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Birgit Grunschel leitet die Zentrale Studienberatung der Uni Tübingen

Interview: Der gefühlte Druck hat zugenommen

Zu Birgit Grunschel können Schüler/innen, die eine Studienberatung brauchen und Studierende, die ihr Fach wechseln wollen oder Lernprobleme haben, mit all ihren Fragen kommen.

11.10.2016
  • Ulla Steuernagel

Birgit Grunschel leitet die Zentrale Studienberatung der Universität Tübingen. Die Sozialwissenschaftlerin weiß also, wo und wie Studierende aller Fächer und Semester der Schuh drückt. Das TAGBLATT fragte sie, wann Studierende oder Studienanwärter den größten Redebedarf haben.

Jetzt sind doch eigentlich die Würfel gefallen, die Studienwahl dürfte getroffen sein, was hat die Studienberatung da noch zu tun?

Birgit Grunschel: Wir haben auch jetzt gut zu tun. Zu unterschiedlichen Zeiten wird die Beratung von unterschiedlichen Gruppen in Anspruch genommen. Im Frühjahr um die Abizeit herum kommen viele Schüler, die sich orientieren wollen. Auch schon Elftklässler.

Ist das nicht noch ein wenig früh?

Für manche ist es zu früh, für andere nicht. Das ist eine sehr individuelle Sache.

Welche Kriterien entscheiden mehr über die Wahl des Studienfachs? Fähigkeiten, Interessen oder Chancen?

Interessen, Fähigkeiten und Wünsche spielen eine Rolle, aber die Chancen, die ein bestimmtes Studium bietet, sind auch immer Thema. Wir warnen davor, zu sehr auf den Arbeitsmarkt zu gucken. Der Arbeitsmarkt verändert sich. Was jetzt gefragt ist, muss es in Zukunft nicht sein. Die extrinsische (also von außen gesteuerte) Orientierung oder Motivation kann fatal sein.

Ist die Studienwahl nicht durch die Noten ohnehin sehr eingeschränkt? Oder andersherum: Drängen nicht alle Abiturienten mit sehr gutem Notendurchschnitt in Medizin und Psychologie?

Es gibt noch eine Menge Fächer ohne Zulassungsbeschränkung, weil hier die Nachfrage nicht so groß ist. Außerdem gibt es zulassungsbeschränkte Fächer, bei denen das Verhältnis von Angebot und Nachfrage ausgewogener ist. In den Fächern kommen nicht so hohe Grenzwerte zustande wie dies zum Beispiel in den medizinischen Studiengängen der Fall ist. Bei Medizin spielt oft beides eine Rolle. Der Notenschnitt und die Prägung durchs Elternhaus. Das lässt sich übrigens auch bei Lehrerkindern beobachten.

Und wenn jemand überhaupt keinen Plan hat?

Dann laden wir Ratsuchende ein, gemeinsam Zukunftspläne zu entwickeln. Und dabei gibt es vieles zu entdecken: Träume, Wünsche, Sorgen, Neigungen, Stärken und mehr. Berufsberatung machen wir hier nicht. Wir geben aber Recherchetipps, auf welchen Seiten im Internet man sich über die verschiedenen Berufsfelder informieren kann, zum Beispiel bei www.berufenet.arbeitsagentur.de. Man spricht heute übrigens mehr von Berufsfeldern als von Berufen. Wichtig ist immer, dass sich die Schüler oder Studierenden selber auf den Weg machen.

Derzeit haben die Studienberater wohl auch mit dem Begleitpersonal der angehenden Studis zu tun. Stellen Eltern ein Problem dar?

Nein, eigentlich nicht. Wir sagen auch, es ist okay, wenn sie mitkommen. Die Eltern begleiten ihre Kinder in unterschiedlichen Rollen. Manche kommen einfach als Chauffeur mit und warten dann draußen, andere gehen mit in die Beratung, aber halten sich hierbei zurück. Wenn Eltern sich allzu sehr einmischen, dann spreche ich das an. Gemessen an den vielen Eltern, die ihre Kinder begleiteten, die zum doppelten Abi-Jahrgang gehörten, sind es jetzt weniger geworden.

