Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

„Eine Botschaft gegen Ausgrenzung“

Interview mit Ottmar Fuchs zu Reformationsjubiläum und Ökumene

Hat das Reformationsjubiläum die beiden Kirchen einander näher gebracht? Der lange in Tübingen lehrende katholische Theologe Ottmar Fuchs sieht das so.

27.10.2017

Von Elisabeth Zoll

Herr Fuchs, wie bewerten Sie das Reformationsjubiläum aus ökumenischer Perspektive?

Ottmar Fuchs: Ich war oft eingeladen zu Vorträgen. In katholischen Gemeinden wurde neu darüber nachgedacht, wie bedeutsam Luther auch für den katholischen Glauben ist. Klar geworden ist mir dabei, dass die Kernerfahrung von Martin Luther, nämlich, dass der Mensch bedingungslos von Gott geliebt wird, ohne Leistung, ohne Werke, oft etwas Neues ist in den Kirchen. Diese Botschaft ist immer wieder durchkreuzt worden durch eine Wenn-Dann-Struktur: Wir müssen dies tun, dann ist Gott gnädig. Zum spirituellen Kern der Rechtfertigungslehre vorzudringen, war nicht immer einfach. Er ist aber für viele Menschen sehr erlösend. Dafür war das Luther-Jahr bedeutend.

Wurde die Veranstaltungsfülle der Kernbotschaft gerecht oder wurde an ihr vorbeigefeiert?

So scharf würde ich das nicht sagen. Doch die Neuigkeit dieser Botschaft war für viele so offensichtlich, dass ich mich gefragt habe: Was wird eigentlich in den Kirchen gepredigt?

Sie beziehen da die evangelische Seite mit ein?

Ottmar Fuchs ist katholischer Theologe. Von 1998 bis 2014 war er Professor für Praktische Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Tübingen. Privatbild

Ja. Viele haben einen Glauben als ständigen Imperativ im Bauch: Du musst dies, Du musst das. Auch auf evangelischer Seite ist das sehr stark. Das hat mich überrascht. Auch da habe ich gehört: Es kann doch nicht sein, dass jeder machen kann, was er will und wird dann immer noch geliebt von Gott. Doch genau das sagt Luther, das sagt Apostel Paulus. Die Menschen trauen Gott nicht zu, dass er ohne Bedingungen liebt. Dies hat auch politische Bedeutung. Denn nur Geliebte können lieben. Dann können sie auch teilen, selbst wenn es zum eigenen Nachteil ist. Wer nicht teilt, der muss töten – die Toten im Mittelmeer bewahrheiten diesen Satz auf schreckliche Weise. Die Frage ist: Woher kommt in einer Gesellschaft die Kraft zum Nicht-Wegschauen und zu einer Solidarität, selbst wenn es zum eigenen Nachteil ist? Forderungen allein geben nicht die Kraft, die Aufgaben zu erfüllen. Mit der Botschaft von der bedingungslosen Gnade Gottes haben die Kirchen also auch eine große sozialpolitische Verantwortung.

Und das in einer Zeit, da Fundamentalisten Rückenwind verspüren. Ist Luthers Rechtfertigungstheologie eine Botschaft gegen Ausgrenzung?

Ja dann, wenn man den Glauben nicht zur Bedingung der Liebe Gottes macht. Noch immer ist es für manche schmerzhaft anzunehmen, dass Gott Menschen, die anders sind und anders glauben, oder eben auch gar nichts glauben, genau so liebt wie gläubige Menschen. Das durchkreuzt jeden Fundamentalismus. Ein auf Humanität orientierter Staat wird niemals mit heilsegoistischen Religionen kooperieren können. Über das Jubiläum hinaus gilt es jetzt, dieses religionskritische Herz des Christentums stark zu machen.

Zum Artikel

Erstellt:
27. Oktober 2017, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
27. Oktober 2017, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. Oktober 2017, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Aus diesem Ressort