ob das Haus für die Flüchtlingsfürsorge genutzt werden könne: „Diesem Wunsch hat Bischof Fürst angesichts der dramatischen Situation der Flüchtlinge weltweit und der schwierigen auch in Deutschland grundsätzlich positiv entsprochen.“

Viele fragten sich in den vergangenen Monaten, ob das frühere Karmelitinnenkloster so lange leerstehen muss – gerade angesichts des angespannten Tübinger Wohnungsmarkts und des Problems, Unterkünfte für Asylsuchende zu finden. Auch in Leserbriefen ans TAGBLATT wurde diese Frage immer wieder aufgeworfen. Von ihnen unabhängig „hat die Diözese großes Interesse daran, den ehemaligen Karmel einer passenden und dem Stifterzweck entsprechenden Nutzung zuzuführen“, versichert Renz.

Nun könnte also der Landkreis das Haus als Asylunterkunft mieten. „Dass die Aufnahme von Flüchtlingen einem kirchlichen Zweck entspricht, steht für die Diözese außer Frage“, so der Pressesprecher.

Das Karmel bot Raum für Ruhe und Besinnung

Unterhalb des Hauptgebäudes des Karmels liegt ein Gästehaus, das nicht der testamentarisch verfügten „geistlichen Nutzung“ unterliegt. Dort unterhält seit einigen Monaten der Verein „Refugio“ mit Hauptsitz in Stuttgart eine Regionalstelle zur Betreuung traumatisierter Flüchtlinge.

Die Karmelitinnen wohnten von 1978 bis 2012 in der „Hügelei“. Zu den besten Zeiten der kleinen Ordenszelle lebten Mitte der neunziger Jahre elf Nonnen dort. Der kontemplative Orden leitet seinen Namen vom Berg Karmel in Israel ab.

Die Schwestern beteten und meditierten oft mehrere Stunden am Tag. Sie nahmen dennoch in ihrem Haus Menschen auf, die Ruhe suchten, und boten Raum für religiöse Gespräche. Die Messen in der Hauskapelle waren öffentlich.

Ins Edith-Stein-Karmel könnte bald wieder Leben einkehren
Stadtbildprägend, aber renovierungsbedürftig: das frühere Edith-Stein-Karmel am Hang über dem Tübinger Schlossbergtunnel. Bild: Sommer

Die „Hügelei“ wurde seit 1978 von Karmelitinnen genutzt. Damals machte sich eine kleine Gruppe von Kölner Ordensschwestern auf den Weg, um in Tübingen eine neue Zelle zu gründen. Der damalige Bischof Georg Moser stellte ihnen das Haus zur Verfügung.
Die Gründungschwestern nannten das Karmel nach der Philosophin Edith Stein. Die 1922 zum Katholizismus konvertierte Jüdin trat mit 42 Jahren in Köln den Karmelitinnen bei. 1942 wurde sie in Auschwitz von den Nazis ermordet.
Waltraud Herbstrith war eine der Gründerinnen der Zelle und zog vor drei Jahren als letzte Ordensschwester aus dem Haus aus. Die Theologin und Germanistin war Edith-Stein-Forscherin. Sie verfasste mehrere Bücher über die Karmelitin und baute ein umfangreiches Archiv über sie auf.

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16.06.2015, 12:00 Uhr

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