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Integration der Rechten
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Integration der Rechten

01.10.2016
  • VON PETER GÄRTNER

Berlin. Als vor 25 Jahren in der sächsischen Stadt Hoyerswerda rechte Jugendliche Brandsätze auf frühere DDR-Vertragsarbeiter warfen, jubelten ihnen hunderte ganz normale Bürger zu. Die Menschen aus Vietnam, Kuba und Mosambik flüchteten in einen Plattenbau, der im September 1991 eine Woche lang Ziel von rassistischen Angriffen war. Erst danach hatte die Polizei die Lage halbwegs im Griff. Es war der Auftakt zu pogromartigen Angriffen, die ihren Höhepunkt in den mehrtägigen Ausschreitungen vor der Asylbewerber-Aufnahmestelle in Rostock-Lichtenhagen ein knappes Jahr später fanden.

Damals gab es auch fremdenfeindliche Übergriffe im Westen, in Mölln und Solingen – doch im Gegensatz zum Osten fanden sie im Schutz der Dunkelheit und ohne Beifall von Anwohnern statt. Heute, das muss man leider so deutlich sagen, gehören Angriffe auf Flüchtlinge und perfide Attacken auf ihre Unterkünfte in den neuen Bundesländern zum Alltag. Damals haben die politisch Verantwortlichen den nationalen Überschwang nach der Einheit als ein Erklärungsmuster herangezogen, heute sind es angeblich die vielen Flüchtlinge.

Tatsächlich hat sich der Migrantenanteil in den meisten ostdeutschen Kommunen im vergangenen Vierteljahrhundert nur minimal erhöht. Proteste gegen Flüchtlingsheime, fremdenfeindliche Propaganda und rassistische Angriffe haben im Laufe des vergangenen Jahres aber gerade dort zugenommen, wo es kaum Ausländer gibt.

Während sich in den Großstädten inzwischen eine Zivilgesellschaft fest verankert hat, fehlt es den wenigen engagierten Bürgern und Initiativen in Kleinstädten und in den ländlichen Regionen oft an Kraft, Mut, Fantasie und vor allem an Geld für Gegenwehr. Wenn Neonazi-Eltern den Spielplatzbau organisieren, ein Rechtsextremer den Fußballernachwuchs trainiert oder die Jugendfeuerwehr leitet, nehmen andere Eltern in Kauf, dass Kinder aus Migrantenfamilien nicht mitmachen dürfen. Tatsächlich ist die demokratische Kultur in vielen Gegenden akut gefährdet.

Die rechte Szene war in Ostdeutschland schon immer in Teile der Mehrheitsgesellschaft eingebettet, in der es zu DDR-Zeiten weder eine Aufarbeitung der NS-Zeit noch eine Integration der rund 100 000 Vertragsarbeiter gab, die isoliert leben mussten und oft als minderwertig betrachtet wurden. Da haben es die rechtsextreme NPD und die rechtspopulistische, subtilere AfD leicht, Überfremdungsängste zu schüren und völkisches Gedankengut zu platzieren. In der DDR hatten die meisten Menschen die Diktatur der Gleichheit verinnerlicht. Egal ob Landarbeiter oder Arzt: Alle Menschen sollten gleich wohnen, gleich verdienen, gleich wählen. Alle anderen – Christen, Oppositionelle, Langhaarige, Punks, Schwule, Nichtsesshafte – standen unter ständiger Beobachtung, nicht nur durch die Stasi. Sie mussten in der egalitären sozialistischen Gesellschaft mit Ausgrenzung, Gefängnis und Ausbürgerung rechnen.

In Umfragen zeigt sich heute im Osten der Republik eine im Vergleich zum Westen enorm hohe Zustimmungsrate zu gesellschaftlicher Homogenität – quer durch alle Parteien und Berufsgruppen hinweg. Vielfalt, immerhin ein wesentlicher Teil der Demokratie, wird häufig nicht als Bereicherung empfunden, und zwar nicht nur von jenen, die aus Frustration, aus Unsicherheit und aus rassistischen Gründen gar nicht mehr erreicht werden. Zum wirtschaftlich durchaus erfolgreichen Aufbau-Ost gehört eben auch ein gesellschaftlicher. Da gibt es noch viel zu tun.

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01.10.2016, 06:00 Uhr

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