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Wenn „Fisch“ ein Fremdwort ist

Internationale Vorbereitungsklassen nehmen Flüchtlingskinder auf

Die Schüler leben erst seit wenigen Wochen oder Monaten in Deutschland. Sie sprechen ganz verschiedene Muttersprachen. Manche haben in ihren Herkunftsländern noch nie eine Schule besucht. Für Lehrer sind Internationale Vorbereitungsklassen (IVK) ganz besondere Herausforderungen. An drei Rottenburger Schulen gibt es solche Angebote.

13.01.2015
  • Dunja Bernhard

Rottenburg. Elf Kinder besuchen die Internationale Vorbereitungsklasse (IVK) im Pavillon der Kreuzerfeld-Grundschule. Die Kinder kommen aus acht verschiedenen Ländern und sind mit ganz unterschiedlichen Muttersprachen aufgewachsen. Die meisten Schüler besuchten schon in ihrem Heimatland eine Schule, einige jedoch nicht.

Eines haben die Kinder jedoch gemeinsam: Alle sind erst vor wenigen Wochen oder Monaten nach Deutschland gekommen. Ihre Eltern sind Asylsuchende, Spätaussiedler oder hochqualifizierte Fachkräfte. In Rottenburg gibt es außer im Kreuzerfeld auch noch in Ergenzingen und an der Hohenbergschule Internationale Vorbereitungsklassen. Für ältere Jugendliche bietet die berufliche Schule ein Vorbereitungsjahr für Arbeit und Beruf an.

Die Kinder helfen einander

Ulrike Feirer-Mangold ist die neue Schulleiterin der Grundschule im Kreuzerfeld. Sie unterrichtet auch die IVK. Am Dienstagvormittag um halb neun ruft sie jedes Kind namentlich zum Morgenkreis nach vorn. Dort begrüßt jeder seinen Nachbarn und fragt ihn, wie es ihm geht. „Jeder soll sich sehr willkommen fühlen“, sagt die Lehrerin. Die Schule wolle eine Umgebung schaffen, in der jedes Kind seinen Platz hat und sich wohl fühlt.

Gemeinsam legen die Schüler an diesem Morgen Buchstabenplättchen in alphabetischer Reihenfolge in die Mitte des Stuhlkreises. Wenn einer nicht weiter weiß, hilft ein anderer. Die Kinder können sich gegenseitig sehr gut einschätzen.

Nach dem Morgenkreis arbeiten die Schüler an Gruppentischen nach ihrem individuellen Leistungsstand weiter. Jeder hat einen Arbeitsplan. Während die elfjährige Kamila (alle Namen geändert) selbständig den verschiedenen Wortarten in einem Satz farbige Symbole zuordnet, braucht Romea Hilfe beim Umformen von Druckbuchstaben in Schreibschrift.

Arian Rösche, Bundesfreiwilligendienstler, unterstützt Ulrike Feirer-Mangold an diesem Morgen. Der „Bufdi“ zeichnet Romea die Buchstaben vor und lässt sich die Worte vorlesen. Mirko hilft er dabei, Tieren bestimmte Eigenschaften zuzuordnen. Alle sprechen im Flüsterton miteinander, im Hintergrund spielt leise Musik.

Ein Blick ins deutsch-arabische Wörterbuch

„Frau Mangold?“ Romea möchte wissen, ob sie noch weitere Wörter abschreiben soll. „Frau Mangold?“ Kamila weiß nicht, was das Wort „Fisch“ bedeutet. Gemeinsam schauen Schülerin und Lehrerin im deutsch-arabischen Wörterbuch nach.

Roberto malt derweil seinen Stift statt die Räume zwischen den Linien an. Anschließend probiert er aus, wie viele Stifte sich auf einem Klebestift stapeln lassen. „Nun wird mal gearbeitet“, ermuntert Ulrike Feirer-Mangold ihn, das Blatt fertig zu machen. Man müsse jeden so nehmen wie er ist, sagt sie. „Manchmal mit Humor.“

Nach ihrer Ankunft in Rottenburg werden die Flüchtlingskinder zeitnah in einer Schule untergebracht, sagt Hocker. Rechtlich habe das Schulamt dafür sechs Monate Zeit. Im Moment seien jedoch reichlich Kapazitäten vorhanden.

Turnen und Musik mit den anderen Kindern

Jeder Schüler wird von Anfang an einer regulären Klasse zugeordnet. Am Unterricht dieser „Stammklasse“ nimmt er, so weit es möglich ist, teil. Recht schnell geht das in den Fächern Sport, Musik und Kunst. Das sei die beste Methode, den Kindern Deutsch beizubringen, sagt Hocker. „Die Kinder lernen nicht nach grammatischen Regeln, sondern über das Reden.“

Eine gute Möglichkeit dazu bieten auch Projekte. Auf einer Streuobstwiese lerne ein Kind ganz schnell, was ein Apfel oder ein Baum sei, auch wenn es sonst noch nicht viel Deutsch könne. „Lernen im Tun funktioniert am besten.“ In den Stammklassen werden die Kinder aus der IVK sehr gut aufgenommen, sagte Ulrike Feirer-Mangold. Um auch die Eltern zu integrieren, hat die Schule ein Elterncafé eingerichtet.

Mit 24 Schülern pro IV-Klasse kalkuliert das Tübinger Schulamt, sagt dessen Leiter Roland Hocker. Die Klassen würden jedoch nicht um jeden Preis aufgefüllt. Traumatisierte Kinder, die aus Krisengebieten kommen oder fliehen mussten, haben einen höheren Betreuungsbedarf. „Sie sind mitunter weniger aufgeschlossen.“

Zusatzausbildung für Lehrer

Die Größe einer IVK müsse für die Lehrkräfte auch leistbar sein. Um den Anforderungen gewachsen zu sein, bilden die Lehrer sich fort. Einige haben eine Ausbildung in „Deutsch als Zweitsprache“. Bei Einrichtung neuer IVK wurden Lehrer mit entsprechenden Fortbildungen bevorzugt, sagte Hocker. Aber auch die anderen Lehrkräfte seien mit viel Herzblut dabei.

Aber was passiert, wenn eine Internationale Vorbereitungsklasse voll ist? Eine automatische Teilung gibt es nicht. „Dann sind wir kreativ“, sagt Feirer-Mangold. Ein Ausweichen in eine andere Schule wäre möglich. Oder ein Kind wechselt aus der IVK in seine Stammklasse. Für jedes Kind werde eine Lösung gefunden, sagen sowohl die Rektorin als auch der Schulamtsleiter.

Internationale Vorbereitungsklassen nehmen Flüchtlingskinder auf
Ulrike Feirer-Mangold mit drei Kindern der Internationalen Vorbereitungsklasse an der Kreuzerfeld-Grundschule.

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13.01.2015, 12:00 Uhr

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