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Flug zur ganz großen Bühne

Isenburgs „Vocalmania“ macht sich bald auf nach New York – das ist gar nicht so einfach

Metropolitan Opera, The Juilliard School, die New Yorker Philharmoniker, die besten Künstler der Welt geben diese Adresse als Referenz an, und der Gesprächspartner erstarrt in ehrfürchtigem Respekt, denn mit diesen weltberühmten Kulturinstituten im Lincoln Center am New Yorker Broadway verbindet jeder Kenner allerhöchste Spitzenleistung. Und auf dieser Bühne wird am Sonntag, 3. April, Vocalmania Isenburg stehen. Was so verrückt klingt, hat eine noch unglaublichere Vorgeschichte.

07.11.2015

Von Hans-Michael GreiSS

Isenburg. Im November 2011 störte sich Rolf Wiechert an der tristen Stimmung des Isenburger Kirchleins und sammelte spontan zehn singinteressierte Freunde um sich, bereits zu Weihnachten traten sie als Chor hervor. Der Kirchenmusik verbunden, aber den modernen Formen des Sacro-Pop aufgeschlossen, ließ sich die Gruppe mitreißen, ihre Stimmungslage treffend als Vocalmania zu beschreiben. Immer auf der Suche nach außergewöhnlichen Titeln, stieß Wiechert auf einen Vater-unser-Text in Kisuaheli, einer Bantusprache, den der US-Komponist und zweifache Grammy-Gewinner Christopher Tin für das Computerspiel Civilisation IV schrieb.

Den Konzertmitschnitt in der Nordstetter Mauritiuskirche lud Vocalmania auf Youtube hoch. Den sah der Komponist und lud per E-mail den Chor ein, sein Werk „Calling all Dawns? in der New Yorker Avery Fisher Hall aufzuführen. Nachdem sich zuerst die Überraschung und dann die anfängliche Skepsis gelegt hatte, und freudiger Erwartung wich, machte sich ein Planungsstab an die Arbeit, die Probleme erkennen und lösen zu können.

Die höchsten Ansprüche stellt natürlich die „Performance?, wie sich die Isenburger nun in die neue Pflichtsprache Englisch einarbeiten, die mit drei Proben in der Woche durchaus mit einem Sport-Hochleistungstraining zu vergleichen ist.

Einen Vorgeschmack gibt der 39-köpfige Chor am 20. Dezember in der Nordstetter Mauritiuskirche mit seinem Weihnachtskonzert, in dem auch Passagen aus „Calling all Dawns? erklingen werden. Dieser „Song Cycle?, wie ihn Tin bezeichnet, beschreibt einen Tagesablauf „Day, Night und Down? und verwendet zwölf verschiedene Sprachen, auch so exotische wie Sanskrit und Latein. Mit dem ihm eigenen Perfektionsanspruch feilt Wiechert derzeit an der präzisen Aussprache der fremd klingenden Songs, mitunter auf vierundsechsigstel Noten gesetzt, eine unvorstellbare Schnelligkeit. Mozart komponierte seine Champagnerarie im Don Giovanni halb so schnell.

Bei allem Enthusiasmus gab es die Finanzierung zu klären, und alle Mitglieder stemmen den gewaltigen Betrag von rund 1500 Euro für den Flug LH 400 mit dem Riesenflieger A380, der am 29. März um 11 Uhr in Frankfurt abheben wird, und die Übernachtung in einem kleinen Hotel, ganz in der Nähe des Lincoln Centers gelegen. Selbstverständlich hat der beruflich in New York weilende Chorleiter Rolf Wiechert alle Stationen eingehend inspiziert und gebucht.

Als alle Chorsängerinnen und Sänger sich begeistert auf das Abenteuer eingestellt hatten und ihre Ersparnisse verplant hatten, um alle Kosten der Reise selber zu tragen, traf sie wie eine eiskalte Dusche die Nachricht, dass die Stadt New York eine Finanzierungsquelle erschlossen hatte, alle ausländischen Künstler auf New Yorker Bühnen an den Sozialkosten zu beteiligen, und verlangten eine Gebühr von 400 Dollar pro Person.

Vergleichbar ist diese Forderung mit einer Kurtaxe, doch schockierte die Höhe, aber New York ist nun mal der „Big Apple?, da gelten andere Größenordnungen. Vocalmania wird darum nicht, wie angekündigt, in der Avery Fischer Hall auftreten, denn im September hat die Verwaltung des Lincoln Centers eine 100-Millionen Spende eines Musik- und Filmproduzenten angenommen, um die ehrwürdige Philharmonic Hall, die Avery Fisher für damals 10 Millionen Dollar mit seinem Namen versah, in David Geffen Hall umzubenennen. Die anstehende Renovierung dieses Saals ab 2017 soll 350 Millionen Dollar kosten. Für die Konzerte mit den Philharmonikern in diesem Auditorium zahlen die Besucher Preise von 196 bis 460 Dollar, Agenturen wie die Distinguished Concerts International New York (DCINY) füllen die konzertfreien Tage mit Auftritten internationaler Künstler, die dem anspruchsvollen Publikum ein niveauvolles Programm bieten.

Ein Musikprofessor erklärte gegenüber der SÜDWEST PRESSE, eine konzentrierte Konzertvorbereitung ersetze zwei Semester Fachstudium in Chorleitung. Vocalmania wird im April 2016 demnach nicht nur mit eindrucksvollen Reiseerinnerungen, sondern mit einem Quantensprung an Qualitätssteigerung zurückkommen, wovon die heimischen Zuhörer profitieren werden. Rolf Wiechert drückt es treffend aus: „Wer seinen Traum in der Musik lebt, fühlt das Größte in sich. Wer Musik nicht erlebt, wird es nie verstehen.?

Der bislang ungedeckte Betrag der 16 000 Euro bedrückt die Organisatoren, und sie vertrauen dem Kunstsinn und der Solidarität ihre Horber Mitbürger, die letzte Hürde zum New Yorker Auftritt zu nehmen.

Schon in ein paar Monaten heißt es für die Musiker von Vocalmania „New York, New York“.Archivbild: Kuball

Die Möglichkeit, sich an Projekt zu beteiligen, bietet sich mit einer Spende auf das Konto der katholischen Kirchengemeinde Hl. Kreuz Horb:
IBAN: DE19642910100120122006

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Erstellt:
7. November 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
7. November 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. November 2015, 12:00 Uhr

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