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Dank Wohngemeinschaft mittendrin statt nur dabei

Integratives Wohnprojekt für Menschen mit und ohne Behinderung

Im Wohnprojekt „Mittendrin“ leben Menschen mit und ohne Behinderung zusammen. Das Konzept: möglichst viel Selbständigkeit, möglichst viel Selbstbestimmung. FLUGPLATZ-Mitarbeiter Beat Seemann war zu Besuch dort.

02.02.2010

Es ist ein sonniger, eiskalter Tag Ende Januar. Ich bin auf dem Weg zum Haus der Lebenshilfe Tübingen. Dort treffe ich mich mit Mitarbeiter Jens Fäsing. Im Haus ist einiges los, es gibt viele Angebote. Unser Ziel ist allerdings ein anderes, das Wohnprojekt „Mittendrin“ in der Herrenbergerstraße. Hier wohnen elf Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung zwischen 21 und 59 Jahren mit vier nichtbehinderten Menschen unter einem Dach. Das Konzept der Hausgemeinschaft, so erzählt Fäsing, ist auf Selbstständigkeit und Selbstbestimmung der Mieterinnen und Mieter ausgelegt. Darin werden sie von den Mitarbeiter/innen der Lebenshilfe unterstützt.

Zusammen macht der Spaziergang mehr Spaß

Das Haus ist hell und freundlich – seit 2006 beherbergt es das integrative Wohnprojekt. Es gibt vier Wohnungen, in denen die Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung in Zweier- und Dreier-WGs zusammenleben. In zwei weiteren Wohnungen leben nichtbehinderte Menschen.

Tanja Enzminger öffnet uns die Tür, sie teilt ihre WG mit Simone Mack. Beide wollen ein eigenständiges Leben führen. Den Frauen gefällt es dort außerordentlich gut, sie leben seit über drei Jahren in der Wohnung. Die Bewohner/innen hatten eine sehr lange Kennenlernphase, bis sie sich entschieden haben, mit wem sie zusammenleben wollen. Simone Mack erzählt, dass sie sehr gerne zusammen ausgehen oder spazieren laufen. Sie arbeitet tagsüber in einem Seniorenheim. Anfangs half sie im Speisesaal, mittlerweile ist sie in der hauseigenen Wäscherei beschäftigt. Der Job macht ihr großen Spaß, und ihr Ziel ist es, möglichst bald einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt zu bekommen. Die kleine Wohnung ist gemütlich eingerichtet, gekocht wird selbst. Soeben kommt eine Mitarbeiterin der Lebenshilfe vorbei, die mit den beiden Frauen Sport macht.

Unter der Woche nutzen viele Bewohner/innen des Hauses die Freizeit- und Bildungsangebote der Lebenshilfe: Sie können ins Schwimmbad gehen, zum Kegeln oder einen Computerkurs machen. Dabei, so erklärt Jens Fäsing, erhält jede/r individuelle Unterstützung. Beim Kochen zum Beispiel oder beim Einkaufen. Jede/r in diesem Haus hat eigene Kompetenzen und Wünsche, an denen die Assistenz ansetzt.

Die nächste WG ist eine reine Männerrunde: Martin Bläss, Benjamin Kölbel und Jean-Claude Hansper wohnen hier. Martin Bläss wollte gerade staubsaugen, Jean- Claude Hansper schreibt mit Unterstützung einer Mitarbeiterin der Lebenshilfe seine Einkaufsliste. Benjamin Kölbel lädt mich gleich zum Tischkickern ein. Darin bin ich eine absolute Niete. Aber immerhin, ich gehe in Führung. Ein Anfang. Aber dann holt mein Gegenspieler auf, ich erziele kein einziges Tor mehr und verliere 1:10. Benjamin Kölbel ist 23 Jahre alt und arbeitet bei einer Computerfirma in der Nähe als Hausmeister. Der junge Mann freut sich, dass er mir sein Zimmer zeigen kann. Die Bayern München-Bettwäsche deutet darauf hin, welche Mannschaft er unterstützt. Sein Lieblingsspieler ist Franck Ribéry. Die Wand ist mit allen möglichen Postern tapeziert, der Rechner läuft. Zum Mails Schreiben nutzt Benni Kölbel ihn. Viele Hausbewohner haben Mailadressen und sind bei der Internet-Plattform Facebook registriert. So wollen sie Kontakt halten zu Freundinnen und Freunden in Frankreich und Großbritannien – dort hat die Lebenshilfe Partnerorganisationen.

Modern Talking läuft oft in der Männer-WG

Im Hintergrund dudelt das Radio. Auch Martin Bläss zeigt sein Zimmer gerne. Das Poster an der Wand erkenne ich als Porsche, doch er klärt mich darüber auf, dass dies eine Viper ist. Stolz erzählt er mir vom Wanderurlaub im Engadin mit seinem Vater und kramt seine CD-Sammlung hervor. Seine Lieblingsband ist Modern Talking, obwohl Dieter Bohlen nicht singen könne. In der Küche trifft sich die ganze WG. Am Wochenende wollen sie auf eine Fasnetsparty, und sonst sind sie gerne mal im Jazzkeller.

In den anderen WGs sind alle ausgeflogen. Der Einzige, den ich noch antreffe, ist Erik Köhler. Zur Zeit macht er sein Referendariat. Er ist einer der vier Nichtbehinderten im Hause. Diese übernehmen die Nachtbereitschaft, jede/r etwa sieben Nächte im Monat. Von 21 Uhr bis 6 Uhr morgens sind sie für die anderen Hausbewohner/innen da. Wenn es Probleme gibt, spielt sich das meist abends ab – wenn jemand nicht schlafen kann oder wenn jemandem übel ist. Insgesamt jedoch hält sich das in Grenzen. Erik Köhlen gefällt das Hauskonzept: Er mag den offenen Umgang der Bewohner/innen untereinander. Allerdings können sich viele Menschen ein Leben in so einem Haus nicht vorstellen – leider, sagt er.

Als ich mich verabschiede, bin ich beeindruckt und sehr positiv überrascht. Ein tolles Konzept. Es lohnt sich, sich weiter für die Gleichstellung von Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung einzusetzen. Denn Vielfalt ist Trumpf. Beat Seemann, 17

Integratives Wohnprojekt für Menschen mit und ohne Behinderung
Martin Bläss, Benjamin Kölbel und Jean-Claude Hansper (von links) in ihrem Wohnzimmer. Bild: Seemann

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02.02.2010, 12:00 Uhr

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