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Irene Jung und Kathrin Frenz sind die Säulen der Frauenwelten
Sie sind die Säulen des Frauenwelten-Festivals: Irene Jung (rechts) und Kathrin Frenz.Bild: Steuernagel
Wechsel an der Festival-Spitze

Irene Jung und Kathrin Frenz sind die Säulen der Frauenwelten

Festivalleiterin Irene Jung gibt mit diesem Jahr ihren Posten an Kathrin Frenz weiter. Die beiden sind ein bestens eingespieltes Team.

25.11.2016
  • Ulla Steuernagel

Dieses Jahr geht der Pionierteil des Frauenwelten-Filmfestival zuende. Irene Jung, Aktivistin der ersten Stunde, Ideengeberin und Begründerin dieser kämpferisch-sten aller Tübinger Filmschauen, steht zum letzten Mal dem Festival vor und überträgt danach die Leitung an Kathrin Frenz.

Der Wechsel geht ohne jedes Führungshickhack über die Bühne, denn Jung und Frenz sind ein schon bestens eingeübtes Duo. Eigentlich ist die Übernahme schon von langer Hand und sehr freundschaftlich geplant. „Acht Jahre“, sagt Kathrin Frenz lachend, „hat Irene mich darauf vorbereitet.“ Vor acht Jahren nämlich stieß Frenz als Praktikantin zum Festivalteam.

Irene Jung scheint über die seltene Eigenschaft des Loslassen-Könnens zu verfügen. Sie macht nun ohne viel Aufhebens den Weg frei für die Jüngere. Zwei Frauen, die lebende und lebendige Beispiele gegen das so gerne verwendete Klischee vom Zickenkrieg abgeben.

Beiden Frauen geht es, wie man schnell merkt, zuallererst um die Sache und zuallerletzt um die Selbstdarstellung. Festivalleiterin Irene Jung präsentierte auch in diesem Jahr zum Auftakt am Mittwochabend im Museum die kommende Filmschau in zurückhaltender und etwas spröder Weise. Sie verabschiedete sich von der Bühne, auf der sie sich offensichtlich nie so ganz wohlfühlte. Lieber hält sie sich an den vorbereiteten Karteikärtchen fest, als auf ein Improvisationstalent zu vertrauen.

Im Rückblick ist sie, was sie wirklich ehrt, weniger auf die eigene Leistung als auf die ihrer vielen Gäste stolz. Zum Beispiel auf schwärmt sie von der liberianischen Menschenrechtsaktivistin Leymah Gbowee, die in ihrem Land erheblich zum Sturz des Diktators Charles Taylor beigetragen hat. 2009 war sie auf dem Tübinger Festival, zwei Jahre später bekam sie den Friedensnobelpreis. Oder von der Mexikanerin Judith Galarza, die mit ihrem Film über die Morde an 300 mexikanischen Fabrikarbeiterinnen „Missing Young Woman“ auf die unwürdigen Arbeitsverhältnisse im Land hinwies.

Im Laufe der Festivalzeit gewann Jung viele Freundinnen und Freunde. Allen voran die Familie des iranischen Regisseurs Mohsen Makhmalbaf, der Jung zur diesjährigen Eröffnung eine Grußbotschaft ins Kino Museum sandte.

Einer der Filme, die Jung sehr ans Herz gewachsen sind, ist „Esmas Geheimnis“ von Jasmila Žbani, der die sexuelle Gewalt gegen Zivilistinnen im Bosnienkrieg anklagt. Auch mit dieser Regisseurin verbindet sie Freundschaft.

Mit 64 Jahren hält Jung nun die Zeit für gekommen, sich als Chefin zurückzuziehen. Allerdings will sie ein paar Aufgaben weitermachen, ausgerechnet die missliebigsten. Für das Katalog-Lektorat und für die Finanzen wird sie weiter zuständig sein. Für Zahlen hat Jung ein regelrechtes Faible und Talent: Sie hat sie in beneidenswerter Weise im Kopf.

Doch ihre Zeit will sie in Zukunft nicht mehr auf den internationalen Filmfestivals verbringen müssen. Sie bestimmten bisher ihren Jahresrhythmus. Lustig zu hören, dass die engagierte Frauenaktivistin sich darauf freut, einmal in Ruhe ihre kleine Indoor-Kräuterplantage zu versorgen und Rezepte rund um ihre Kochbananenpflanze umzusetzen. „Aber“, verspricht sie dann, „ich werde nicht nur kochen und backen.“

Die 32-jährige Kathrin Frenz und studierte Rhetorikerin, die wie Jung hauptamtliche Honorarkraft ist, wird nun zur Frontfrau des Festivals. Sie steckt auch
bisher viel Organisationstalent in die Vorbereitung der Festivals. Was sich ändert? „In den Festivalwochen selbst habe ich es
bisher vor allem als meine Aufgabe gesehen, Irene den Rücken freizuhalten.“

Das Team, zu dem vier Praktikantinnen gehören, ist klein, aber arbeitet effizient. Im Festivalbüro herrscht keinerlei Hektik, es geht sogar auffallend ruhig zu. Während des Festivals ist die die Gästebetreuung ein sehr aufwändiger Part. Denn unter Gästemangel leiden die „Frauenwelten“ gewiss nicht: „Wir haben unfassbar viele Gäste“, sagt Frenz. Nicht nur der Austausch mit dem Publikum, auch der zwischen den Gästen ist hier sehr erwünscht.

Um die fünfzig Praktikantinnen bildete das Festival im Laufe der Jahre aus. Die meisten von ihnen kommen jedes Jahr zum Festival und packen mit an. „Das ist wie eine Familie“ , schwärmt Jung.

Wer hätte all dies gedacht, als Jung vor 17 Jahren auf Christa Stolle, Leiterin der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes zuging, und vorschlug, zum 20-Jahre-Jubiläum eine Frauenfilmreihe zu zeigen. „Irene, das kriegen wir nicht gestemmt“, sagte Stolle damals. Ein Satz, den sie schon vielfach und ohne jedes Bedauern revidieren musste.

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25.11.2016, 01:00 Uhr

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