Bisher haben wir vor allem über ratsuchende Schüler geredet. Aber Sie beraten ja wohl auch Studierende während des Studiums.

Ja, drei Viertel der Ratsuchenden sind Studierende. Sie kommen aus allen Fachrichtungen. Insgesamt sind es mehr Frauen als Männer. Was nicht heißt, dass Männer keine Probleme haben oder Informationen brauchen, sie nehmen das Angebot nur nicht so häufig wahr. Die Ratsuchenden kommen mit den unterschiedlichsten Fragen und Problemen. Das reicht von der Studien- und Zeitplanung, Lerncoaching bis hin zu psychosozialen Problemen. Doch bei tiefgreifenden persönlichen Problemen verweisen wir immer auf die psychologische Beratungsstelle des Studentenwerks, deren Hilfe kann man ebenfalls kostenlos in Anspruch nehmen.

Welche Probleme drücken die Studierenden von heute denn besonders?

Seit der Bologna-Reform und den Bachelor- und Masterstudiengängen hat der Druck, oder besser der gefühlte Druck, auf die Studenten zugenommen. Viele haben Angst, dass ihnen die Exmatrikulation droht, wenn sie die Regelstudienzeit nicht einhalten. Das stimmt so jedoch nicht, die Regelstudienzeit lässt sich durchaus auch überschreiten. Es ist immer noch ganz viel Aufklärungsarbeit nötig, um unnötige Ängste abzubauen.

Und wie groß ist die Angst, von einer gradlinigen zielstrebigen Berufsbiografie abzuweichen?

Ich habe nicht den Eindruck, dass die Studierenden so denken. Es gibt doch kaum Leute, die so einen geraden Berufsweg vorzuweisen haben. Die Frage ist eher, wie gehe ich mit Fehlern um, wenn ich mich vertan habe, wie lerne ich mit Frustrationen klarzukommen. Das ist auch fürs wissenschaftliche Arbeiten interessant. Wichtig ist vor allem, die persönliche Neugier zu behalten.

Gibt es heute überhaupt noch Langzeitstudierende?

Ja, die gibt es schon noch. Und manchmal kommen sie auch zu uns, vor allem nachdem viele Magister- und Diplom-Studiengänge ausgelaufen sind und immer noch auslaufen. Mittlerweile gibt es nur noch fünf Studiengänge ohne Bachelor- und Master-Abschluss. Das sind Jura, Medizin, Zahnmedizin, Theologie und Pharmazie.

Kommen zu Ihnen auch Studenten, die verzweifelt nach einem Zimmer suchen?

Wir geben ihnen Adressen mit, wo sie suchen können und verweisen für den Notfall auf die Jugendherberge. Aber da viele der Erstsemester aus der Umgebung kommen, können sie zunächst pendeln. Manche Studierende wollen auch ganz bei ihren Eltern wohnen bleiben. Da gibt es die unterschiedlichsten Vorstellungen.

Ihre Beratungsräume liegt an zentraler Uni-Stelle, direkt neben der Mensa Wilhelmstraße. Wie erleben Sie so mitten im Unigetriebe den Beginn des Wintersemesters?

Ich finde die Atmosphäre dann immer sehr schön. Auch für mich liegt darin der Zauber des Neuanfangs.

Die Beratungszeiten

Die Zentrale Studienberatung

richtet sich an Schüler/innen und andere Studieninteressierte, Studierende und Absolventen. Die Wartezeit auf Beratungstermine nach Vereinbarung liegt bei bis zu 14 Tagen, die persönliche Beratung dauert maximal eine Stunde. Außerdem gibt es eine offene Sprechstunde für Fragen und Probleme – von der Einschreibung bis zu Prüfungsmodalitäten. Sie dauert maximal 30 Minuten und ist montags und donnerstags von 14.30 bis 16.30 Uhr sowie dienstags und freitags von 9 bis 11.30 Uhr. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. www.uni-tuebingen.de/zsb

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11.10.2016, 01:00 Uhr

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