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Interview: Von wilden Banden und heimlichen Blicken im Bad
Gerd Weimer heute
Im neuen TAGBLATT-Buch erinnert sich Gerd Weimer, wie er in den 50er-Jahren aufwuchs

Interview: Von wilden Banden und heimlichen Blicken im Bad

Acht prominente Tübinger/innen erzählen im neuen TAGBLATT-Buch vom Leben im Tübingen der Nachkriegszeit. Einer von ihnen ist Gerd Weimer. Mit Tübingens einstigem Ersten Bürgermeister sprach Gabriele Huber. Wir bringen einen Ausschnitt aus dem Gespräch.

06.12.2014
  • Gabriele Huber

Herr Weimer, welche Erinnerungen haben Sie an Ihre frühe Kindheit? Sie sind doch in der Tübinger Unterstadt groß geworden?

Ich bin Jahrgang 1948 und in der Bachgasse, im Volksmund die Stalinallee genannt, aufgewachsen. Im Kindergarten war ich im Rappschüle. Es hat mir dort nicht immer gefallen, das waren damals Gruppen mit zum Teil vierzig und fünfzig Kindern. Ich habe mich deshalb oft abgesetzt in das „Anlägle“ bei der Tankstelle Genkinger. Da war ich dann den Vormittag über und habe gespielt, ganz allein für mich. Um zwölf Uhr ging ich nach Hause als ob nix gewesen wäre.

Hat das niemand gemerkt?

Doch. Als meine Eltern das gemerkt haben, wurde ich von einer Verwandten, die bei uns im Haushalt mitgearbeitet hat, regelmäßig in den Kindergarten gebracht. Sie hat auch versucht, mir das Fahrrad fahren beizubringen. An der Stelle, an der heute die Silcherschule steht, war früher der alte Farrenstall. Ich habe meine ersten Versuche, Fahrrad zu fahren, vor einem waschechten Farren beendet. Ich bin mit dem Fahrrad, es war ein Damenfahrrad, das ich nicht steuern konnte, voll in den Farrenstall hinein gefahren. Das war ein Schrecken für mich kleinen Zwuckel, wie ich plötzlich vor diesen Riesenfarren stand. Die haben vielleicht blöd geguckt, wie da plötzlich ein kleiner Bub mit dem Fahrrad daher kam.

Nochmal zum Rappschüle: Warum hat es Ihnen da nicht gefallen?

Wie waren die großen Gruppen vom Geschlecht her aufgeteilt in Mädchen und Jungen? Die Gruppen waren wesentlich größer als heute und es war sehr beengt: Ich wollte einfach Freiheit haben, ich wollte an die frische Luft. Es gab ja schon damals den Spielplatz hinten raus bis zur Ammer. Wenn man da raus ging zum Spielen war das eher mein Ding, aber drin spielen nicht. (…) Ansonsten hatte ich eine sehr glückliche, unbeschwerte Kindheit. Das war ja auch noch die Zeit, in der die Post mit der Postkutsche ausgefahren wurde.

Anfang der 50er Jahre?

Ja, und der Sprudel kam aus Bad Niedernau mit dem Pferdefuhrwerk. Ich meine mich auch zu erinnern, die hätten noch so riesige Eisblöcke oben drauf gehabt, um die Getränke zu kühlen. Die Bachgasse hat sich vor allem dadurch ausgezeichnet, dass wir eine ganz verschworene Kinderclique waren, die sich aus sehr unterschiedlichen sozialen Milieus zusammengesetzt hat. Wir haben zum Beispiel Olympische Spiele in der Bachgasse organisiert. Ich selbst war ein Kind aus einem einfachen Handwerkerhaushalt. Mein Vater war Polster- und Tapeziermeister.

Was fällt Ihnen noch zur Schule ein?

