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Deutscher Branduardi half

Italien, Türkei, Deutschland: Leckere literarische Reisen am Rottenburger Neckarufer

Heldenhafter Narr, ein italienischer Engländer und Bratwurstweckle: Mit Musik, Literatur und Speisen aus der Türkei, aus Italien und Deutschland gingen die Sommerleseabende beim Haus am Nepomuk zu Ende.

23.08.2014
  • Madeleine Wegner Werner Bauknecht

Rottenburg. „In der Türkei kennt ihn jedes Kind und jeder Erwachsene“, sagte Sümeyra Gedik. Die Rottenburgerin eröffnete am Donnerstag den Sommerleseabend mit Geschichten über Nasreddin Hoca (sprich: Hodscha). Er sei der „türkische Till Eulenspiegel“, ein Schelm mit heldenhaften Zügen und manchmal auch weisen Worten. Ob er Gemüse geklaut hat, ihm geliehene Töpfe oder ein Esel abhanden gekommen sind: Der Hoca bringt sich immer wieder in ungemütliche Situationen. Ein Meister ist er jedoch darin, sich aus der Affäre zu ziehen und schlaue Ausreden zu finden.

„Das war der kürzeste Beitrag, den wir je hatten. Die Veranstaltung schließt um halb acht“, scherzte Ernst Heimes. Die fünf Hoca-Geschichten waren nicht nur amüsant, sondern auch kurz. Selbstverständlich ging der Leseabend nicht nur eine halbe Stunde. Sümeyra Gedik las als Zugabe weitere Hoca-Geschichten. Da die eingeladenen türkischen Musiker wegen Erkrankung nicht spielen konnten, sorgte der Rottenburger Musiklehrer Thomas Schneck für Ersatz: Sein Heidenheimer Kollege Wolfgang Sörös sang und spielte auf dem Akkordeon.

Doch ein Repertoire türkischer und italienischer Stücke aus dem Hut zaubern? Branduardi half aus der Bredouille. Und zumindest einen Schlenker Richtung Osten deutete er an mit dem Puhdys-Lied „Wenn ein Mensch lebt“. Das war in den 70er-Jahren bekannt geworden durch den DDR-Kultfilm „Die Legende von Paul und Paula“. Sörös schwärmte vor allem für den Text, der wie auch das Drehbuch von Ulrich Plenzdorf stammt: Sehr schön und poetisch sei der, man wisse nicht so recht, wie es gemeint ist.

Original türkische Spezialitäten konnten die Besucher in der ausgedehnten Pause probieren: Das Früchtehaus Gedik hatte Teller mit türkischen Häppchen vorbereitet. Der Andrang war groß.

Trotz der wenig sommerlichen Temperaturen hatten es sich wieder mindestens 150 Besucher auf den Stühlen bequem gemacht. In den letzten Strahlen der Abendsonne kam Maria Zena auf die Bühne. In den Text-Miniaturen, die sie ausgewählt hatte, trafen unterschiedliche Nationalitäten aufeinander: Schweizer, denen es in Rom zu schmutzig ist, oder ein Italiener, der sich als Engländer ausgibt. Die Texte waren – ähnlich den türkischen Kurzgeschichten – ein Hörvergnügen zum Schmunzeln.

Sörös, der Musiklehrer aus Heidenheim mit seinem Lockenkopf, sieht dem italienischen Sänger Angelo Branduardi nicht nur ähnlich – er kann auch so klingen. Vom Akkordeon begleitet sang er den Klassiker „La pulce d‘acqua“, aber auch italienischen Schlager wie „Gente di mare“. Das Publikum war so begeistert, dass es sich mehrere Zugaben erklatschte.

Ein breites Angebot an deutscher literarischer Folklore gab es am gestrigen Freitagabend zum Abschluss der Sommerleseabend 2014. Dazu gab es drei musikalische Intermezzi mit Gesang von Amelie Schilling und Viktoria Eschfelder.

Nachdem der Jugendliche Lucas Nouskas Sebastian Blaus Gedicht vom St. Nepomuk in strahlendem Schwäbisch vorgetragen hatte, kam Dorothee Wesselburg ganz norddeutsch: Etliche Passagen von Friedrich Müllers „Als der Mond noch August hieß“ waren in reinstem Platt. Zu Beginn las sie die Titelgeschichte des Buchs, das aus Erinnerungen an eine weit zurückliegende Kindheit in der Landschaft Norddeutschlands besteht.

Renate Helferstorfers Lesung des „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf behandelte dagegen Berliner Jugendliche, die absolut im Hier und Jetzt leben. In der Schule wird Tschick vom Lehrer „reingeschleppt“, und Mike, der andere Protagonist, kann ihn auf Anhieb nicht leiden. Sie sind auch gar zu verschieden: Mike aus gutem Haus mit reichlich Geld und einer Mutter, die trinkt, sowie einem Vater, der sie betrügt. Dort der Aussiedler aus den „fernen Weiten Russlands“, wie der Lehrer ihn vorstellt: „dünne Beine, kantiges Gesicht und Schlitzaugen“. Die beiden 14-jährigen Außenseiter reisen „in die Walachei“, denn da hat Tschick einen Opa. Das ganze mit „geliehenem“ Auto, einem alten Lada.

In der Lesepause gab es, urdeutsch, Bratwurst und Schweinsbraten.

Info Die „Gutenachtgeschichte unterwegs“ des TAGBLATTs gastiert am Mittwoch, 27. August, ab 19 Uhr im evangelischen Kindergarten Ergenzingen, Königsberger Straße 41.

Italien, Türkei, Deutschland: Leckere literarische Reisen am Rottenburger Neckarufer
„I don’t like Rottenburg, I love it!“ – der Heidenheimer Wolfgang Sörös sang seine eigene Version des 10cc-Reggae-Songs „Dreadlock Holiday“. Bild: Wegner

Italien, Türkei, Deutschland: Leckere literarische Reisen am Rottenburger Neckarufer

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23.08.2014, 12:00 Uhr

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