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Ins Fadenkreuz gerückt
Markus Kaim ist Sicherheitsexperte bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. Foto: Stiftung
Interview mit Sicherheitsexperte Markus Kaim

Ins Fadenkreuz gerückt

21.12.2016
  • STEFAN KEGEL

Herr Kaim, kann man solche Anschläge wie in Berlin verhindern?

Markus Kaim : Wie will man das denn verhindern? Man kann darüber debattieren, ob öffentliche Plätze, speziell Weihnachtsmärkte anders gesichert sein müssen, mit Pollern etwa. Aber das verschiebt doch nur die Frage. Wenn wir Weihnachtsmärkte stärker sichern, wie sichern wir dann U-Bahnen, wie sichern wir das nächste Musikfestival, Karnevalsumzüge oder das Oktoberfest? So unbefriedigend das sein mag, aber da haben die Sicherheitsbehörden Recht. Es gibt Grenzen staatlichen Handelns, und die müssen wir akzeptieren.

Befürchten Sie weitere Anschläge?

Das ist spekulativ. Aber ich glaube, die Analyse, die die Sicherheitsbehörden immer wieder vortragen, ist durchaus richtig: Es gibt eine latente Terrorgefahr. Das hat auch damit zu tun, dass Deutschland sich seit einem Jahr, seit den Anschlägen von Paris im November 2015, militärisch im Kampf gegen den Islamischen Staat engagiert. Das soll kein Argument sein, sich bei diesem Einsatz zu enthalten. Aber der Preis dafür, dass wir die Kurden im Nordirak militärisch ausbilden, die Franzosen durch Aufklärung sowie durch Schutz und Begleitung eines Flugzeugträgers unterstützen, ist, dass wir stärker ins Fadenkreuz des Islamischen Staates rücken. Das hat der IS ja in diversen Verlautbarungen auch zu Protokoll gegeben. Dass wir schon aus diesen Gründen eine andere Gefährdungslage als vor fünf Jahren haben, scheint mir evident zu sein.

Warum war das Ziel von Berlin ausgerechnet ein Weihnachtsmarkt?

Es ist ein vergleichsweise einfaches Ziel. Und es gibt die Symbolik, die Christenheit zu treffen. In der Vergangenheit wurden ja schon des Öfteren Weihnachtsmärkte ins Visier genommen.

Der IS ist in der Tendenz auf dem Rückzug. Ist die zunehmende Zahl von Attentaten in Westeuropa eine Reaktion darauf?

Zum einen muss man wissen, dass der IS ja ein Hybrid ist. Er ist erstens eine militärische Organisation, die zu vergleichsweise komplexen militärischen Operationen fähig ist. Zweitens ist er ein Quasi-Staat im Mittleren und Nahen Osten – zwar nicht im völkerrechtlichen Sinne, aber indem er öffentliche Dienstleistungen anbietet, zum Beispiel Sicherheit auf seinem Gebiet gewährleistet oder eine Rechtssetzung betreibt und durchsetzt. Drittens ist er eine Terrororganisation, die in der Lage ist, in Westeuropa und den USA Anschläge vorzubereiten oder zu inspirieren. Wenn die erste und zweite Funktion unter Druck geraten, dann bleibt die dritte Funktion übrig. Je stärker der IS also militärisch und auf seinem Gebiet unter Druck gerät, desto stärker weicht er auf die dritte aus. Das erklärt die erhöhte Zahl von Anschlägen.

Ansbach, Würzburg, Berlin – schlimme Fälle und doch sie erreichen die Dimensionen der Anschläge von Paris nicht. Setzt der IS eher auf kleinere, aber grausame Attentate?

Ich würde das mit der besseren Ermittlungsarbeit und Präventionsarbeit der Sicherheitsbehörden erklären, die mittlerweile besser aufgestellt sind als es noch vor zwei Jahren der Fall war.

Es ist auffällig, dass viele Attentäter sehr jung sind und eine kriminelle Vergangenheit haben. Ist das ein Muster für die Rekrutierung?

Das Muster erkennen wir häufig. Es gibt bei vielen Attentätern des IS eine kleinkriminelle Vergangenheit, aus bürgerlicher Perspektive würde man sagen: Entwurzelte, die oft aus schwierigen Familienverhältnissen stammen, Schule oder Lehre abgebrochen haben. Stefan Kegel

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21.12.2016, 06:00 Uhr

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