In der Silcherschule war ich anfangs in einer sehr großen Klasse mit über vierzig Kindern. Die Lehrer in den ersten Schuljahren waren alles gesetzte ältere Männer, quasi vom alten Schlag. Das war schon heftig. Jeden Montagmorgen in der ersten Stunde war Sport. Wir sind vor der Turnhalle hintereinander nach dem Alphabet angetreten. In der Klasse waren damals nur Jungs. Jeder Schüler bekam erst einmal drei Schläge mit dem Rohrstock auf den Hintern. Das war prophylaktisch, damit man gleich wusste, was Sache ist. Mein Glück war, dass das Schlagen nach dem Alphabet ging. Wenn ich bei W dran kam war die Kraft der Lehrer bereits erlahmt. Das waren die Erziehungsmethoden der 50er Jahre. Prügeln war Standard. Fast jeden Tag wurde ein Schüler wegen irgendeiner Geschichte, wegen irgendeiner Verfehlung aus der Sicht des Lehrers verprügelt. Es ging richtig schlimm zu damals in der Silcherschule. Mir hat es weniger geschadet, aber ich bin sicher, dass es einigen sehr geschadet hat. Wir hatten einige in der Klasse, die waren sehr labil. Ich sehe heute noch ihre angsterfüllten Augen, wenn die antreten mussten.

Wie hat sich Ihr alltägliches Leben in der Familie gestaltet? Haben Sie zusammen Mittag gegessen, gab es einen regelmäßigen Kirchgang?

Im Alltag gab es auch zu Hause leider immer wieder Prügel. Zum Beispiel immer dann, wenn ich kein Gemüse essen wollte. Blumenkohl, Bohnen, ich konnte das einfach nicht essen. Wenn es aber grünen Salat gab, habe ich mich mit meiner jüngeren Schwester um das Herzle (innerster Teil des Salatkopfes) fast geschlagen. Unser Haus war sehr beengt. Mit vier oder fünf Jahren habe ich noch in einem Gitterbettle neben meinen Eltern geschlafen. Als meine ältere Schwester heiratete und auszog, bekam ich dann ein eigenes Zimmer. Ein Zimmer im ersten Stock war das Betriebsbüro. Es gab auch eine gute Stube, in der nie geheizt wurde, außer zu besonderen Anlässen. Das ganze Leben spielte sich in einer Art Wohnküche ab. Da wurde gekocht, gegessen und am Samstag in einem Zuber, einer Blechwanne, gebadet, denn Bad oder Dusche gab es nicht. Später durfte ich mit meiner Mutter am Wochenende ins Uhlandbad gehen, also Baden gegen Bezahlung. Im Keller waren dort viele kleine Bäder mit Badewanne. Es wurde Wasser eingelassen, in dem erst ich abgeschrubbt wurde. Dann wurde ich raus geschickt, und meine Mutter hat in dem Wasser vom Bub auch noch gebadet. Weil mir das Warten oft zu lang wurde, rannte ich den Gang rauf und runter und wagte gelegentlich einen neugierigen Blick durch die Schlüssellöcher. Dabei wurde mir zwangsläufig klar, dass es offensichtlich zwei verschiedene Arten von Menschen gibt: Männer und Frauen. Die 50er Jahre waren ja eine stockkonservative und prüde Zeit, von den Eltern wurde man in aller Regel nicht aufgeklärt. Das musste man schon selber tun. Insofern war das Uhlandbad eine Hilfe.

Interview: Von wilden Banden und heimlichen Blicken im Bad
Das Buch „Kriegerles & Geigenspiel“ ist für 14,90 Euro im TAGBLATT-Foyer und im Buchhandel erhältlich.

Interview: Von wilden Banden und heimlichen Blicken im Bad
Gerd Weimer als Jugendlicher

Außer Gerd Weimer erzählen in „Kriegerles & Geigenspiel“ noch Margot Hamm, Herta Däubler-Gmelin, Heiner Schweickhardt, Brigitte Gugel, Gerhard Dieterle, Elisabeth Frate sowie Inge und Albrecht Kroymann von ihrer Kindheit im Tübingen der Nachkriegszeit. Das Buch ist zum Preis von 14,90 Euro im TAGBLATT-Foyer und im Buchhandel erhältlich. Am Donnerstag, 11. Dezember, wird das Buch ab 20 Uhr in der Buchhandlung Osiander in der Wilhelmstraße vorgestellt. Anmeldung per E-Mail an: tuebingen@osiander.de

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06.12.2014, 12:00 Uhr

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